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Siedlergewalt im Westjordanland Zum Abschuss freigegeben

Lisa Schneider

Kommentar von

Lisa Schneider

Immer öfter und immer brutaler gehen extremistische Siedler gegen die palästinensische Bevölkerung vor. Eine Strafverfolgung droht ihnen nicht.

I nnerhalb von sechs Monaten gab es 660 Übergriffe. Das sind 110 pro Monat, mehr als drei pro Tag. Der Siedlerterror im Westjordanland eskaliert zusehends. In jedem der vergangenen Jahre wurde ein neuer Rekord aufgestellt. Immer brutaler werden die Attacken: 140 Verletzte, sechs Tote, so die Bilanz im ersten Halbjahr 2026.

Drei Beispiele allein aus diesem Jahr: Im März dringen Siedler in ein Dorf ein, packen einen Mann, ziehen ihn nackt aus, befestigen Kabelbinder an seinem Penis und zerren ihn so durch den Ort. Im April erschießt ein Siedler einen 14-jährigen Palästinenser auf dem Gelände seiner Schule. Im August belagert eine Gruppe von Siedlern drei palästinensische Familien in einem Weiler in der Nähe von Nablus, tagelang, während ihnen Wasser und Nahrungsmittel ausgehen.

Konsequenzen hat das keine. Weder in Israel, wo 94 Prozent aller Anzeigen wegen Siedlergewalt nicht einmal in einer Anklage enden. Noch in der Europäischen Union, wo auf besorgte Statements zu Menschenrechten und einer Zweistaatenlösung keinerlei konkrete Konsequenzen folgen. Und sicherlich nicht in Deutschland, wo man sich nicht einmal dazu durchringen kann, einen Mann zu sanktionieren, der die gewalttätigen Siedler noch verteidigt – den rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir.

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Wie lange will man dem noch zusehen? Es ist das Minimum, dass alle, die sich an diesem Terror beteiligen, sanktioniert werden. So wie die vier Organisationen und drei Personen, die im Mai endlich auf der Sanktionsliste der EU landeten. Milliardenbeträge aus dem Haushalt Israels fließen unter der derzeitigen in Teilen rechtsextremen Regierung in die völkerrechtswidrigen Siedlungen. Die ausufernde Siedlergewalt ist vom Staat nicht mehr zu trennen.

Brüssel und Berlin müssen endlich Haltung zeigen gegenüber diesem von rechtsextremen Politikern regierten Staat. Im Oktober stehen in Israel Neuwahlen an. Der Moment, zumindest noch ein Zeichen zu setzen, ist jetzt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lisa Schneider

Lisa Schneider Redakteurin für Nahost

Redakteurin für Westasien & Nordafrika. Studium in Beirut, Mainz und Paris. Alumna des Ernst Cramer & Teddy Kollek Programms (IJP) bei Times of Israel.
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10 Kommentare

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  • David Lejdar

    Auf der anderen Hand, halt schon spannende Frage z.B. an den Bundestag, dass Preußen wie Israel ja ein Existenzrecht hat, und ob das also irgendwie automatisch ein Existenzrecht der Deutschen ausschließt?

    So oder so, meine außenpolitische Position zu dem Konflikt ist, dass wenn dort hauptsächlich mit Auslegung des Alten Testaments argumentiert wird, in Genesis 15 ist eindeutig die Rede davon, dass das Land mit weiteren Leuten einhergeht. Bzw. da gab es auch den Staat Juda.

    Und da wäre mein Argument halt, dass Juda wiederhergestellt (und Palästina genannt), idealerweise mit etwas Gebiet von Ägypten, womit man Platz für paar Städte hätte, wohin Diaspora zurückkehren kann, deren Vorfahren da schon ansässig waren.

    Und weltlich, Preußen stand deutlich gegen Hep-Hep-Krawalle und hätte diplomatisch schon Anfrage, ob man sich bei seinem staatlichem Grundstück in Jerusalem sorgen muss, wenn Gruppe an Jugendlichen auftaucht, nachdem irgendwas auf Handy gelesen haben.

