Puten im Kreis Aurich beseitigt: Grippewelle fordert Töten
Massenkeulung durch Massentierhaltung: Im ostfriesischen Dornum sind wegen Vogelgrippe 6.000 Puten gekeult worden. Das ist dort fast schon normal.
Foto: Aninova e. V.
Die Videos und Fotos sind hart: Aus Baggerschaufeln fallen Putenkadaver in Lkws. Leute in weißen Schutzoveralls gehen auf eine Stallanlage zu, auf riesige Silos.
Wir sind in Ostfriesland, im niedersächsischen Landkreis Aurich, südwestlich der Gemeinde Dornum, die laut Ortshomepage „zu jeder Jahreszeit schön“ ist. Das gilt allerdings sicher nicht für den Putenhaltungsbetrieb, der hier gerade im Rahmen einer Anti-Seuchen-Maßnahme rund 6.000 Tiere getötet hat und nun entsorgt, seinen gesamten Bestand.
Auf den Videos und Fotos zu sehen sind die Folgen eines Ausbruchs der Vogelgrippe, des Influenza A Virus des Subtyps H5N1, wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) informiert. Für Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender der Tierrechtsorganisation Aninova, sind es zugleich die Folgen der industriellen Massentierhaltung.
„Das ist ein Desaster“, sagt er der taz. Dass es Bilder davon gibt, dass hier am 4. November Tiere wie Abfall verladen wurden, ist einem Aninova-Aktivisten zu verdanken. Jedes davon, betont Peifer, sei „ein fühlendes Lebewesen“ gewesen, nicht nur eine „wirtschaftliche Ressource“.
Die Pest kommt oft nach Dornum
Nach Aninova zeigen sich in dem Dornumer Massentod die „grundsätzlichen Risiken der industriellen Geflügelhaltung“. Halte man Tausende Tiere auf engem Raum, hätten es Krankheitserreger leicht, sich zu verbreiten.
Was den Fall so besonders macht: In der Gemeinde Dornum gab es schon öfter Geflügelpest-Katastrophen. „Mit dem aktuellen Fall“, so Aninova, „waren allein innerhalb der vergangenen zwölf Monate bei drei Ausbrüchen insgesamt rund 26.000 Puten betroffen.“ Es gelte jetzt, die Arbeit und Verantwortung der Veterinärbehörden zu durchleuchten. Peifer zur taz: „Geklärt werden muss, welche Maßnahmen in der Vergangenheit getroffen worden sind, um solche Ereignisse zu verhindern. Gab es Versäumnisse, müssen sie aufgearbeitet werden!“
Dafür sieht man im Agrarministerium allerdings keine Anzeichen, schreibt Sprecherin Natascha Manski der taz. Bejaht wird allerdings das Bedürfnis, die jetzige Praxis zu ändern: Für Niedersachsen sei „die Möglichkeit einer Impfung ein wichtiger Baustein für den künftigen Umgang mit der Geflügelpest“, so Manski.
„In der Gemeinde Dornum gab es in den vergangenen fünf Jahren vier Ausbrüche in Geflügelhaltungen“, schreibt Rainer Müller-Gummels der taz, Sprecher des Landkreises Aurich. „Es waren jeweils mehrere Tausend Tiere betroffen.“ Die Fälle hätten „keinen direkten Zusammenhang“.
Das Risiko sei im Herbst und Winter aufgrund der großen Menge an Gast- und Rastvögeln in Küstennähe stark erhöht. „Alle Tierhalter sind zu strengen Biosicherheitsvorkehrungen und Vorsicht angehalten.“
Wie oft der aktuell betroffene Betrieb in den letzten Jahren durch das Veterinäramt des Landkreises kontrolliert worden ist und ob es dabei Beanstandungen und Auflagen gab, lässt Müller-Gummels offen. Aber er betont: „Bei Betriebskontrollen werden auch die Fragen der Biosicherheit geprüft.“ Wie das Virus in den Betrieb gelangt ist, wisse man noch nicht.
Die Anlage „Farm KK“ gehört zum Konzern der niedersächsische Moorgut Kartzfehn Turkey Breeder GmbH. Laut Eigenaussage handelt es sich dabei um den „größten unabhängigen Putenvermehrungsbetrieb Europas“. In mehreren Bundesländern unterhält er Niederlassungen, in Dornum gleich mehrere.
Schutzzone um die Seuchenfarm
Kartzfehn-Sprecher Thorsten Mahlstedt hält sich gegenüber der taz äußerst bedeckt. „An diesem Standort wurde am 3. 11. 2026 die hochpathogene Aviäre Influenza (H5N1) amtlich festgestellt“, schreibt er. „Erforderliche amtliche Maßnahmen zur Tierseuchenbekämpfung wurden eingeleitet.“ Detailfragen zum Weg des Virus in den Betrieb, zu etwaigen vorherigen Vogelgrippe-Ausbrüchen vor Ort, zu vorherigen Kontrollen des Veterinäramts lässt er unbeantwortet.
Das Veterinäramt erhält derweil um die „Farm KK“ eine Schutzzone von drei Kilometern Radius aufrecht, eine Überwachungszone von zehn Kilometern. Niedersachsen ist das Zentrum der deutschen Putenhaltung.
Der überwiegende Teil der Tiere lebt in industriellen Konventionalbetrieben, in Großbeständen von über 10.000 Tieren, in der Haltungsstufe 2, die so gut wie keine Rücksicht auf Bedürfnisse der Tiere nimmt. Etwa 28 Millionen Puten landen derzeit in Deutschland pro Jahr in der Schlachtung.
Bußgeld beendet Strafverfolgung
Auch Peta Deutschland hatte das Böseler Puten-Großunternehmen Moorgut Kartzfehn schon im Visier, allerdings wegen Tierschutzwidrigkeiten. Mitte 2014 erstattete die Tierrechtsorganisation bei der Staatsanwaltschaft Neuruppin Strafanzeige gegen eine Tochter der Turkey Breeder GmbH, die Kartzfehn Märkische Puten GmbH in Gühlen-Glienicke, Ostprignitz, der wiederum buchhalterisch auch die Dornumer Mastfabrik gehört.
Das Strafverfahren sei 2016 zwar eingestellt worden. Das Veterinäramt Ostprignitz-Ruppin habe dem Konzern in einem Ordnungswidrigkeiten-Verfahren aber ein Bußgeld auferlegt, bestätigt Agrarwissenschaftlerin Lisa Kainz, bei Peta Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie. „Konventionelle Putenhaltung ist generell eine Katastrophe“, sagt sie der taz.
Peifer sieht das genauso. Es könne keine Lösung sein, „immer größere Tierbestände zu halten, bei einem Seuchenausbruch Tausende Tiere zu töten und anschließend die Ställe wieder neu zu besetzen“, fasst er zusammen. „Wir brauchen einen grundlegenden Wandel.“
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