Foto: Christian Wyrwa
Seuchenschutz gefährdet Schweinehof: Kein Zuhause mehr für glückliche Schweine?
Die Nutztierarche Swiensgaarn im niedersächsischen Alfeld kämpft mit Auflagen des Veterinäramtes. Die Besitzer sind kurz davor, aufzugeben. Ein Besuch.
W enn man die Ferkel mit fliegenden Ohren neben Heike Haubrok durch die Stallgasse nach draußen traben sieht, wähnt man sich für einen Moment in einem längst ausgestorbenen Bauernhofidyll. Hier hätte auch der Film „Ein Schweinchen namens Babe“ gedreht werden können.
Allerdings unterscheiden sich Haubrocks Ferkelchen auf ihrem Hof in Limmer bei Alfeld in Niedersachsen optisch ein wenig vom rundum rosigen Filmschweinchen. Sie sind in unterschiedlichen Ausprägungen rot-braun gefärbt und nur in der Mitte, auf Höhe der Schultern rosa. Sie gehören einer alten Haustierrasse an, die schon einmal ausgestorben war und erst in den 1980er Jahren durch Rückkreuzungen und Neuzüchtungen wieder hergestellt werden konnte: dem rot-bunten Husumer, die zu den Sattlerschweinen gehören und auch auf den grundsympathischen Namen „Dänisches Protestschwein“ hören.
Gezüchtet wurden sie bevorzugt von der dänischen Minderheit in Schleswig, denen Ende des 19. Jahrhunderts das Hissen ihrer Flagge verboten wurde. Aus Protest hielten sie dann eben Schweine, deren Zeichnung an den rot-weißen Danebrog erinnerte.
Es sind Weideschweine, robust, langlebig und genügsam – die erwachsenen Eber entwickeln eine so lange, borstige Behaarung, dass man ihnen die Abstammung vom Wildschwein deutlich ansieht. Das, sagt Heike Haubrok, sei auch einer der Gründe gewesen, warum sie sich in diese Tiere verliebt habe. Als Jägerin habe sie Wildschweine immer faszinierend gefunden: Ihre Intelligenz, ihr komplexes Sozialverhalten in der Rotte.
Der Erhalt alter Haustierrassen ist wichtig
Seit fast zwanzig Jahren züchtet Haubrok diese Schweine nun. Das ist mehr als eine nostalgische Spielerei: Den Genpool solcher alten Arten zu erhalten ist auch deshalb wichtig, weil der durch die Konzentration auf wenige Hochleistungsrassen in der Massentierhaltung strukturell verarmt. Diese Tierbestände sind dann anfälliger für Krankheiten und nicht mehr in der Lage, sich veränderten Umweltbedingungen oder Futterverfügbarkeiten anzupassen.
Foto: Christian Wyrwa
Haubroks Bestand gehört zu den größten und wichtigsten für diese spezielle Rasse, auch wissenschaftliche Institute wenden sich an sie, wenn sie Bedarf haben. Zahlreiche andere Herdbuchzuchten, wie das Stammbuch in diesem Bereich heißt, gründen auf Tieren aus ihrem Bestand.
Die Mastschweine verarbeitet Haubroks Mann, Heinrich Thielke, als gelernter Schlachtermeister selbst. Das Fleisch und die Wurstwaren werden nur auf regionalen Märkten verkauft, wo sich die beiden über die Jahre eine treue Stammkundschaft erarbeitet haben.
Doch seit ein paar Jahren haben sie den Eindruck, sie werden vom Pech verfolgt. Zuerst wurde ihnen die Hofstelle in Capellenhagen gekündigt, weil der Verpächter andere Pläne hatte – sie mussten also ein neues Zuhause suchen, und zwar für sich und die Schweine. Das war schon kein leichtes Unterfangen, hat viel Zeit und Nerven gekostet. Freunde der beiden gründeten extra einen Förderverein und setzten ein Crowdfunding auf. Nachdem sich der ein oder andere hoffnungsvolle Plan zerschlagen hatte, fanden sie endlich Unterschlupf in Limmer bei Alfeld.
Kleine Halter in der Zange der großen Fleischindustrie
Hier sah es zunächst so aus, als könnte etwas ganz Großes entstehen. Denn hier steht ein altes, verfallendes Rittergut, für das es zunächst hochfliegende Pläne gab. Mit mehreren Pächtern und Mietern sollte daraus eine Art touristisches Kleinod und ein außerschulischer Lernort werden. Immerhin hat auch die Gemeinde ein vitales Interesse daran, das denkmalgeschützte Ensemble nicht einfach dem allmählichen Zerbröseln zu überlassen.
Doch nach Unstimmigkeiten unter den neuen Eigentümern liegen die ganz großen Pläne erst einmal auf Eis. Der Swinsgaarn (plattdeutsch für Schweinegarten) ist trotzdem eingezogen. Sie haben ein Freilaufgehege eingerichtet – vorschriftsmäßig doppelt umzäunt, um einen Eintrag der Schweinepest durch Wildschweine zu verhüten. Und die große Scheune mit Stallbuchten belegt, von wo die Tiere im Wechsel in ein Auslaufgehege getrieben werden können.
Mit dem Umzug, sagt Haubrok, gerieten sie allerdings auch in das Visier des nun zuständigen Veterinäramtes Hildesheim. Und damit fingen die Schwierigkeiten an. Schon die Genehmigung einer Freiland- und Auslaufhaltung wie ihrer ist ein komplizierter und kostspieliger Prozess. Mehrere tausend Euro haben sie in Gutachten stecken müssen.
