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1.555 Tage Krieg in der UkraineBaumblüten für die Psyche

Blühende Kirschbäume und Blumen geben den Ukrainern Halt inmitten des Krieges. Die Menschen fahren weit für diese kleinen Inseln der Schönheit.

Baumblüte in Uschhorod, im Hintergrund die ehemalige Synagoge Foto: Rostyslav Averchuk

A uch im Krieg finden die Ukrainer noch Freude an den einfachen Dingen des Lebens. Im Frühling sind die sozialen Netzwerke der Menschen von Kramatorsk im äußersten Osten bis nach Uschhorod ganz im Westen des Landes voll mit Fotos von blühenden Bäumen und Blumen. Kirschbäume, Tulpen, Blauregen und Kastanien blühen nacheinander – und ziehen Tausende von Ukrainern an, die nicht mal Reisen von mehreren Hundert Kilometern scheuen, um sie anzusehen.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

„Hier kann ich endlich einmal durchatmen“, sagt die Rentnerin Larysa, die gemeinsam mit 50 weiteren Menschen aus der Stadt Nischyn im Gebiet Tschernihiw Tausend Kilometer mit dem Bus zurückgelegt hat, um die blühenden Zierkirschen in Uschhorod zu bewundern. Ein Sirenenton von ihrem Telefon unterbricht das Gespräch. Es ist ihre Warn-App, die anzeigt, dass russische Drohnen sich gerade ihrer Heimatstadt nähern.

Normalerweise bedeutet das, so schnell wie möglich in den Schutzraum zu müssen. Aber hier im Westen des Landes muss sie nicht rennen – und sie versucht gleichzeitig, so viele Eindrücke wie möglich aufzunehmen, bevor sie nach Hause zurückfährt.

Bild: privat
Rostyslav Averchuk

ist 33 Jahre alt, Journalist, Dolmetscher sowie Experte für Politik und Wirtschaft. Er lebt und arbeitet in Lwiw.

Mehr als Zweitausend Zierkirschen, der älteste von ihnen ist gerade Hundert Jahre alt geworden, gibt es an den Straßen von Uschhorod, das man in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer Gartenstadt machen wollte. Die beeindruckenden Alleen ziehen die verzauberten Besucher in ihren Bann.

Kleine Inseln der Schönheit

„Es ist schwer, sich so plötzlich auf diese Schönheit einzulassen. Aber ich versuche es“, sagt die 24-jährige Sofija, die extra für einen Tag mit der Bahn aus Tscherniwzi nach Uschhorod gekommen ist. Sie bekennt, dass sie wegen der schlechten Nachrichten immer ein Gefühl der Angst verspürt. Doch jetzt ist Sofija so begeistert von dem, was sie hier sieht, dass sie Passanten bittet, ein Foto von ihr zu machen. Und dabei muss sie trotz allem lächeln.

Sofija aus Tscherniwzi ist extra zur Baumblüte nach Uschhorod gekommen Foto: Rostayslav Averchuk

Kleine Inseln der Schönheit kann man eigentlich in jeder ukrainischen Stadt finden. So werden in Lwiw in jedem Frühjahr Tausende von Tulpen gepflanzt, ein Geschenk aus den Niederlanden. Die Orte, an denen sie blühen, kann man auf speziellen Onlinekarten finden. Dort kann man auch sehen, wann der Blauregen blüht, der an den alten Bürgerhäusern aus der Habsburger Zeit hochrankt. Auch Flieder und Magnolien in den Parks der Stadt sind hier verzeichnet.

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Nicht alle können sich erlauben, in Städten zu flanieren, nicht mal in ihren eigenen. So wie zum Beispiel Jewhenija Karpenko aus dem stark beschossenen Cherson, deren Welt auf die unmittelbare Umgebung um ihr Haus beschränkt ist. Bilder von dem kleinen Garten im Hof wechseln sich in ihren täglichen Facebook-Einträgen mit Berichten über neue Angriffe und ihre Opfer ab. „Ich laufe im Hof herum und bete. Und wenn ich das Pfeifen eines Geschosses höre, renne ich in den Keller“, schreibt sie.

Selbst ganz gewöhnlicher Löwenzahn auf einer Wiese kann schon eine Quelle der Freude sein

Viktorija Sokil, Psychologin

Das Säen und Pflanzen neuer Blumen nennt Jewhenija „eine Investition in die Freude und die gute Laune“. Während sie darauf wartet, dass ihr Mann aus der Stadt zurückkommt, wo über ihm russische Drohnen kreisen, steigt ihr Blutdruck. Dann postet sie Bilder von Petunien und Tamarisken: „Das ist wirklich heilsam.“

Natur zur seelischen Heilung

Selbst ganz gewöhnlicher Löwenzahn auf einer Wiese könne schon eine Quelle der Freude sein, meint die Psychologin Viktorija Sokil, die aus Saporischschja, 25 Kilometer von der Front entfernt, nach Lwiw gezogen ist.

„Das ist keine Flucht vor der Realität, sondern ein fundamentales Mittel zur seelischen Heilung“, betont die Psychologin, die Geflüchteten dabei hilft, den Verlust der Heimat und eines damit verbundenen Gefühls der Sicherheit zu verarbeiten.

„Die Natur rettet uns auf verschiedene Weise. Dort, wo mein Mann jetzt als Soldat ist, sehen die Wälder apokalyptisch aus, mit kaputten Bäumen, in denen sich die Glasfaserkabel der Drohnen verheddert haben. Und doch schützen sie meinen Mann vor dem Feind“, sagt Viktorija.

Für diejenigen, die weiter von der Front entfernt sind, ist es wichtig, die „kleinen Freuden“ zu bemerken und schätzen zu lernen, um seelisch gesund zu bleiben, trotz der ständigen schlechten Nachrichten.

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„Bäume und Blumen anzuschauen ist eine der wenigen guten Sachen, an denen wir uns in dieser chaotischen Welt aufrichten können“, betont die Psychologin.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

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