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ADHS im AlterDer letzte Witz macht das Licht aus

Seit 80 Jahren lebt die Mutter unserer Autorin zwischen extremer Lebenslust und totaler Erschöpfung. Jetzt macht ihr Körper den Zirkus nicht mehr mit.

L iebe Mama, jetzt hat Dich Dein Körper doch noch ruhig gekriegt. Du liegst tagein, tagaus in Deinem Pflegebett im Wohnzimmer und kannst Dich kaum noch rühren. Da Du schon lange kein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis mehr hast, kommen gefühlt täglich fremde Leute, um Dich zu waschen, zu wickeln, zu füttern. Doch in Dir drin, da brennt noch Licht, ein ziemlich helles sogar.

Neulich kam der Herr G vorbei, ein Nachbar, der schon lange nicht mehr da gewesen war. Er schüttelte immer wieder den Kopf. „Früher hat man Sie überhaupts ned bremsen können, Frau Riedel!“ Du hast ihm gravitätisch den Kopf zugedreht, drohend Zeigefinger und Augenbraue gehoben und mit heiserer Stimme gesagt: „Passen’S fei auf, was Sie sagen, gell?“

Mama, ich frage mich oft, was gewesen wäre, wenn Dir in Deiner Kindheit jemand gesagt hätte, dass Du ADHS hast. Wenn Du Medikamente bekommen hättest – Ritalin gibt es in Deutschland seit 1954. Wenn Dein Umfeld gewusst hätte, was so eine Reizfilterschwäche, so eine mangelhafte Exekutivfunktion bedeuten.

Du gehörst zu den ersten Babyboomern und den letzten Vertreterinnen der „Silent Generation“. Jegliches Psychogequatsche gilt Euch als Schwäche, Ihr und Eure Eltern hattet Schlimmeres mitgemacht. Den Fokus auf die individuelle Befindlichkeit empfinden viele älteren Leute noch heute als selbstzentriertes Gedöns. „Was uns nicht umbringt …“, und so weiter.

Dass Du komplett anders warst, als alle anderen, sah trotzdem jeder, spürte jeder, wusste jeder – aber es gab Worte der Normalität dafür: hektisch, temperamentvoll, impulsiv, explosiv.

Keine Grenze – auch die eigene nicht

Manche bewunderten Deine Kraft, Deinen Kampfgeist, liebten Deinen Charme, Deine Spontaneität, nie war es langweilig mit Dir. Andere fürchteten Deine Rauflust, vor allem meine Lehrer, auf die Du ab meiner Grundschulzeit Deinen Hyperfokus gerichtet hattest. Dein Ziel war nichts weniger, als das autoritätsgläubige bayerische Schulsystem aus den Angeln zu reißen.

Wenn Du nur willst, funktioniert noch alles. Du siehst den Kanzler in der Tagesschau und weißt sofort: Ach, der Merz, dieses Arschloch!

Nach meinem zweiten verschärften Verweis, mit dem ich zugleich vom Unterricht suspendiert wurde, bist Du zum Erdkundelehrer gegangen: „Den Verweis können Sie sich auf Ihr Klo hängen!“, so hast Du es uns am Abend erzählt und wir haben uns totgelacht. „Glauben Sie, das ist eine Strafe, wenn meine Tochter drei Tage nicht in die Schule darf?“ Ich hab' Dich dafür abgefeiert, dass Du Dich immer vor mich gestellt hast. Aber am Ende flog ich trotzdem. Wahrscheinlich konnten die Lehrer auch Dich nicht mehr ertragen.

Aber auch ich war oft wütend auf Dich. Du konntest kein mir noch so wichtiges Geheimnis bewahren, hast keine Grenze respektiert, egal wie sehr ich Dich darum gebeten hatte. Deine eigene übrigens auch nicht. Danach tat es Dir manchmal leid, aber wenn ich Dich zur Rede gestellt habe, hast Du weggeschaut und laut irgendwas vorgelesen, was gerade in Dein Gesichtsfeld kam.

Eine Diagnose hast Du nie bekommen. Als ich 1990 getestet wurde, war die „Hyperkinetische Störung“ noch neu. Dass ADHS ein Leben lang bleibt, weiß man erst seit Kurzem. Profitieren können junge Leute, auch 40- oder 50-Jährige. Für Dich ist es zu spät. Und trotzdem hilft das Wissen – denn ich habe keinen Zweifel – Dich zu verstehen.

Der Zwang zur Opposition

Deine Erschöpfung, Deine Schmerzen in den Muskeln – wir haben Deinen Leidensdruck nicht ernst genommen, denn kurz darauf warst Du ja wieder der Orkan, der alles mit sich riss. Freundinnen und Ärzte haben gesagt: „Du musst Dich mal entspannen, Du musst Dich mehr bewegen“, „Sie müssen abnehmen, sich gesünder ernähren.“ Dass Du im nächsten Moment das Gegenteil machst – das ist klassisches ADHS-Verhalten. Ein „Muss“ provoziert unser Gehirn zur Opposition – auf unsere eigenen Kosten.

