ADHS und Soziale Ausgrenzung: „Die haben Angst, dass ich ansteckend bin“
Kinder mit ADHS haben es schwer, Freunde zu finden. Das liegt nicht nur an ihnen. Gerade bildungsnahe Eltern grenzen zum Schutz ihrer Kinder oft aus.
I n meinem Kiez wohnt ein Junge, ein lautes, offenes Kind, dem nichts peinlich zu sein scheint. Er schreit oft gut gelaunt über die Straße oder spricht random Leute an: „Darf ich Ihren Hund streicheln?“, „Warum sitzen Sie im Rollstuhl?“, „Sie sollten nicht rauchen, rauchen ist ungesund!“ Im Sommer schmeißt er manchmal Wasserbomben oder er macht Klingelstreiche, auch jetzt noch, wo er schon im Teenageralter ist.
Der Junge hat ADHS. Typischerweise trägt er seine Gefühle vor sich her, ob er traurig, wütend oder glücklich ist – er teilt sich mit, er sucht Resonanz. Weil er aber ein Junge ist, trifft er, je älter er wird, umso mehr auf Ablehnung, denn Gefühle bei Jungs? Das passt nicht.
Als der Junge, nennen wir ihn Nino, in der dritten Klasse war, durften die Kinder ohne Erzieher in Kleingruppen zum Hort gehen. Doch Nino fand keine Gruppe. Die Mädchen machten ihr eigenes Ding und Ninos bester Freund wollte nicht riskieren, seinetwegen in eine peinliche Situation zu geraten.
Nino fragte sich, was er falsch machte. Die Erwachsenen in seinem Umfeld sagten es ihm: „Weil Du immer so laut bist und im Mittelpunkt stehen musst. Das nervt halt.“ Andere wollten ihn empowern: „Du hast auch Deinen Stolz. Jetzt zeigst Du ihnen die kalte Schulter!“
Das allerdings konnte Nino nicht. Er sehnte sich nach Kontakt. Bei nächstbester Gelegenheit bot er seinem Freund, egal wie mies der ihn behandelt hatte, die Hand: „Wieder Freunde?“ Trotzdem musste er weiterhin mit den Erziehern laufen.
Ausgrenzung im aufgeklärten Milieu
In meinem Kiez ist es wie in vielen Gegenden von Berlin. Immer mehr wohlhabende Akademikerfamilien kartoffeldeutscher Herkunft ziehen in frisch sanierte Altbauwohnungen. Sobald es warm wird, bilden sich Schlangen vor der fancy Eisdiele, wo die Kugel 4 Euro 20 kostet, der billigere Laden bleibt leer. Die Grundschule hat einen exzellenten Ruf, es ist eine Inklusionsschule, es gibt also mehr Personal als anderswo. Seit Langem leben auch viele queere Leute hier. Man wählt grün, die AfD dümpelt im niedrigen einstelligen Bereich vor sich hin.
Und trotzdem ist die Angepasstheit mit Händen zu greifen. Eltern wenden ihre Blicke ab, wenn das von Armut betroffene Kind, der hörgeschädigte Junge oder der laute Nino auf den Spielplatz kommen – ich habe es mehrfach beobachtet. Und Nino mit seinem ADHS-Instinkt merkt es auch: „Die haben Angst“, erzählt er mir und lässt seine langen, braungebrannten Beine von der Tischtennisplatte baumeln. „Die haben Angst, dass ich ansteckend bin“. Dabei haut er immer wieder seinen Basketball mit voller Wucht auf die Platte und fängt ihn wieder auf.
Die Lehrerin habe ihn in der Schule mal dafür gelobt, dass er mit dem hörgeschädigten Jungen spielt, sogar außerhalb der Schule, erzählt er. Er habe das damals nicht verstanden. Mittlerweile ist Nino älter und hat einiges begriffen.
Besonders bildungsnahe Eltern betreiben oft, bewusst oder unbewusst, „soziale Optimierung“. Sie wollen ihre Kinder schützen und mithilfe der richtigen Freunde fördern. Die Kinder merken, dass Ausgrenzung erlaubt, ja erwünscht ist, solange sie latent bleibt. Also laden Max und Lena Mohammed oder Chantal nicht zu ihrem Geburtstag ein. Nur auf dem Spielplatz treffen sich alle.
Mit Beleidigungen kann er umgehen
Neben der Tischtennisplatte wartet jetzt eine Mutter mit ihrem Sohn, etwa in Ninos Alter. Sie haben Kellen in der Hand, aber sie wagen es nicht, Nino von der Platte zu verscheuchen. „Der war in meiner Parallelklasse“, macht Nino eine Kopfbewegung. Er sitzt auf der Platte und hofft auf Streit. Aber sie ignorieren ihn. Irgendwann gehen sie.
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Nino hängt jetzt oft im Jugendfreizeitheim ab. „Da haben alle ADHS“, behauptet er. Oft kommt es zu Streit, Schlägereien, auch Diebstahl. Statt Obst gibt es Chips und Cola. Mädchen kommen kaum hierher, es wird viel gezockt. Aber lieber gemeinsam vor der Konsole als allein zu Hause, sagt die leitende Sozialarbeiterin.
Nino ist der einzige Junge ohne Migrationshintergrund und musste sich anfangs einige Beleidigungen anhören. Doch damit kann er gut umgehen, besser als mit den wohlerzogenen Heuchlern. Offen über seine Gefühle zu reden, hat er sich allerdings abgewöhnt.
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