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Angst vor der ModekrankheitZu viel Liebe für ADHS?

Normalos finden, ADHSler übertreiben mit ihrer Diagnose. Dabei sollten sie Betroffene bei der Suche nach Selbstakzeptanz unterstützen. Und zuhören.

I ch verliebe mich leicht. In guten Zeiten täglich mehrmals. Immer wieder neu in die leuchtend orangefarbene Lichterbällchenkette, die seit einem knappen Jahr in meinem Wohnzimmer baumelt. In die Radiostimme, die mich neulich aus dem offenen Fenster eines parkenden Autos so vertraut angebrummt hat. In den Geruch meines Waschmittels. Ins Meer.

Vor ein paar Jahren habe ich mich in meine ADHS-Diagnose verliebt. Fast dreißig Jahre nach meiner ersten, nie beachteten, längst vergessenen. Sie hat Gefühle in mir ausgelöst: Erleichterung. Trauer. Trost. Frieden. Sie war der kleine kostbare Schlüssel in das verwunschene Turmzimmer, von dessen Fenster aus ich endlich den Blick über das ganze Land hatte.

Ein gewaltiges Ach-so! hallt seither durch meinen Kopf, immer wieder neu angestimmt durch Erinnerungen und Erlebnisse und vor allem durch den Austausch mit anderen Frischverliebten. Dann klingt es besonders schön. Nicht immer harmonisch, aber in derselben Tonart.

Ist es bei Dir auch so, dass? Kennst Du es, wenn? Wie gehst Du um mit? Zu den Evergreens gehört: Wir lieben Tiere, wir hassen es zu enttäuschen. Wir hängen die Wäsche nur auf, wenn man uns nicht darum bittet. Und lassen dann das letzte T-Shirt liegen, weil wir es „später“ machen. Wir langweilen uns schnell, wollen aber ein und denselben Film 30 Mal hintereinander sehen.

Ausreden und das böse Internet

Es sind Mythen und Wahrheiten, über die sich mal kritischer, mal weniger kritisch ausgetauscht wird in dieser eingeschworenen Gruppe, in der sich Vorerklärungen erübrigen.

Doch diese Gruppe wird argwöhnisch beäugt von Leuten, die sich Sorgen machen. Sorgen, dass es sich um eine Modeerscheinung handeln könnte. Dass es zu fehlerhaften Selbstdiagnosen kommt, weil TikTok und das Internet. Ältere fürchten noch immer das Stigma und nehmen für ihre Enkelkinder in Anspruch „ganz normal, nur eben ein bisschen lebhaft“ zu sein. Andere wollen verhindern, dass nun, da eine „Ausrede“ für Chaos, Unzuverlässigkeit und emotionale Ausbrüche gefunden wurde, ihre Freunde und Part­ne­r:in­nen aufhören könnten, an sich zu arbeiten.

Und dann die Besessenheit, mit der Neudiagnostizierte nur noch über das Eine reden können: für Normale nicht nachvollziehbar und daher schlicht suspekt. Sie sagen: „Dauernd redest Du über ADHS. Aber alle Menschen sind doch unterschiedlich. Fixier Dich nicht so auf deine Diagnose!“

Was für ein Satz gegenüber einem ADHSler! Das ganze Leben planlos herumgeirrt, dann die entscheidende Erklärung gefunden, die uns von allen bösen Selbstverdächtigungen endgültig entlastet und Ihr sagt nur: Ist gut jetzt!

Itʼs our Gehirn, stupid!

Ohne sich massiv und rückhaltlos in die Möglichkeit einer ADHS hineinzusteigern, hätten die meisten doch noch nicht einmal den Weg zum Arzt geschafft. Geschweige denn, sich auf 30 Wartelisten setzen lassen.

So zu tun, als wäre ADHS nur ein lästiger Nebenaspekt, von dem man sich nicht die Lebensführung diktieren lassen sollte, zeigt ein eklatantes Missverständnis. Wir leiden nicht unter Haarausfall oder chronischer Nasennebenhöhlenentzündung. Es ist unser Gehirn, das uns daran hindert, die Spielregeln zu verstehen, an denen sich alle anderen so mühelos orientieren. Nicht das Nachdenken über die Störung schränkt uns ein, sondern die Störung selbst – und der Mangel an Akzeptanz und Verständnis.

Alles in unserer Welt funktioniert über totale Identifikation. Es ist unsere gern als Superkraft verklärte Besonderheit. Jede neue Leidenschaft absorbiert qua Hyperfokus das, was unsere – äußerst wandelbare – Persönlichkeit ausmacht. Und dass wir damit andere nerven, tut mir inzwischen nicht einmal mehr leid!

Die Obsession mit ihrer ADHS-Diagnose heißt für die allermeisten Leute: ein schäumendes Bad in duftender Selbstakzeptanz zu nehmen. Ein Duft, in den wir uns ungestört verlieben wollen. Und wann es so weit ist, dass wir genug davon haben, werden Neurotypische nicht für uns entscheiden.

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Sunny Riedel

Sunny Riedel Redakteurin taz1

Seit 2011 bei der taz. Leitet gemeinsam mit Anna Klöpper das Ressort taz.eins. Hier entstehen die ersten fünf Seiten der Tageszeitung. Themen: Latein, Amerika und Lateinamerika. An der DJS gelernt.
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