piwik no script img

Wahlpleite der Grünen in Berlin Die Grünen haben ihr Kreuzberg verloren – kein Wunder

Gereon Asmuth

Kommentar von

Gereon Asmuth

Die Wahlergebnisse in ihren Hochburgen sind für die Grünen ein Desaster. Sie haben ihre Stacheligkeit verloren. Und daher auch die Innenstadtkieze.

C hristian Ströbele wird im Grab rotieren. Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der einst durch Ströbeles widerspenstige Aufrichtigkeit zur bundesweit bekannten Grünen-Hochburg geworden war, hat sein Gesicht verloren. Zwar haben die Grünen bei der Wahl am Sonntag dort wie in den anderen Innenstadtbezirken auch noch ihre besten Ergebnisse eingefahren. Aber die Hochburgen sind nur noch sanfte Hügel, kaum noch zu sehen hinter den steil aufragenden roten Wahlsäulen der Linkspartei.

50 Prozent und mehr haben dort für die Linke gestimmt. Für links denkende Wäh­le­r:in­nen ist das richtig toll. Für die Grünen aber ist es gerade deshalb ein Desaster.

Sie haben einen großen Teil ihrer Kernklientel komplett verloren. Den studentischen. Den postmigrantischen. Den kämpferischen. Den engagierten. Den wütenden. Den stacheligen, den sie einst im Logo führten, als sie noch Alternative Liste hießen.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Sie haben Kreuzberg verloren. Und das geht weit über den Stadtteil hinaus. Es geht um das Lebensgefühl.

Warum das so ist? Weil die Grünen unsichtbar sind. Sich unsichtbar gemacht haben. Erinnert sich noch jemand an das Plakat, mit dem die Kreuzberger Grünen 2017 in den Bundestagswahlkampf gezogen waren. „Die Häuser denen, die drin wohnen“, stand da drauf. Den größten Widerspruch erntete der alte Hausbesetzerslogan damals ausgerechnet parteiintern. Weil viele Angst hatten, dass so viel Spontitum die Wäh­le­r:in­nen erschrecken könnten.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Jetzt im Mieterwahlkampf 2026 wäre es Zeit für eine Neuauflage gewesen. Aber das Thema hatten die Linken gesetzt – und damit besetzt. Die Grünen sind auch für Enteignung der Wohnungskonzerne. Und wer sich in der Parteiblase aufhielt, wusste das sicher auch. Aber sonst?

Kannte jemand wirklich ihren Spitzenkandidaten? Hat jemand auf Plakaten die stadtverbindenden Fahrradstraßen gesehen, die zum Grünkern der Partei gehören müssten? Natürlich nicht. Denn im letzten Wahlkampf ist die Partei mit Fahrradpolitik bekanntlich auf die Schnauze gefallen. Doch ohne Verkehrsrevolution auf den Fahnen ging ihnen diesmal noch mehr die Luft aus.

Das aktuelle Logo des taz Bundestalks, vier Personen sitzen an einem Tisch von oben zu sehen. Darunter ist "Bundestalk live" vermerkt, sowie ein Aufnahmesymbol zu sehen.
Bundestalk live am Montag in der taz-Kantine

Nach den drei Landtagswahlen in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stellen sich viele Fragen, die über die Landespolitik hinausgehen. Verschiebt sich gerade etwas in der deutschen Parteienlandschaft? Das besprechen wir morgen Abend Live und im Stream im Bundestalk in der taz Kantine in Berlin. Man kann sich hier anmelden.

Ohne Radikalität haben die Grünen schlichtweg ein Rad ab. Sie mögen noch eine kuschelige Attraktion im gemütlichen Tempelhof sein. Oder ein Haltung vorspielendes Accessoire im gut situierten Stadtteil Mitte. Aber da, wo es wirklich um etwas geht, sind die Wäh­le­r:in­nen stabil links – und merken, dass ihnen ihre alte politische Heimat nicht mehr grün ist.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Gereon Asmuth

Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie

Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
Mehr zum Thema

6 Kommentare

 / 
  • B. Boehne

    Überraschung! Das grüne Berliner Erfolgsrezept, eine notorische Wahlverliererin mit einem Kandidaten von der Strahlkraft einer schief gehängten, lispelnden Raufasertapete zu kombinieren, zündet beim Wähler einfach nicht.

