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Sturzflut in Tibet und NepalEine Flutwelle so hoch wie ein siebenstöckiges Haus

Wie kam es zur gigantischen Sturzflut im Himalaja? Drohen weitere Flutwellen? Was zeigen Videos? Und was hat das alles mit dem Klimawandel zu tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was genau ist in Nepal passiert?

Am Mittwoch ist im Norden Nepals an der Grenze zu China durch die teils sehr engen Täler des Himalaja eine gigantische Flutwelle gestürzt. Vermutet wird, dass ein Abbruch an einem Gletscher am 7.227 Meter hohen Berg Langtang Lirung die Katastrophe ausgelöst hat.

Ein „großer Teil“ des Gletschers habe sich offenbar gelöst und sei aus einer Höhe von etwa 5.200 Metern in ein Tal gestürzt, wie Simon Cox vom neuseeländischen Forschungsinstitut GNS Science der Nachrichtenagentur AFP sagte. Der abgebrochene Teil des Gletschers könnte laut Cox zwischen „einer halben Million Kubikmeter und mehreren Dutzend Millionen Kubikmeter“ groß gewesen sein.

Dadurch könnte zunächst der nördlich der Gebirgskette fließende Fluss Lhende Khola aufgestaut worden sein, vielleicht sind die Massen aber auch direkt ins Tal gestürzt. Einige Experten schätzen, dass sich Wasser unter dem Gletscher angesammelt haben könnte, das dann zusammen mit dem herabgestürzten Eisblock talabwärts strömte. Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung geht davon aus, dass bei dem mehr als 1.000 Meter tiefen Abrutschen die – etwa durch Reibung frei werdende – Energie das Eis fast augenblicklich schmelzen ließ.

Daraufhin raste am Mittwoch eine riesige Sturzflut mehr als 160 Kilometer weit entlang zweier Flüsse durch Nepal. Gerade die Geländeform erklärt für Hovius die verheerende Wucht der Sturzflut: „Das Tal ist sehr eng und sehr steil“, sagte der Experte. „Dadurch konnten sich die Wassermengen derart auftürmen.“

Welche Regionen sind betroffen?

Videos und Fotos aus der Region zeigen, dass die Sturzflut offenbar zunächst den Lhende-Fluss bergab Richtung Westen gestürzt ist. Beim Ort Rasuwaghati erreichte sie mit so großer Wucht das Tal des Bhote Koshi, dass sich die Flut in beide Richtungen ausbreitete – flussabwärts durch Nepal, aber auch flussaufwärts über die Grenze nach Tibet, das offiziell zu China gehört.

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Laut lokalen Berichten sind aber nicht nur die Regionen um den Fluss Bothe Koshi – der im weiteren Verlauf auch Trishuli heißt – betroffen, sondern auch weiter östlich gelegen Gebiete in Nepal.

Was kann man auf den Videos sehen?

Eins der beeindruckenden Videos, die auf Social-Media-Kanälen verbreitet wurden, zeigt die Grenzstation zwischen Nepal und China bei Rasuwaghati. Offenbar von einer Überwachungskamera auf chinesischer Seite gefilmt, sieht man zunächst das etwa siebenstöckige Grenzgebäude. Im Hintergrund stürzt von links die Flutwelle aus dem Lhende in das Tal des Bothe Koshi-Flusses. Sie überspült binnen Sekunden das Gebäude und das gesamte Tal.

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Nepal Rasuwagadhi Video 1

Screenshot des Videos bei Bluesky

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Ein weiteres Video zeigt offensichtlich den gleichen Ort aus anderer Perspektive. Der Blick richtet sich hier gen Norden. Auch hier ist zu sehen, wie die Flutwelle alles wegreißt.

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Nepal Rasuwagadhi Video 2

Screenshot des Videos bei Bluesky

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Auf einem dritten, ebenfalls vielfach geteilten Video ist zu sehen, wie die Flutwelle eine größere Ortschaft erreicht. Dort wird erst eine Brücke über den Fluss weggespült, dann werden mehrstöckige Häuser am Ufer mitgerissen. Ein Bildvergleich der taz hat ergeben, dass es sich um die Ortschaft Trishuli Bazar in der Nähe von Bidur handeln muss. Sie liegt rund 50 Kilometer flussabwärts von Rasuwaghati.

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Nepal Trishuli Video

Screenshot von Bluesky

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War der Auslöser ein Erdbeben?

Zunächst war vermutet worden, dass ein Erdbeben die Katastrophe ausgelöst habe. In der Region habe sich am Mittwoch um 08.37 Uhr Ortszeit „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2 ereignet“, erklärte die US-Erdbebenwarte USGS. Später korrigierten sich die Bebenspezialisten. Nach einer Analyse kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Erschütterungen durch einen „Gletscherabbruch mit Gerölllawine“ ausgelöst wurden.

