Aktiv in Berlin: Niemensch zurücklassen

Obdachlose und Flüchtende geraten in der Pandemie noch mehr aus dem Blick. Für die Wohnhaften ist es Zeit, aktiv zu werden.

Zwei schlafende Kleinkinder und eine erwachsene Frau schmiegen sich aneinander

Käthe Kollwitz: Städtisches Obdach (1926) Foto: Metropolitan Museum of Art/Wikimedia

Joseph Geihe, Karl Melchior, Lucian Szczyptierowski. In der Mühle der Geschichte Berlins wären auch diese Namen, diese Menschen, längst verloren gegangen – hätte eine gewisse Rosa Luxemburg sie nicht in ihrem Text „Im Asyl“ festgehalten. Erfroren, wie tausende Namenlose vor und nach ihnen, sind diese drei Obdachlosen nicht, damals im Winter 1911.

Wie 70 andere „Asylisten“ aus dem Städtischen Obdach „Palme“ in der Fröbelstraße, starben die verelendeten Arbeiter an einer Vergiftung. Während obdachlose Menschen sonst vereinzelt, unsichtbar und leise umkamen, gab es bei diesem Massenfall viel Presse.

Die bürgerliche Gesellschaft wollte beruhigt werden und wurde es: Die Obdachlosen hatten sich zuvor am Weihnachtsfest verdorbenen Fisch oder gepanschten Schnaps „geleistet“. Es handelte sich also nicht um eine ansteckende Epidemie, die auch die Bürgerlichen betroffen hätte.

Papierene Abgrenzung

Doch, so schreibt Luxemburg über das (mediale) Ereignis: „Plötzlich zeigt sich, dass unter dem äußeren Rausch und Tand der Zivilisation ein Abgrund der Barbarei, der Vertierung gähnt; Bilder der Hölle steigen auf, wo menschliche Geschöpfe im Kehricht nach Abfällen wühlen, in Todeszuckungen sich winden […] Und die Mauer, die uns von diesem düsteren Reich der Schatten trennt, erweist sich plötzlich als eine bloße bemalte papierene Kulisse.“

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Beruhigt sein kann heute freilich niemand mehr, angesichts der Pandemie. Und doch malen die Wirtschaftsvertreter und Entscheider angesichts der hohen Infektions- und Todeszahlen weiter „ethische“ Kulissen: Ein solidarischer Shutdown, der auch die Produktion mit einschließt und damit Ar­bei­te­r*in­nen schützt? „Undenkbar, die Wirtschaft!“

Und noch immer gelingt uns Wohnhaften tagtäglich die Abgrenzung zu den Menschen auf der Straße und zu jenen, die in Lagern frieren oder abgeschoben werden. Sie sitzen nicht mit am Verhandlungstisch und nicht mit auf der Talkshowcouch. Doch es regt sich der Widerstand der Namenlosen und ihrer Verbündeten.

Vergangene Woche demonstrierten Betroffene schon zum dritten Mal vor dem Roten Rathaus gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen und für die Beschlagnahmung von spekulativem und bezugsfertigem Leerstand. „Lasst uns anstehende Zwangsräumungen unterbinden und die Versorgung von allen Menschen sicherstellen“, fordert auch die Initiative Kälteschutz im Mehringhof.

Praktische Hilfe und politischer Einsatz

„Nutzen wir die leerstehenden Ferienwohnungen, Wohnungen und Häuser und funktionieren wir die geschlossenen Hotels um, sodass alle Menschen eine Möglichkeit des Rückzugs haben können“, schreiben die Freiwilligen, die in Kreuzberg eine Notübernachtung stemmen (Spenden an: Förderverein Netzwerk Selbsthilfe e.V., IBAN: DE57 1002 0500 0003 0233 00, BIC: BFSWDE33BER, Betreff: Kälteschutz – Spende).

Der Mehringhof-Ini ist auch wichtig, dass wir „die Menschen auf den griechischen Inseln und der europäischen Grenzen nicht vergessen: Holen wir sie da raus!“ So schreibt die Initiative. Doch solange die EU weiter Kulissen malt und die dramatische Situation an ihren Grenzen aufrecht erhält, muss die No Name Kitchen weiter Menschen auf der Flucht mit dem Nötigsten versorgen:

Nahrungsmitteln, Kleidung und der Möglichkeit, sich zu duschen. No Name Kitchen ist im bosnischen Velika Kladuša, im serbischen Šid und im griechischen Patras aktiv (Spenden an: No Name Kitchen, IBAN: ES90 0081 5155 7100 0198 4102, BIC: BSABESBBXXX).

„Deutschland schiebt derzeit mehr als vor der Pandemie ab“, heißt es wiederum in einem aktuellen Protestaufruf der No Border Assembly. 42 Sammelabschiebungen sollen es seit November gewesen sein. Mit einer Menschenkette unter Einhaltung von zwei Metern Abstand soll das Reichstagsgebäude in Mitte umstellt werden, um gegen Abschiebungen in der Pandemie und generell zu demonstrieren (Samstag, 6. Februar, 14 Uhr, Platz der Republik).

Denn jeder Mensch der – hier oder dort – namenlos in der Mühle der Geschichte verloren geht, ist ein Skandal. Damals in der Fröbelstraße, wie auch heute. Oder sind auch die Menschenrechte nur eine Zivilisationskulisse aus Papier?

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er/ihm. Lernt derzeit an der Deutschen Journalistenschule in München. Zuvor Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen aus den sozialen Bewegungen und queer durch die Kirchenbank. Gelernter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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