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Jüdische Studierendenunion über Halle„Wir lassen unser Gedenken nicht kapern“

Beim Gedenken in Halle hat die JSUD dem AfD-Vize-Landtagspräsidenten den Zutritt verweigert. Man lasse sich nicht instrumentalisieren, sagt Ron Dekel.

taz: Herr Dekel, Sie haben mit der Jüdischen Studierendenunion (JSUD) heute eine Menschenkette vor der Synagoge in Halle gebildet und den Eingang versperrt. Am Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags vor sieben Jahren. Warum?

Ron Dekel: Weil wir unser Gedenken nicht kapern lassen. Von überhaupt keinen Extremisten, und schon gar nicht von Rechtsextremisten, von denen in diesem Land derzeit die größte Gefahr für Jüdinnen und Juden ausgeht. Deswegen haben wir dem neu gewählten Vizepräsidenten des Landtags, Hans-Thomas Tillschneider von der AfD, klar zu verstehen gegeben: Er ist hier nicht erwünscht.

taz: Mit Tillschneider und Tobias Rausch sind in dieser Woche erstmals in einem Bundesland zwei AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten und dessen Stellvertreter gewählt worden. Muss man nicht damit rechnen, dass politische Repräsentanten bei Gedenkveranstaltungen erscheinen?

Ron Dekel

studiert Politikwissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2025 ist er der Präsident der Jüdischen Studierendenunion JSUD.

Dekel: Natürlich war damit zu rechnen, dass sie dieses Gedenken instrumentalisieren und sich einen „Koscher-Stempel“ holen. Aber den sind wir nicht bereit zu geben. Und deswegen haben junge Jüdinnen und Juden hier heute klar gemacht, dass wir nicht noch einmal Rechtsextremisten in unsere Synagogen hineinlassen werden.

taz: Wie hat Tillschneider reagiert?

Dekel: Er hat sich selbst in die Opferrolle versetzt. Dabei war er es, der respektlos mit den wahren Opfern umgegangen ist, den Überlebenden und Hinterbliebenen dieses Anschlags. Eigentlich hätten diese zuerst die Synagoge betreten sollen, es war klar, dass Politiker, Medien, Gäste warten. Aber Hans-Thomas Tillschneider war offenbar der Meinung, dass das für ihn nicht gilt. Wir haben ihn wiederholt darauf hingewiesen, dass er das Gedenken und den Ablauf stört, dass die Überlebenden seinetwegen draußen stehen müssen. Dass man diese Menschen so nicht behandelt. Das war ihm offensichtlich egal.

taz: Warum wollten Sie den Landtagsvizepräsidenten nicht hineinlassen?

Dekel: Niemand hat das Recht, uns und unser Gedenken zu instrumentalisieren. Schon gar kein Vertreter einer Partei, die den Anschlag von Halle als „Amoklauf“ verharmlost hat. Genau das sind die Menschen, die seit Jahren rechtsextreme Narrative verbreiten und so einem Anschlag wie dem von Halle überhaupt erst den Boden bereitet haben. Hans-Thomas Tillschneider wusste, dass er unerwünscht ist. Aber er hat sich diesen Raum trotzdem nehmen wollen – und ihn damit uns genommen.

taz: Was meinen Sie damit?

Dekel: Ich wünschte, wir müssten dieses Interview nicht führen. Ich wünschte, wir hätten nicht dort vor dieser Synagoge stehen müssen. Ich wünschte, auch wir von der JSUD hätten drinnen im Innenhof Teil der Zeremonie sein können.

taz: Was bedeutet die Wahl eines AfDlers zum Landtagspräsidenten?

Dekel: Es bedeutet, dass eine rechtsextreme Partei in Deutschland wieder das höchste politische Amt eines Bundeslands besetzt. Ich muss es ehrlich sagen: Das löst eine weitere Welle der Verunsicherung für Jüdinnen und Juden in diesem Land aus. Und davon gab es viele in den letzten Jahren. Den rechtsterroristischen Anschlag von Halle, den 7. Oktober und der danach zunehmende Antisemitismus hierzulande, Brandanschläge auf Synagogen, internationale Gewaltaufrufe der Hamas, und weltweit immer wieder Anschläge an Feiertagen. Und ich nehme eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Antisemitismus wahr.

Taz: Spiegelt sich das auch in den Gedenkveranstaltungen?

Dekel: 2019 ist nicht lange her. Aber antisemitische Anschläge geraten in Vergessenheit. Man sieht es daran, wie viel weniger die Medien berichten, wie viel weniger Menschen zum Gedenken kommen. Die Mehrheitsgesellschaft muss verstehen: Es fängt mit Antisemitismus an – aber am Ende wacht man auf mit einer rechtsextremen Regierung. Und das könnte in diesem Bundesland passieren. Dagegen müssen wir uns wehren. Deswegen schützen wir unsere Synagogen. Wir lassen uns weder unsere Feier- noch unsere Gedenktage wegnehmen. Wir lassen uns dieses Land nicht wegnehmen. Nicht noch einmal.

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