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Gedenkveranstaltung in HalleTillschneider muss draußen bleiben

Beim Gedenken an den Anschlag in Halle vor sieben Jahren wollte auch der gewählte AfD-Landtagsvizepräsident teilnehmen. Die Veranstalter wehren sich.

Es wäre in den vergangenen Jahren keine besondere Erwähnung wert gewesen, dass Spitzenpolitiker aus Sachsen-Anhalt zur mahnenden Erinnerung an den Anschlag vom 9. Oktober 2019 vor der Synagoge in Halle erscheinen. Am Versöhnungstag Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hatte ein rechtsexremer Attentäter zunächst vergeblich versucht, in der Synagoge ein Blutbad anzurichten. Doch die Tür hielt stand, er tötete dafür aus Frust zwei andere Menschen. Wenn am Freitag also der noch amtierende Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) und sein Amtsvorgänger Reiner Haseloff am kurzen, meist schweigenden Gedenken zur Mittagszeit teilnahmen, durfte dies als selbstverständlich gelten.

Dem ging allerdings ein nur durch die neuen Machtverhältnisse nach der Landtagswahl mit einer dominierenden AfD möglicher Eklat voraus. Der erst am Dienstag zum Landtagsvizepräsidenten gewählte Hans-Thomas Tillschneider (AfD) versuchte ebenfalls, sich unter die Trauernden zu mischen. Doch eine Gruppe von etwa 12 Mitgliedern der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands verwehrte ihm mit untergehakten Armen den Zutritt.

„Wir lassen unser Gedenken nicht von Nazis kapern“, wurde wiederholt gerufen. Die Gruppe verweist auf „Überlebende, die ihretwegen jetzt auf der Straße sind“. „Sie haben wohl überhaupt kein Gewissen?“, rief der siebzigjährige Andreas Splett Tillschneider zu, Augenzeuge und Überlebender des Mordes an Kevin am unweit gelegenen Kiez-Döner.

Etwa zehn Minuten lang diskutierte Tillschneider, um doch noch in den Hof der Synagoge eingelassen zu werden. Er sprach vom Täter als einem „verwirrten Mann“ und verlangte von den Studierenden, dass sie den Volkswillen und damit sein Amt respektieren sollten. Etwa zehn Minuten vor der Mittagszeit des damaligen Anschlags gab er auf und zog sich unbeachtet zurück.

Nur kurz

Getragene Violinmusik ertönte im Hof, ernst schwiegen die etwa 60 Gäste. Nur kurz sprach Max Privorozki als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle. Er stellte klar, dass der Täter ein Menschenhasser und kein geistig Verstörter war. Die politische Auseinandersetzung um das ihn beherrschende rassistische und menschenverachtende Gedankengut sei wichtig, sagte Privorozki. Heute aber solle das persönliche Gedenken und die Trauer im Vordergrund stehen.

Nach einer Schweigeminute warfen die Gäste symbolische Steine in den Steinkreis um das Denkmal für das Attentat. Es zeigt die schützende Tür des Gotteshauses, von der Astgabel eines Baumes getragen.

Zweiter Gedenkort ist der zur Begegnungs- und Bildungsstätte umgebaute ehemalige Kiezdöner als einer der beiden Mordorte. „Demokratie verteidigen – wer uns in Gefahr bringt, hat hier nichts zu suchen“, warnt ein fenstergroßes Plakat und spielt damit auf den AfD-Besucher aus dem Landtag an. Unterstützt werden die Überlebenden auch von der Soligruppe 9. Oktober, die sich nach dem Anschlag als Unterstützungsverein gründete. Sie fand sich zu Prozessbeginn 2020 und erhält nur vom Bund eine Förderung.

„Antisemitismus und Rassismus sind feste ideologische Bestandteile der AfD. Dieselbe Ideologie hatte der Attentäter vertreten“, erklärt Sprecherin Rachel Spicker, selbst Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin. „Tillschneider versucht, sich über sein Amt Zutritt zu verschaffen, das ändert nichts an seinen menschenverachtenden Positionen.“ Rachel konstatiert aber auch ein nachlassendes Interesse an einem mahnenden Gedenken.

Augenzeuge Andreas Splett, bis heute traumatisiert, kann die zunehmende Gleichgültigkeit, Ignoranz und Verführbarkeit seiner Mitbürger nicht fassen, die die geistigen Brandstifter wählen. „Der Alarm war schon vor der Landtagswahl da“, sagt Ismet Tekin, der den Anschlag im Kiezdöner überlebte. Wie berechtigt er war, sei nunmehr erwiesen.

Auch Grüne und Linke betonten in eigenen Pressemitteilungen, dass Gedenken „nicht von der AfD instrumentalisiert werden“ darf.

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