Die seismischen Wellen, die nach dem Vorfall registriert wurden, entsprechen nicht einem Beben. „Statt eines impulsiven Beginns setzt das Signal allmählich ein und entwickelt sich über viele Sekunden zu einer lang anhaltenden Bodenbewegung, die stark von oberflächennahen Wellen geprägt ist“, heißt es etwa auf der Seite erdbebennews.de.

Die gemessenen Erschütterungen sind also wahrscheinlich durch den Gletschersturz und die folgende Sturzflut ausgelöst worden und nicht umgekehrt.

Warum muss mit weiteren Flutwellen gerechnet werden?

Die Gefahr vor Ort ist offenbar noch nicht vorbei. Nach Angaben des chinesischen Fernsehens hat sich in der Nähe des Grenzübergangs auf nepalesischer Seite ein neuer See aufgestaut, der eine weitere Flutwelle auslösen könnte, wenn die ihn umgebenden Erdmassen wegbrechen.

Bis Mittwochmorgen hätten sich bereits zwei Millionen Kubikmeter Wasser in dem See gesammelt. Das entspräche in etwa der Wassermenge des Wandlitzsees in Brandenburg. Es werde erwartet, dass sich in den nächsten drei Tagen bis zu drei Millionen Kubikmeter dort aufstauen könnten.

Laut einem Bericht der Kathmandu Post ist der See am Zusammenstrom der Flüsse Chhochen Khola and Purepu Tsangpo entstanden.

Ist der Klimawandel schuld?

Nepal leidet in besonderem Maße unter der Klimaerwärmung. Laut dem von der Umweltorganisation germanwatch veröffentlichten Climate Risk Index gehört das Land im Himalaja zu den zehn am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern.

Ob der Klimawandel der Grund für den Gletscherabbruch am Mittwoch verantwortlich war, ist aber noch nicht endgültig geklärt. Solche Ereignisse habe es auch zu anderen Zeiten gegeben, sagt etwa Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. Allerdings gibt er zu bedenken: „Gletscher schmelzen, Permafrost taut, die Null-Grad-Grenze steigt – und der Himalaja ist schwer betroffen“, so der Experte. „Diese Umweltbedingungen erhöhen das Risiko von Destabilisierungen.“ Das gelte auch für andere Hochgebirgsregionen, etwa die Anden – und auch für die Alpen.

Die Erderwärmung führt zum Abschmelzen der Gletscher. Damit steigt das Risiko von Katastrophen wie jetzt in Nepal, sagt der Glaziologe Donovan Dennis im Interview mit der taz.

Steigende Temperaturen verringern den Halt des Eises an steilen Hängen, erhöhen die Menge an Schmelzwasser und veränderten die Frost- und ‌Tauzyklen. Der langfristige Trend ‌ist laut einem Bericht den Vereinten Nationen dramatisch: Demnach haben Nepals Berge ⁠in gut 30 Jahren knapp ein Drittel ihrer Eisdecke verloren. Im vergangenen Jahrzehnt seien die Gletscher 65 Prozent schneller geschmolzen als in der Dekade ‌davor, so die Vereinten Nationen.

Bereits in den vergangenen Jahren ‌hatten ähnliche, wenn auch kleinere Flutwellen die Region erschüttert, darunter 2025 in Gyirong sowie 2024 und 2023 in Nepal und Indien.

Wie viele Opfer gibt es bisher?

Nach der verheerenden Sturzflut am Himalaja suchen Helfer in den Schlammmassen nach mehr als 1.400 Vermissten, während die Zahl der Todesopfer immer weiter steigt. Bis Donnerstagnachmittag wurden in Nepal und Tibet mindestens 362 Tote geborgen, die weitaus meisten in Nepal.

Die Behörden in Kathmandu gaben die Zahl der Vermissten auf der nepalesischen Seite der Grenze mit 910 an, darunter 517 ausländische Touristen. Unter den Vermissten sind nach Angaben der nepalesischen Tourismusbehörde auch mindestens acht Deutsche.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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11 Kommentare

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  • economista

    Die Vermutung Niels Hovius', der 1000 m tiefe Sturz habe das Eis sofort schmelzen lassen, verwirrt mich etwas. 1 kg Eis wird entsprechend einer Erdbeschleunigung von 9,81 m/s² mit einer Kraft von 9,81 N angezogen. 1 kg sind 1000 g Eis. Beim Sturz über 1000 m wurde also für jedes Gramm Eis eine kinetische Energie von 9,81 N m frei, oder 9,81 Joule. Um ein Gramm Eis zu schmelzen, braucht es jedoch eine Energie von 334 Joule. Es kann also unmöglich das gesamte herabgestürzte Eis sofort geschmolzen sein. Sondern vieles spricht dafür, dass aufgestautes Wasser plötzlich talwärts schoss und Schlamm und Gestein mitnahm.

