Album von Lee Perry und Mouse On Mars: Lees letztes Hosianna
Noch vor seinem Tod nahm die Dubikone Lee Perry mit dem Duo Mouse On Mars das Album „Spatial, no Problem.“ auf: Krautelektro trifft auf karibischen Spuk.
Lee „Scratch“ Perry (1936–2021) war einer der bedeutendsten Innovatoren des Reggae, erfand das Genre Dub und gilt daher auch als einer der Wegbereiter für Techno. Dass Perry nun – fünf Jahre nach seinem Tod – auf einem Krautrockbeat des Berliner Duos Mouse On Mars durch die Prärie reitet, damit konnte keiner rechnen.
So durcheinander die Musik auf „Rockcurry“, dem ersten Stück des nun erschienenen fulminanten Albums „Spatial, No Problem“, auch klingen mag, so auffallend stimmig klingt der Song, der mit einem Motorikbeat daherkommt, wie man ihn von Klaus Dinger und Jaki Liebezeit kennt.
Perry, zum Zeitpunkt der Aufnahme im Jahr 2019 schon jenseits der 80, scheint hier auf einem elektrischen Bullen zu sitzen. Auf dem schnaufenden Koloss galoppiert der bis zuletzt geckenhaft auftretende Perry durch einen atemlosen Track.
Lee „Scratch“ Perry & Mouse On Mars: „Spatial, No Problem.“ (Domino/GoodToGo)
Die Musik klingt so gar nicht wie die hanfbefeuerten Dubklassiker, für die der als Rainford Hugh Perry geborene jamaikanische Musiker und Produzent berühmt wurde. Stattdessen rappelt es gewaltig im Gebälk: Hyperaktiv fliegen Soundeffektkometen, Synthiewolken und stotterndes Gefleusch durch die Songkulisse, die auf dem Ritt in die Jagdgründe gestreift wird.
Zwischen Rastafari und Cut-Up
Perry selbst bleibt da nur das textliche Mäandern. Zwischen Rastafari-Anbetung und Dada-Cut-up beschreibt es eine metaphorische Weltreise: New York, London, Babylon, Berlin. Perry singt die eigenen Harmonien hoch, croont, rappt und hosiannat virtuos. Sein breites Ausdruckspektrum von Brabbeln bis zu mit fester Stimme vorgetragenem Gesang bestimmt „Spatial, No Problem“, sein letztes zu Lebzeiten entstandenes Werk.
Das Eröffnungsstück ist die Blaupause für die sieben weiteren Songs, die Perry und die Elektronikpop-Avantgardisten von Mouse On Mars in deren Berliner Studio aufgenommen haben. Eins war im Vorhinein klar: Eine Dubplatte sollte „Spatial, No Problem.“ nicht werden.
In „Spatialee“ lassen sich äthiopische Jazzspuren erkennen – was angesichts der spirituellen Verehrung des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie durch die jamaikanische Rastafaribewegung nicht abwegig scheint. Selbst da, wo der Track „Fire Dali“ und das Finale „State of Emergency“ einem dubbigen Beat nahekommen, wehren sie sich gegen Dubklischees.
Typisch für das Duo Mouse On Mouse (Andi Toma und Jan St. Werner) unterlaufen die Stücke Erwartungen, der Sound morpht mit viel elektronischer Magie zu vielgesichtigen Hybriden, die sich vom großen Tisch der Musikgeschichte zwischen hawaiianischer Folklore und Techno bedienen.
Simple Musik mit komplizierten Mitteln
Der Kölner Autor Felix Klopotek schrieb einst, dass Mouse On Mars „mit den kompliziertesten Mitteln die einfachste Musik“ produzieren, was sich exemplarisch auf der eigens zur Veröffentlichung eingerichteten Insta-Seite zeigt: In kurzen, lustvollen Dokuschnipseln berichten Toma und Werner vom Produktionsprozess – dabei scheint das Duo selbst von den eigenen Taten verwirrt: „Das ist Obscurium von Sugabytes. Nein. Das ist C15.“
Besonders interessant wirkt es, wenn sie über „To The Rescue“ sprechen, dem vorletzten Stück des Albums. Hier trifft eine mehr als 20 Jahre alte Liveaufnahme auf die neue Studioversion; Perry kommentiert quasi in Echtzeit diesen alten Call-&-Response-Chant, der länger schon zum Standardrepertoire gehörte. Eine Zeitreise von vielen auf „Spatial, No Problem.“, denn auch die beiden Mouse On Mars’ler scheinen nochmal in die Vergangenheit zu blicken: Sucht man einen klanglichen Vorgänger für das neue Album, muss man zu den Anfangstagen des Duos reisen.
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„To the Rescue“
Besonders deutlich ist die Nähe zu „Iaora Tahiti“ von 1995, dem zweiten Werk des damals noch in Köln und Düsseldorf angesiedelten Duos. Bezüge zum rheinischen Krautrock, das leicht karnevaleske Spiel aus Ernst und Frohsinn, Schlager, Folk und avantgardistischer Elektronik finden sich nun wieder.
„Economic Train“ etwa, von Saxofon und Posaune unterstützt, erinnert an die empowernden Mardi-Gras-Blaskapellenumzüge, die man mit New Orleans verbindet. Oder, wenn man so will, an den kölschen Geisterzug, einer sub- und gegenkulturell getragenen Antithese zum Rosenmontagszug. Für „Iaora Tahiti“ nahm Mouse On Mars den Schlager von Jack White und Tony Marshall aufs Korn, deren Hit „Schöne Maid“ dreist von einer obskuren Maoriplatte namens „Iaora Tahiti“ geklaut war.
Hofnarr oder Trickster?
Solcherlei intertextueller Karnevalesken bedarf es bei „Spatial, No Problem.“ gar nicht, hat man doch in Lee „Scratch“ Perry selbst einen der leidenschaftlichsten Hofnarren der Musikgeschichte an Bord. Schon seit den 1960ern sorgte Perry für kreatives Chaos in der jamaikanischen Musikszene.
Und bis zuletzt, so zeigen die teilweise an Kinderreime erinnernden Improvisationen, versteckte Perry in den vermeintlich banalsten Reimen Botschaften großer Bedeutung: „To the Rescue / Here I come“ – für euch spiele ich gerne den Superhelden, aber wer weiß, was das bringt? Das sanfte, leicht beschwippste, von einer Hawaiigitarre getragene Instrumental unterstreicht das dezent sinnfreie Hoffen auf einen messianischen Erlöser in der Situation.
Perry selbst machte sich bald nach den Aufnahmen auf seine eigene Reise in die Unendlichkeit. Sein Vermächtnis ist dieses Album, das uns eine Warnung hinterlässt: „State of Emergency“, ein Trauermarsch mit Blaskapelle vorgetragen.
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