Heike Haubrok, Schweinehalterin
Doch auch nach der Genehmigung fand das Veterinäramt bei Kontrollbesuchen immer wieder etwas zu beanstanden. Bei Haubrok und ihren Unterstützern setzte sich der Eindruck fest, dass das Veterinäramt mit den Besonderheiten dieses Betriebes nichts anzufangen weiß. „Die legen hier die gleichen Maßstäbe an wie bei einem konventionellen Betrieb mit Massentierhaltung“, klagt sie. Das funktioniere so aber nicht.
Unterstützung erhält sie von Eberhard Prunzel-Ulrich, der sowohl für die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) als auch den Verband norddeutscher Direktvermarkter tätig ist. „Das ist leider ein altbekanntes Problem in diesem Bereich“, seufzt der erfahrene Biolandwirt und Agraringenieur.
Die Vorschriften, vor allem die der Schweinehaltungs-Hygieneverordnung, dienen letztlich dazu, das Geschäft der großen Erzeuger und ihrer internationalen Vermarktung zu schützen. Man versucht, die riesigen Ställe der Massentierhalter mit Hygieneschleusen und Zugangsbeschränkungen vor dem Eintrag der Schweinepest zu schützen.
Foto: Christian Wyrwa
Die kleinen Halter, auch wenn sie gar nicht auf den internationalen Märkten mitspielen, sind darin mitgefangen, weil sich die Verwertungskreisläufe oft nicht sauber trennen lassen. Futterlieferanten, Gülletransporter, Schlachthöfe, Zerlegebetriebe bedienen beide und können theoretisch die Viruserkrankungen weiterverbreiten.
Für Kleinhaltungen wie den Swinsgaarn sind aber viele Anforderungen unmöglich umzusetzen. „Man braucht da ein bisschen Augenmaß und Kompromissbereitschaft, um zu gucken, was vor Ort tatsächlich machbar und praktikabel ist“, sagt Prunzel-Ulrich.
Aber wenn man es mit Amtsveterinären zu tun hat, die damit keine Erfahrung haben – weil sie frisch von der Uni kommen oder es in ihrem Bezirk solche Betriebe bisher nicht gibt – dann wird das schwierig.
Pädagogische Projekte werden unmöglich
Heike Haubrok sieht dadurch ihr Lebenswerk in Gefahr. Denn eigentlich hat sie ja eine Mission. Sie will nicht nur diese alte Rasse erhalten und ihre Kunden mit hochwertigem Fleisch versorgen, sie will auch Aufklärungsarbeit leisten. „Mir ist es wichtig, dass das Schwein wieder als Lebewesen gesehen wird – und nicht bloß als Ware“, sagt sie.
Früher hat sie deshalb Projekte mit Kindergärten oder Grundschulklassen gemacht. Auch am neuen Standort war schon ein Projekt mit einer Förderschule angedacht – das musste sie jetzt absagen. Das Veterinäramt verlangt, dass die Kinder eine Hygieneschleuse durchlaufen und Einweg-Schutzkleidung anziehen, die nicht von außen mitgebracht werden darf. Für den kleinen Betrieb ist das schlicht nicht umsetzbar.
Das Veterinäramt kann sich zu Einzelfällen grundsätzlich nicht äußern, es hat Schweigepflicht. Auf taz-Nachfrage räumt die Pressesprecherin des Landkreises allerdings ein, dass der Swinsgaarn die einzige Haltung dieser Art im Landkreis ist. Grundsätzlich würde man die vorhandenen Ermessensspielräume aber selbstverständlich auch nutzen.
Heike Haubrok hat daran so ihre Zweifel. Sie steht neben einem Verschlag im Stall und beobachtet seufzend wie ihre Schweine das Futter aus dem Trog wühlen und auf dem Boden hin- und herschieben. „Die haben die Anweisung des Veterinäramtes auch nicht verstanden“, meint sie bitter. „Die müssen doch aus dem Trog fressen.“
Die Fütterung auf dem Boden hatte ihr das Veterinäramt verboten – bei konventioneller Schweinehaltung ist das ein Hygieneproblem, die empfindlichen Tiere werden schnell krank. Haubroks Protestschweine sind aber erheblich robuster und werden mit ganzem Korn und nicht mit Kraftfutter gefüttert. Das Wühlen gehört zu ihrem normalen Fressverhalten.
Empört hat sie auch registriert, dass im letzten Bescheid ein zu geringes Gewicht einzelner Tiere vermerkt wurde. Das ist bei dieser Rasse eben anders als bei denen auf rasche Gewichtszunahme gezüchteten modernen Mastschweinen. Hier gibt es Lebensphasen, zum Beispiel im Wachstum, wo sie erst einmal Gewicht verlieren.
Das irgendjemand auch nur andeuten könnte, dass es ihren Tieren nicht gut geht, empört sie. Drinnen in der Hausmeisterwohnung des Herrenhauses, die sie mit ihrem Mann bezogen hat, grunzt gerade die kleine Chrissie aufgeregt unter ihrer Wärmelampe, sobald sie hört, dass sich Schritte nähern.
400 Gramm Geburtsgewicht und dann tritt die Mutter auch noch versehentlich drauf – in einer normalen Haltung wäre so ein Ferkelchen nicht durchgekommen. Nun steht Haubrok nachts alle zwei Stunden auf, um dem Tier die Flasche zu geben. Nicht bei allen Tieren erlaubt sie sich so eine enge Bindung, das ist klar. Die Mastschweine haben in der Regel keinen Namen, sagt sie.
Sonst hätte sie zu große Schwierigkeiten ihnen dabei zuzusehen wie sie munter ein letztes Mal in den Hänger traben, nicht ahnend, dass es dieses Mal zum Schlachthof geht. Und trotzdem: „Meine Schweine haben ein gutes Leben“, sagt sie. Und sie selbst mag sich ein Leben ohne sie auch gar nicht vorstellen. Nur wie lange sie das noch durchhalten kann, weiß sie nicht.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert