Prog-Rock aus Frankreich: Sie waren linksradikal und nicht auf der Suche nach Gott
Mit „Synths, Sax & Situationists“ hat der australische Autor Ian Thompson ein Buch über den französischen Undergroundrock zwischen 1968 und 1978 veröffentlicht.
Foto: Michael Ochs Archives/getty images
Dass die französische (und bis zu einem gewissen Grad auch die italienische) Prog-Musik spannender gewesen sei als der deutsche Krautrock, vor allem aber, dass beide außerhalb ihrer Herkunftsländer weitgehend und sträflich unentdeckt geblieben sind, habe ich auf diesen Seiten schon häufiger gepredigt. Jetzt gibt mir endlich mal jemand recht. Der australische Journalist Ian Thompson taperte vor ein paar Jahren in einen Pariser Plattenladen und war auf der Suche nach einer raren Pressung der Single „See Emily Play“, ein Frühwerk von Pink Floyd. Starker Grund für einen Besuch an der Seine. Der gewünschte Fetisch fehlte, dafür gab es ein Fach namens „French Prog“ – das veränderte das Leben dieses Musikbegeisterten.
Jetzt gibt es sein Buch, das abgesehen von ein, zwei älteren Publikationen (zum Beispiel Eric Drott, „Music and the Elusive Revolution: Cultural Politics and Political Culture in France 1968–81“) tatsächlich eine Lücke füllt. „Synths, Sax & Situationists“ nimmt sich die Jahre 1968–1978 vor und unterscheidet dabei zwischen den politischen, jazzigen, lysergischen, avantgardistischen und elektronischen französischen Bands. Dabei waren sie eigentlich alle politisch, und eigentlich waren sie auch alle Avantgarde.
Jazz spielte in Frankreich insgesamt eine weit größere Rolle als in Deutschland – und die nicht so zahlreichen Elektroniker waren auch linksradikal und keine Gottsucher wie auf der anderen Rheinseite.
Wenige Veröffentlichungen
Ein weiterer Anlass für die späte Bestandsaufnahme: Viele der entscheidenden französischen Bands der frühen 1970er haben nie ein Album aufgenommen oder ihre Aufnahmen veröffentlichen können. Ausführlich gewürdigte Bands wie Contrepoint sind erst Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden durch posthume Liveveröffentlichungen oder Studioreste einem größeren Publikum bekannt geworden.
Andere, wie La Fille qui mousse, blieben mit ihren raren Miniauflagen bis zur Wiederveröffentlichung auf den mythischen Status beschränkt, den sie der Aufnahme in die Nurse-With-Wound-Liste verdanken (dabei handelt es sich um eine ebenfalls nicht unmythische und sehr geschmackssichere Liste von 1979 mit großartiger, aber seinerzeit extrem obskurer Avantgarde-Popveröffentlichungen, zu großen Teil deutsch und französisch, die die protosurrealistische britische Lärm-Dada-Free-Music-Band Nurse With Wound auf ihrem Debütalbum zusammenkanonisiert hatte).
Eigentlich sind nur drei der hier behandelten französischen Gruppen über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden: Heldon, die auch auf diesen Seiten gewürdigt wurden, Magma, über die es Titelgeschichten auch im deutschen Musikmagazin Sounds während der 1970er gab, und Gong, die hartnäckig und überlebensklug Jahrzehnte in den verschiedensten Besetzungen von Frankreich aus umherstreifenden semiaustralischen Hippies, deren Ursprung ja das britische Canterbury war – alles andere ist im angepasstesten Fall Prog-Rock eben jener Canterbury-Schule, meist geht es weit darüber hinaus.
Es ist daher auch kein Wunder, dass Soft Machine, die oft in Frankreich tourende Band, deren Urbesetzung jener Daevid Allen ja verließ, um Gong zu gründen, mit am häufigsten als Vorbilder und Initialzündung genannt werden und mit Abstand die meisten Registereintragungen einer nichtfranzösischen Band ausweisen.
Soft Machine als Bezugspunkt
Wenn die zahlreichen Musiker, die Thompson interviewt hat, ihre kreativen Urszenen erinnern, spielt immer ein Stadium der Softs zwischen 1968 und 73 eine entscheidende Rolle: Schade nur, dass von deren zahlreichen französischen Kindern Thompson nur den soundähnlichen Contrepoint, nicht der süßlich-eleganten Weiterentwicklung Travelling oder den wirklich brillanten Perception Platz einräumt.
Thompsons Interviewpartner sind oft sehr eloquent, etwa Dominique Grimaud von Camizole (selbst Autor eines Buches über den französischen Underground), der den Weg vom hochinspirierten Chaotiker zum Klaus-Schulze-Fan zurücklegte, oder Jean Jacques Birgé von Un Drame Musical Instantané. Sie schildern Umschwünge vom dadaistischen Kommunetheater zur strengen Elektronik, von fröhlichem Dilettantengeklopfe zu komplexistischen Free-Jazz-Rock-Hybriden. Neben Soft Machine gab es noch zwei weitere Initialzündungen: Die eine wäre Zappa und mit ihm ein entwickelter Sinn für Präsentation und Theater, eine Art Rock-Fluxus, der sich durch die ersten Jahre zieht; die zweite, noch wichtigere ist der Aufenthalt von einigen Dutzend afroamerikanischen Free-Jazz-Musikern, die nach dem panafrikanischen Festival in Algiers im Jahr 1969 in Paris geblieben waren.
