1.284 Tage Krieg in der Ukraine: Die Hexen von Butscha
In der Freiwilligenorganisation „Hexen von Butscha“ im Kyjiwer Umland haben sich Frauen organisiert, um russische Drohnen über ihren Ortschaften abzuschießen.
Es wird so werden, wie die Hexe es sagt“, heißt es in einem Lied, das im aktuellen Krieg in der Ukraine zu einem symbolischen geworden ist.
Geschichten über die Kampfhexen der Ukraine werden gerade erst geschrieben. Eine davon spielt in der von den russischen Besatzern verwüsteten Stadt Butscha. Hier wachen die „Hexen von Butscha“, eine Freiwilligen-Organisation über den Schlaf ihrer Kinder und aller anderen Menschen der Stadt. Sie beobachten den Himmel über dem Hinterland, während ihre Männer an der Front kämpfen. Aktuell sind sie die einzige Freiwilligen-Organisation in der Ukraine, die zu 90 Prozent aus Frauen besteht. Statt im Badeanzug am Strand zu liegen, stehen sie an diesem schönen Sommertag in Uniform auf dem Übungsplatz. Dort legen einige neue „Hexen“ in Anwesenheit ihrer Kampfgefährtinnen gerade ihren Eid ab.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg ein Teil ihres Alltags geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden.
Im Einsatz gegen russische Drohnen
Bei Luftalarm unterstehen die Freiwilligen der ukrainischen Territorialverteidigung und helfen bei der Flugabwehr. Auf Vorschlag des Ministerkabinetts und des Präsidenten der Ukraine werden sie jetzt auch im Einsatz von Flugabwehrdrohnen geschult. Die meisten der Frauen haben bereits mit dem Training an diesen Systemen begonnen.
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Derzeit fliegen russische Drohnen in 3.000 bis 3.500 Meter Höhe über der Ukraine. Die Maschinengewehre der „Hexen“ haben jedoch nur eine Reichweite von 900 bis 1.000 Metern. „Darum ist es eben wichtig, auch Flugabwehrdrohnen einzusetzen. Aber schon jetzt tun sie alles, um die feindlichen Drohnen zu zerstören“, sagt der Stabschef der Stabschef der Freiwilligenorganisation von Butscha, Oberst Andriy Verlaty.
Doch trotz der erschwerten Bedingungen haben die Frauen in diesem Jahr bereits drei Shahed-Drohnen abgeschossen und etwa 15 Gerbera-Drohnen unschädlich gemacht. Einige der Frauen sind schon seit einem Jahr bei der Gruppe, andere erst seit ein paar Monaten. Und es gibt viele Neuzugänge. Darauf sind die „Hexen“ stolz und ermuntern auch weitere Frauen, sich ihrer Gruppe anzuschließen, auch, wenn sie noch keine Kampferfahrung haben. Der Wunsch mitzumachen ist das Wichtigste. Alles andere lernen die Frauen dann vor Ort. Die älteren „Hexen“ helfen den Neuen, so entsteht der Kampfgeist der Gruppe.
Ukrainische Journalistin, Pädagogin und Freiwillige. Geboren in Worsel, Bezirk Butscha bei Kyjiw. Mitglied des Nationalen Journalistenverbandes der Ukraine, Ehefrau eines Veteranen des russisch-ukrainischen Krieges und Mitbegründerin der Gruppe „Frauen der Soldaten der ukrainischen Streitkräfte“, die Soldaten und ihren Familien hilft. Die Autorin war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
„Hexe von Butscha“ kann man ab dem Alter von 18 Jahren werden, eine Altersobergrenze gibt es nicht. Die Älteste der Luftverteidigerinnen in Butscha ist 72, früher war sie Lehrerin, jetzt schießt sie Drohnen ab.
Männer kämpfen an der Front, Frauen im Hinterland
Auch Frauen von aktiven Soldaten sind hier. „Sie kämpfen dort an der Front, und wir tun hier unseren Dienst“, sagt Oksana, die seit März dieses Jahres in der Gruppe mitmacht. Sie lebt im Nachbarort Hostomel. Schon lange wollte sie sich für die Verteidigung ihres Landes einsetzen, aber erst jetzt hat sie diese Möglichkeit aufgetan, bei der sie ihr Alltagsleben und die Familie mit dem aktiven Einsatz zum Schutz der Heimat verbinden kann.
Verteidigerin Wira, im zivilen Leben seit über 15 Jahren Fitnesstrainerin, betont: „Wer, wenn nicht wir?“ Nur, weil ich eine Frau bin, bedeutet das doch nicht, dass ich mich verstecken müsste. Ich muss mich genau so verteidigen wie ein Mann.“
Und Uljana, die erst vor kurzem zu den „Hexen“ gestoßen ist, bereitet sich aktuell darauf vor, die Gruppenleitung zu übernehmen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn mit dem Maschinengewehr ist sie auf „Du und Du“ und ist ständig im Einsatz. Doch sie erinnert sich auch noch genau an ihren ersten Dienst: „Mein erster Tag war einfach schrecklich. Die erste halbe Stunde stand ich nur da und starrte einfach in den Himmel. aber dann haben mich die anderen einfach in ihre Mitte genommen und alles war gut. Jetzt fühle ich mich wie zu Hause.“
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
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