  • rosengrob

    Um das übliche Narrativ "böse Siedler gegen arme Schafhirten" etwas aufzuhellen: die 3 Figuren sitzen nicht auf einem "Mäuerchen" sondern auf einem riesigen Wall aus Felsquadern. Es handelt sich nicht um ein "dörfliches Häuschen" sondern um einen außerhalb des Dorfes von reichen Exilpalästinensern top gesicherten Palast. In Tuvia Tenenboms sehr instruktivem neuenbBuch "unter Siedlern", kann man nachlesen, dass dies die palästinensische Variante des Landbesetzens darstellt. Die meisten dieser Paläste stehen leer. Rechtfertigt natürlich nicht die Siedler Gewalt. Aber da kümmert sich die IDF drum. Kann man wiederum in Haaretz nachlesen. Also liebe linke Revolutionsfreunde: Spucke sparen!

  • Worgt Michael

    Israel kann man machen was es will .



    Man sollte die Verbrechen dieses Landes endlich beim Namen nennen .



    Eine Ignorieren verschärft den Antsemetismus nur , erst recht wenn Israelkritik mit Antisemitismus gleichgesetzt wird .



    Das ist völliger Blödsinn, wird aber von der deutschen Regierung so gern gemacht.



    Klar , man möchte ja weiter gute Geschäfte machen und fleißig an Israel Waffen liefern können .



    Darum geht es der deutschen Merz-Politik - Profit für



    die Rüstungsindustrie.

  • Klabauta

    Wenn etwas so sicher ist wie das Amen in der Kirche, dann, dass die deutsche Regierung keinerlei Konsequenzen ziehen wird, die über das Äußern von "Besorgnis" hinausgehen.



    Auch die im Mai mit anderen europäischen Ländern getroffene Feststellung, dass der Siedlungsbau im Westjordanland illegal ist, blieb ohne Konsequenzen. Und warum? Weil Deutschland zögert, bremst und gemeinsam mit Italien Sanktionen verhindert.



    taz.de/EU-Sanktionen/!6195437/

  • aujau

    Diese Gewalt ist ein zu verurteilender Beitrag dazu, den Konflikt weiter laufen zu lassen und zu eskalieren.

  • ASD

    Die Autorin hat vollkommen Recht! Es wäre wunderbar wenn man einen Unrecht sanktionieren würde! Aber die Welt schaut zu. Es ist offensichtlich, dass man aufgrund von dem Holocaust nicht geneigt ist. Fehler, die seitens der Israelis begangen werden, zu sanktionieren. Das kann und darf nicht immer vorgehalten werden aber Empathie ist erst dann immer da, wenn man selbst betroffen ist, dann wird schnell reagiert wohin das noch führen wird. Das weiß man nicht aber die Ungerechtigkeit stinkt zum Himmel.

  • Gartenfreundin

    Ich kann nicht verstehen, wie die EU und allen voran Deutschland so wegschauen können. Wir Deutschen haben doch so hohe ethische Ansprüche an alles Mögliche. Lieferkettengesetz, keine Atomkraft, Asylrecht usw. Aber die Palästinenser sind uns egal!!! Das ist Rassismus pur, denn anders kann ich mir das nicht erklären, auch nicht aus unserer Geschichte.

  • Il_Leopardo

    Soviel zum einzigen Rechtsstaat oder der einzigen Demokratie in diesem Raum.

    • Worgt Michael

      @Il_Leopardo:

      Siedlergewalt und Verbrechen gibt es schon seit der Gründung von Israel 1948 an den Palästinensern .

  • Josef 123

    Gehört das auch zur deutschen Staatsräson, diese Verbrecher und ihre Hintermänner ungehindert ihr brutal-verwerfliches Werk ausführen zu lassen? Wo ist von der Leyen? Wo ist Merz? Und, nein: (Kriegs-) Verbrechen zu verhindern ist kein Antisemitismus. Ganz im Gegenteil.