Ian Thompson: „Synths, Sax & Situationists. The French Musical Underground 1968–1978“. Roundtable Books, London, 2025, 534 Seiten, ca. 27 Euro
Neben Archie Shepp und dem mehrere Jahre in Paris produktiven Art Ensemble of Chicago, waren das noch zahlreiche weitere, damals weniger bekannte Künstler wie Clifford Thornton, Arthur Jones, Sunny Murray, Jacques Coursil, Andrew Cyrille, Sonny Sharrock, der von vielen Free-Franzosen als Vorbild genannt wird.
Sie alle nahmen innerhalb weniger Wochen circa 50 Alben für das vom Pariser Zeitgeistmagazin actuel mitgetragene Label byg auf, das zugleich eine der ersten Infrastrukturen für den neuen Underground bildete: Nicht nur Gong und erste psychedelische Rockbands wie Ame Son veröffentlichten in dieser Reihe, sondern auch verschiedene Projekte des zwischen neuer Musik, Free Jazz und Filmmusik pendelnden Michel Portal, das avantgardistische Acting Trio und MEV, Musica Elettronica Viva – das berühmte, eigentlich US-amerikanische Kollektiv aus linken Komponisten neuer Musik (Richard Teitelbaum – im Buch ganz unsäglich falsch geschrieben –, Alvin Curran, Frederic Rzewski und anderen). In Italien ansässig, begann MEV ein zweites Leben als Hippie-Kommune mit zeitweilig ganz anderen Mitgliedern und entwickelte einen ebenfalls starken Einfluss auf den französischen Underground.
Fluxus und Zappa
Der unbekümmerte Ideenreichtum, die Radikalität und Nutzung jedes Instruments und jeder denkbaren Klangquelle etwa bei genialen Experimentatoren wie Horde Catalytique pour la fin („Wir wollen […] ein Zersetzen des Gehörs, einen restlosen Abbau aller Rücklagen“) wurde in letzter Zeit immer wieder mit Post-Punk und Genialen Dilettanten verglichen, worauf eine andere Band im Gespräch mit Thompson sympathischerweise nicht nur erwidert, mehr mit Fluxus und Zappa zu tun gehabt zu haben, sondern: „Das Einzige, was wir mit Punk gemeinsam hatten, war, dass wir nicht spielen konnten.“
Wir fassen zusammen: Canterbury Sound, ein aus neuer Musik hervorgegangenes Hippiekollektiv, Dada und Fluxus, und eine linksradikal politisierte Musikkultur mit Bands wie Komintern und Red Noise, die alle weder klangen wie die Scherben noch wie Floh de Cologne, sondern wie eine Mischung aus Free Rock, Ye-Ye-Sprengsel und Noise mit Theatereinlagen, trafen auf eine Szene, in der Figuren wie Patrick Vian das Sagen hatten: der freigeistige Sohn des 50er Jahre Heroes, Autors, Jazzers und Erz-Bohemians Boris Vian, oder die von vollmundiger High-Energy-Protestfolklore zu Free Jazz übergelaufene Black-Panther-Unterstützerin Colette Magny. Das waren krasse Konstellationen, die es in der BRD nicht gab und in deren Abwesenheit die kosmische Disposition der Deutschen, die Dominanz von paraanthroposophischer Esoterik und die Früchte der Hermann-Hesse-Lektüre einsickern konnte.
Die große Schwäche der französischen Szene war hingegen die abwesende Infrastruktur: Es gab zwar abenteuerlustige Label wie Futura, des schon zu Zeiten des französischen Free-Jazz-Underground umtriebigen Produzenten Gérard Terronès, wo neben Drogenmusik und kommunistischen Popsymphonien auch Archie Shepp, Sam Rivers und die französische Free-Jazz-Elite um Leute wie Jef Gilson oder Raymond Boni veröffentlichte; und das ebenfalls schon länger einschlägige Saravah-Label, wo sich radikalisierte YeYe- und Chansongrößen wie Brigitte Fontaine mit den Popprojekten des Art Ensemble trafen.
Gigs in französischen Jugendzentren
Aber das war’s, die Majors packten es nicht. Auf einen kurzen Boom, der 1971 zu gut zwei Dutzend Debütalben führte, folgten 1972 nur noch einstellige Veröffentlichungszahlen und keine zweiten LPs. Das Infrastrukturproblem bei Livekonzerten löste immerhin der umtriebige ehemalige Yardbirds-Manager, Magma- und Gong-Unterstützer Giorgio Gomelsky, indem er ein Netzwerk französischer Jugendzentren für Gigs mobilisierte.
Thompson lässt bei der jazzigen Flanke der Bewegung vieles aus (Dharma Quintet, Maschi Oui etc.), ebenso die experimentelle Entwicklung späterer Jahre: Ghedalia Tazartés, aber auch der gerade verstorbene Partner von Brigitte Fontaine, Areski, kommen gar nicht, Pascale Comelade kommt nur am Rande vor. Dafür wird aber ein weiß Gott verdienter und bis heute unerschöpflich einfallsreicher und gewitzter Charakter wie Jac Berrocal, der mit all diesen Leuten viel gemacht hat, ausgiebig gewürdigt.
Der Australier hat ein immens informatives Buch mit anregender Disko- und Bibliografie gewuchtet, bei dessen Lektüre man über die große offene Frage, ob und wie Rock-Underground nicht insgesamt auch in ganz andere Richtungen sich hätte entwickeln können, mit viel Material, etwa den fantastisch spröden Mahagony Brain im Ohr, nachdenken kann. Thompson hat keine Thesen zu seinem Material, außer den hier referierten, und auch das Versprechen, situationistische Connections offenzulegen, bleibt weitgehend unerfüllt. Er lässt die Leute reden – und das ist ein Anfang bei einer Entdeckungsreise, die ansonsten von der Wiederveröffentlichungspolitik von Labels wie Souffle Continue angetrieben wird.
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