Fotoband über Lee Perrys Studio: Mit Kleopatra in der schwarzen Arche
Reggaeproduzent Lee Perry machte sein Black-Ark-Studio zum Instrument. Ein opulent gestalteter Fotoband unternimmt eine Inventur dieses Klanguniversums.
Herumlungern auf dem Offbeat, das hat der jamaikanische Künstler Lee „Scratch“ Perry als Reggaeproduzent meisterhaft kultiviert. Perry arbeitete sich in den 1960ern vom Boten für Plattenfirmen zum Komponisten für Bob Marley hoch. Als wandlungsfähiger Sänger feierte er erste Erfolge. Seine künstlerische Handschrift verfeinerte er im Studio „Black Ark“, das er von 1973 bis 1979 in seinem Haus in Kingston betrieb.
Im eben erschienenen, opulent aufgemachten Buch „Black Ark“ wird eine „visuelle Inventur“ des „Black Ark“-Studios vorgenommen. Dazu sind instruktive Essays gesammelt (u. a. von Veerle Poupeye, Kodwo Eshun und John Corbett), die bisher nur verstreut erhältlich waren. Die Fotos basieren auf einer Reportage auf dem Grundstück von Perrys einstigem Wohnhaus, das nach einer Brandstiftung 1980 nur noch als Ruine erhalten ist. Es wurde nie geklärt, ob Perry sein Haus selbst angezündet hat.
Auf der Höhe seines Ruhms hatte der jamaikanische Produzent den Künstler Jah Wise als Fassadenmaler beschäftigt, der Mauern, Hinterhof und Studio mit spirituellen Wandgemälden und Deckenfreskos verzierte: „Yard Art“, wie sie in den 1970ern auf der karibischen Insel überall verbreitet war und heute zum jamaikanischen Kulturerbe zählt.
Zebras, Löwen, Blitz und Donner
Zu sehen sind Zebras und Löwen, Himmelsdarstellungen mit Wolken, Blitz und Donner. Dazu Porträts von Haile Selassie, Marcus Garvey und Kleopatra, wichtige Figuren im Pantheon der jamaikanischen Kultur. Altes Testament und Ägypten clashen mit moderner Technik und einem prekären Alltag auf Jamaika, dessen geopolitische Frontstellung zwischen Kuba und den USA mitverantwortlich für die Armut der Bevölkerung war und ist.
Andreas Koller (Hg.): „Lee 'Scratch’ Perry. Black Ark“, Edition Patrick Frey, Zürich 2026. 668 S., 68 Euro
Am Mischpult erhob Perry die spukhaften Versionierungen von Reggaesongs zu eigenständigen ekstatischen Kunstwerken. Wo Dubmixe zuvor nur B-Seiten einzelner Reggae-Singles zierten, brachte sie Perry als eigenständige Erzählungen auf Albumlänge. Im „Black Ark“-Studio wurden eigene Riddims aufgenommen, nie mit Versionen konkurrierender Studios gearbeitet. Ein Novum auf Jamaika und ein Zeichen von Perrys Standing, das ihn weltberühmt machte. Selbst Paul McCartney kam 1977 zu ihm ins Studio.
Wann Instrumente am Mischpult aus dem Mix entfernt und wieder hinzugefügt wurden, weshalb Perry sie durch „anbratende“ Effekte wie Reverb und Geräte wie das Roland-Space-Echo jagte und warum diese Dubversionen trotzdem eingängig klingen, darüber hirnen Toningenieur:Innen bis heute.
Lee Perry konnte am Mischpult das Raumzeitkontinuum aus- und auf eigene Zeitrechnung umschalten. Rum- und Cannabiskonsum lösten bei ihm Ende der 1970er eine Psychose aus. Er vergrub Tonbänder im Garten, urinierte auf seine Effektgeräte und begann, die Wände des Studios mit Hieroglyphen zu versehen. „Why you write up the place?“, fragte ihn die Sängerin Susan Cadogan. „If you don’t write, you wrong“, antwortete Perry.
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