Gedenken an Anschlag von Halle: Wo die Solidarität schwindet
Beim Gedenken in Halle thematisieren Überlebende des Anschlags ihre Ängste. Es geht um die Wahl in Sachsen-Anhalt, den 7. Oktober und fehlenden Zusammenhalt.
Je dunkler es wird, desto heller wirken die kleinen Lampen, die die Bühne vor dem Tekiez schmücken. Etwa 200 Menschen haben am Donnerstagabend davor einen Halbkreis gebildet und hören zu. Es tröpfelt noch leicht, der starke Regen vom Nachmittag hat in Halle an der Saale pünktlich zum Gedenken aufgehört.
Sieben Jahre ist es nun her, dass ein Mann mit selbstgebauten Waffen erst die Synagoge angriff, dann zwei Menschen in der Stadt tötete und weitere auf seiner Flucht verletzte. Der Terroranschlag von Halle und Wiedersdorf am 9. Oktober 2019, damals Jom Kippur, der höchsten jüdischen Feiertag.
Zu der Zeit war dort, wo Donnerstagabend die Gedenkkundgebung stattfindet, noch der Kiez Döner. Einer der Tatorte des antisemitischen, rassistischen und misogynen Anschlags. Dort starb Kevin S., wenige Minuten, nachdem der Täter bereits Jana L. erschossen hatte. Heute ist es das Tekiez, ein Erinnerungs- und Kulturraum. Gemeinsam mit der Soligruppe 9. Oktober hat das Tekiez da selbstbestimmtes Erinnern organisiert.
Nacheinander kommen Überlebende zu Wort. Eine der ersten ist die Journalistin und Historikerin Christiane Feist. Sie feierte 2019 Jom Kippur in der Synagoge. Sieben Jahre später dankt sie für die Unterstützung, das Durchhaltevermögen, die Präsenz. Sie wisse, dass es viel Kraft kostet, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Ich weiß aber auch, dass wir vor ein paar Jahren noch sehr viel mehr waren. Dass wir lauter waren, dass wir solidarischer waren.“
Wahl in Sachsen-Anhalt macht Angst
Dass Feist noch öffentlich rede, trotz ihres Traumas und des jahrelangen Kampfes um Unterstützung durch den Staat, habe sie wenigen Menschen zu verdanken, die ihr die Hand gereicht und geholfen hätten. „Deshalb kann ich heute stark und laut sein“, erklärt Feist. Es sei wichtig, gemeinsam aufzustehen, einander unter die Arme zu greifen und wieder mehr zu werden.
Während Feists Worte aus den Boxen in Halle dringen, ist die Bühne vor den 200 Menschen beim Tekiez leer. Sie spricht an diesem Abend fast zeitgleich auf einer zweiten Gedenkkundgebung in Berlin zum Anschlag 9. Oktober. Dort hören etwa 70 Leute mit Regenschirmen auf dem Oranienplatz zu.
Es sei wichtig, dass die Namen der Opfer rechten Terrors nicht vergessen werden, sagt Feist. „Ich kämpfe, damit wir gehört werden“, verspricht sie. Das müsse sie tun, weil es sonst niemand tut. „Weil die solidarischen Stimmen aus Politik und Zivilgesellschaft immer leiser werden.“ Seit Jahren berichteten Betroffene rechten Terrors in Deutschland das Gleiche. Sie fühlten sich im Stich gelassen.
Eine Frau schiebt ihr Fahrrad vorbei, den Blick auf den Boden gerichtet. Ein Mann mit Sporttasche bleibt kurz stehen, schaut das Mikro und die Versammelten an, und geht dann hinter der Bühne vorbei. Dann stellt eine Frau ihre Einkaufstüte ab, hört erst im Stehen zu und setzt sich schließlich auf eine der Bänke.
Das war Mord
In weiteren Reden geht es darum, weshalb noch nicht alle Fragen zum Anschlag aufgeklärt sind. Immer wieder spielt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Rolle, bei der die AfD 44 Prozent der Stimmen bekam, die dieselben Ideologien vertrete wie der Attentäter. Es ging um weitere Anschläge an jüdischen Feiertagen weltweit. Und auch um das antisemitische Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023.
Dort, wo am Donnerstagabend in Berlin die Gedenkkundgebung für die Opfer des 9. Oktobers stattfand, war am Tag zuvor eine Demonstration gestartet. Eine „antiimperialistische Demonstration“. Hunderte Teilnehmer:innen feierten dort offen den Jahrestag des Massakers der Hamas.
Bei der Kundgebung in Halle, etwa 150 Kilometer südlich, kommen dann noch Betroffene von weiteren rechtsextremen Gewalttaten zu Wort. Mamadou Saliou Diallo etwa, der Bruder von Oury Jalloh. 2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeiwache. „Das war Mord!“, rief sein Bruder am Donnerstag. Oder Augusto Jone Munjunga, ein Freund von Amadeo Antonio, der 1990 von Neonazis ermordet wurde. Munjunga lud zum Gedenken an ihn in Eberswalde ein.
An diesem Freitag stehen in Halle noch weitere Gedenkveranstaltungen an. Um 12 Uhr etwa ein stilles Gedenken mit der Jüdischen Gemeinde bei der Synagoge. Um 12.03 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten tödlichen Schüsse, soll es eine Schweigeminute geben. Auch die Straßenbahnen und Busse in Halle sollen dafür an geeigneter Stelle stillstehen, eine Durchsage soll den Passagieren erklären, worum es bei dem Gedenken geht. Dann sollen alle Kirchenglocken der Stadt läuten. Am Nachmittag steht eine öffentliche Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz in Halle an.
Nach zwei Stunden voller Reden ist die Gedenkveranstaltung vor dem Tekiez in Halle beendet. Einige der Überlebenden und Unterstützer:innen umarmen sich. Die Frau mit der Einkaufstasche steht langsam von der Bank auf und geht ihres Weges.
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