    Wer hätte ahnen können, dass diese Wahlklatsche die logische Quittung für andauernde Machtabschottung ist? Unqualifizierte Funktionäre haben per Karriere-Seilschaft zwischen Fraktions- und Parteispitze kurzerhand Gremien und echte Fachpolitiker entmachtet, um sich ungestört selbst als Spitzenkandidaten zu installieren.

    Die These drängt sich förmlich auf: Die zunehmende grüne Bedeutungslosigkeit ist exakt darin begründet, dass es ausgerechnet die blassesten Politiker an die Spitze geschafft haben. Ihr einziger wirklicher „Erfolg“ bestand darin, charakterstarke und fachlich qualifizierte Köpfe durch ihr gut geschmiertes Seilschafts-Netz systematisch ins parteiinterne Abseits zu schieben. Dass so ein in sich geschlossener, kompetenzbefreiter Klüngel am Ende keine Wählerstimmen herbeizaubert, entlockt einem kaum noch ein „Oh je“ – es ist schlicht folgerichtig.

    • Janix

      @B. Boehne:

      Die Grünen haben früher mit dem Programm gepunktet und beim Personal Quereinsteigers m/w/d hineingeholt, statt seit der Jugend Durchgeglättete.



      Es liegt in der Natur der Sache, dass auch dieser Beruf sich irgendwann professionalisiert und von Abi an betrieben wird. Leider.



      Die Personaldecke der Grünen ist nicht mehr so gut, und mit dem strategischen Wegmobben à la Sven Lehmann wird es nicht besser.



      Nur, in Berlin waren jetzt auch generell keine Brandts, Weizsäckers, Ströbeles, Künasts, Vogels mehr unterwegs, oder?

      • B. Boehne

        @Janix:

        Eben das ist ja das besonders Abstruse. Hier fand kein Wettbewerb zwischen qualifizierten Politikern anderer Parteien statt, sondern auch in den anderen Parteien herrscht ein Haufen von blassen No-Names. Einzig die Kandidaten der Linken hat so was wie Charisma und Zukunftsfähigkeit erwiesen. Alle anderen sind doch weit unter ferner liefen. Schaut man sich Sendungen an mit Brandt und Reuter, Barzel und ich schäme mich fast zu sagen, ja auch Kohl und vielen anderen Politikern der Nachkriegs Generation an, dann kann man nur staunen, mit welchem Selbstbewusstsein diese heutige Teletubbies Politikergeneration den regierenden Bürgermeister stellen will.

  • aujau

    Bei Links und bei Grün wähle ich mit Bauchschmerzen, aber sie sind die realistischste Variante. Weiter rechts braucht man von Haus aus nicht zu überlegen.

  • Janix

    Eine Prise CSD-Wagen, durchdesignt; viele Funktionär:e, die an ihre Posten denken und nicht zu radikal sein wollen. Viele Neben-Spiegelstriche statt Klassenfrage, ökologische Frage, ja: Systemfrage. Auch ein Özdemir würde in Berlin keine Schnitte machen.

    Doch eine linke Mehrheit existiert, und jetzt gilt es sie endlich wieder zu nutzen.

  • bloggerlogger

    times are changing.



    Meine Jugend war mit Anti Atom und die taz hatte noch die Wiese, auf der man mit Gummibärchen zahlte .. und die Grüne Bewegung ging los. Ströbele, das Urgestein, fuhr zur Arbeit mit dem Fahrrad .. und nun: aus grün wurde blau und in Berlin haben die Linken gewonnen. Ja, Oskar F .. du hast die Grünen umgekrempelt und bist dann im italienischen Zwirn rumgelaufen .. die Authentizität hat darunter gelitten. Machtanbiederung wie bei allen. Jetzt sind halt mal die Nazis dran mit der Anbiederung, und die Linke wird Berlin hoffentlich richtig rocken, frische Gesichter tuen gut.



    Merzi und seine alten Rentnerkolleg:innen sind wir satt. Diese altmodische Tour ist von vorgestern. Gut, das diese gruselige CD bUuuuh mal einen druff gekriegt hat. Der Unsympath B-Kanzler (no A Klasse) weicht aber nicht von seinem Stuhl.



    #muckferz #nichtmeinkanzler #muttihatterecht #scheissaFd