    Ursächlich für die Katastrophe dürfte auch die neuzeitliche Bebauung des flutgefährdeten Tals in unteren Lagen sein. Wobei natürlich eben diese gefährdeten Areale besonders geeignet sind für Verkehrswege. Sicherlich passieren Gletscherabbrüche wegen der Erderwärmung derzeit häufiger. Aber auch in der vorindustriellen Zeit wird es in dem nepalesischen Tal bereits Schlammlawinen gegeben haben, deren Gefahr unterschätzt wurde.

  • meerwind7

    Eine Absenkung von einer Tonne um 1000 Meter setzt eine Energie von 9,81 * 1 Mio. Joule frei.

    "Um Eis von 0 °C zu Wasser von 0 °C zu schmelzen, bedarf es einer großen Energiemenge, die 334 Joule pro Gramm entspricht." Die Energie reicht also zum Schmelzen von 29 kg aus oder 2,9% des Eises (wenn es nicht kälter ist).

    Wie kommt der Herr Hovius dann zu solchen Aussagen:

    "Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung geht davon aus, dass bei dem mehr als 1.000 Meter tiefen Abrutschen die – etwa durch Reibung frei werdende – Energie das Eis fast augenblicklich schmelzen ließ."

  • Michael Denneborg

    Das ist im Ötztal (und vielen Alprntälern) im 16. bis 18. Jahrhundert regelmäßig passiert. Der vernagtgletscher ist bis ins Haupttal vorgestoßen und es abgeriegelt bis der sich dahinter aufstauende See (bis 150 m hoch) durchgebrochen ist. Zum Glück ist der vernagtgletscher jetzt weg. Warmzeiten sind gute Zeiten. Geht nur gerade etwas schnell……

    • schnarchnase

      @Michael Denneborg:

      Warmzeiten sind gute Zeiten? Seit wann sind Wassermangel, Dürre und Waldbrände und Hitze gut? Unsere Zivilisation basiert auf kühlerem Klima.

      • Michael Denneborg

        @schnarchnase:

        Es gibt 149 Länder auf der Welt, die eine höhere Jahresdurchschnittstemperatur als Deutschland aufweisen, und in diesen Ländern leben insgesamt rund 7,29 Milliarden Menschen (was etwa 88,5 % der gesamten Weltbevölkerung von rund 8,23 Milliarden Menschen entspricht.

    • Michael Denneborg

      @Michael Denneborg:

      Das sagt die KI, aber mein Gedächnis war doch nicht so schlecht:

      Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert stieß der Vernagtferner immer wieder rasant vor. Er riegelte dabei den Rofenbach ab. Dahinter staute sich ein riesiger See auf (der Vernagtsee). Wenn dieser Eisdamm brach, verwüsteten gigantische Flutwellen das gesamte Ötztal und reichten teils bis nach Innsbruck.

      Die religiösen Prozessionen am Vernagtferner (Vernagtgletscher) im Ötztal waren historische Bittgänge gegen Naturkatastrophen, die durch die zerstörerischen Ausbrüche des dortigen Gletscherstausees ausgelöst wurden. Während der „Kleinen Eiszeit“ galt der Gletscher aufgrund seiner unberechenbaren Dynamik als der „Dämon des Ötztals“



      Da die Wissenschaft und Technik damals keine Lösungen boten, suchten die Menschen Beistand im Glauben. Die Kirche rief das gesamte Inntal zu Bittgängen und Prozessionen direkt zur Gletscherzunge auf.

      • tranquillity

        @Michael Denneborg:

        Ob die KI sich da mal nicht etwas zusammen fabuliert hat ...



        Ich sehe das nicht als seriöse Quelle an, denn es ist keine seriöse Quelle.



        Abgesehen davon verstehe ich nicht den Sinn Ihre Beitrag. Die vergangenen Ereignisse sind Vergangenheit, seit dem haben wir eine viel stärkere Siedlung in den meisten Gebieten. Für die Region in Nepal hat Ihre Aussage überhaupt keinen Wert. Wollen Sie das Ereignis relativieren? Das wäre sehr unangemessen.

  • Oskar Muster

    Vorgeschmack auf ähnliche Alpenszenarios, egal ob man den Klimawandel verleugnet.

    • TheBox

      @Oskar Muster:

      Gletscher in dieser Größe, die abbrechen können, gibt es in den Alpen nicht. Erdrutsche, die Flüsse aufstauen, haben bis zum Durchbruch lange Vorwarnzeiten, und in den Alpen gibt es keine unbeobachtete Zonen. Natürlich schlägt der Klimawandel auch in den Alpen zu, aber die Vermutung, eine vergleichbare überraschende Flutwelle könnte hier passieren, ist einfach falsch.

  • FancyBeard

    "Ist der Klimawandel schuld?" Das lenkt irgendwie schön von der eigenen Verantwortung des Menschen ab. Klar steigen die Wahrscheinlichkeiten solcher Ereignisse durch die massiven Temperatursteigerungen der letzten Jahre. Wenn wir weiter so fröhlich Treibhausgase rauslassen umso mehr.

  • Janix

    Schmelzende Gletscher kosten.



    Binse, doch nicht jeder hat's begriffen oder handelt danach.