Seit 80 Jahren ist in Deinem Kopf die Hölle los, Mama. Bist Du wirklich dement? Oder hat sich Deine Strategie den Reizoverload zu verdrängen über die Zeit einfach verselbstständigt? Wenn Du nur willst, funktioniert noch alles. Du siehst den Kanzler in der Tagesschau und weißt sofort: „Ach, der Merz, dieses Arschloch!“

Obwohl, es ist weniger eine Frage des Willens, als der Energiereserve. Und ja, die geht zur Neige, wie bei allen alten Leuten. Und trotzdem: Dein Humor, Deine Lust am Leben, die sind noch da. Und ich glaube, sie werden die letzten sein, die das Licht ausmachen.

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Sunny Riedel

Sunny Riedel Redakteurin taz1

Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Anna Klöpper das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung. Themen: Latein, Amerika und Lateinamerika. An der DJS gelernt.
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7 Kommentare

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  • Ja, ein wunderbarer Text. Endlich kommt die Idee an die Öffentlichkeit, dass es auch Frauen geben muss, die ein langes Leben mit ADHS verbracht haben, und in fast allen Fällen ohne Diagnose. Aber oft mit Kindern, für die sie Hilfe gesucht und nicht gefunden haben, denn bis hoch in die 90er gab es die definitiv nur für wenige. Viele mit Rückblick auf ein Leben, in dem sie kaum Chancen auf Glück hatten, weil die ADHS-Eigenschaften vielleicht einem Mann, aber niemals einer Frau verziehen wurden und werden.



    Die politische Hellsichtigkeit, die der Artikel beschreibt, die Unfähigkeit, zu ignorieren und zu lügen, die Unfähigkeit zum Opportunismus - für mich spricht alles dafür, dass diese "Abweichung" nicht therapiert werden sollte, sondern als Diversität respektiert werden muss, denn abweichende und ausbrechende Denkmuster sind in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation überlebensnotwendig. Oder Verhaltensmuster, wie zum Beispiel Prokrastination, die vielleicht nur bedeutet sich zu verweigern, solange die Entscheidungsbedingungen nicht geklärt sind, während man von allen Seiten bedrängt wird - auch das ist nicht zukunftsfähig.

    • @Christine_Winterabend:

      Das haben Sie jetzt aber auch ganz wundervoll beschrieben!

  • Ja, ein wunderbarer Text. Endlich kommt die Idee an die Öffentlichkeit, dass es auch Frauen geben muss, die ein langes Leben mit ADHS verbracht haben, und in fast allen Fällen ohne Diagnose. Aber oft mit Kindern, für die sie Hilfe gesucht und nicht gefunden haben, denn bis hoch in die 90er gab es die definitiv nur für wenige. Viele mit Rückblick auf ein Leben, in dem sie kaum Chancen auf Glück hatten, weil die ADHS-Eigenschaften vielleicht einem Mann, aber niemals einer Frau verziehen wurden und werden.



    Die politische Hellsichtigkeit, die der Artikel beschreibt, die Unfähigkeit, zu ignorieren und zu lügen, die Unfähigkeit zum Opportunismus - für mich spricht alles dafür, dass diese "Abweichung" nicht therapiert werden sollte, sondern als Diversität respektiert werden muss, denn abweichende und ausbrechende Denkmuster sind in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation überlebensnotwendig. Oder Verhaltensmuster, wie zum Beispiel Prokrastination, die vielleicht nur bedeutet sich zu verweigern, solange die Entscheidungsbedingungen nicht geklärt sind, während man von allen Seiten bedrängt wird - auch das ist nicht zukunftsfähig.

  • ein wunderbarer Text. Ich bin 64 und meine Hyperaktivität hält sich in Grenzen, aber die geistige Wendigkeit, der ewige Zwang zur Opposition, die Fähigkeit zu jeder Ansicht eine neue Perspektive zu finden, das alles möchte ich nicht missen. Manchmal würde es helfen den Fokus etwas mehr kontrollieren zu können, aber mal ehrlich, unbesiegbar sind wir auch so. Gute Laune und Humor, vermutlich kann man auch ohne alt werden, aber warum sollte man auf den Spaß verzichten?

  • „Hyperkinetische Störung“ 1990 noch neu? Ich hab vergleichbare Verhaltens-Reliefs (so nenne ich es mal hier) schon 1983 im Studium besprochen.



    Ja, eine Diagnose zu bekommen, kann helfen .. kann aber auch verfestigen.

    • @Kay Brockmann:

      Oha, da weiß ja jemand Bescheid ...



      Dass für eine erfolgreiche Therapie ein richtiger Befund vorliegen sollte, ist aber bekannt, ja?



      Und anzuerkennen, was ist - in diesem Fall "Krankheit" statt "Asozialität" - soll keine Entschuldigung für Umstehende sein, sondern kann Betroffenen beim Umgang mit ihrem Anderssein sehr wohl helfen; ganz im Gegensatz zu Ihrem letzten Satz ...

      • @Christian Lange:

        Ups, ich meinte Diagnose statt "Befund". Befunde sind Fakten, Diagnosen können auch falsch sein, darum muss es heißen "richtige Diagnose" ...