Ausnahmezustand auf der Krim: „Fast niemand hat noch Vorräte“
Nach ukrainischen Angriffen auf die von Russland besetzte Krim hat sich der Alltag dort verändert. Geschäfte schließen. Immer mehr verlassen die Halbinsel.
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„Istories“ öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch.
Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim ist der Ausnahmezustand ausgerufen worden. Sergej Aksjonow, der von Russland eingesetzte Gouverneur, begründete diesen Schritt mit der Notwendigkeit, „finanzielle Fragen zu ordnen“. Was er damit genau meint, sagte er nicht. Zugleich fehlt es vielerorts an Treibstoff, es kommt zu Stromausfällen und auch die Wasserversorgung ist immer wieder unterbrochen. Bewohner*innen der Krim schildern „Istories“, wie sich ihr Alltag in den letzten Wochen verändert hat – und wie sie wegen der Krimkrise ihre Arbeit verloren haben.
„Fast niemand hat noch Vorräte“, sagt eine Bewohnerin. „Alle sparen, selbst zum doppelten Preis will derzeit kaum jemand Benzin verkaufen, weil niemand weiß, wann die Tankstellen wieder beliefert werden.“ Hinzu kommt: Die normale Bevölkerung kann derzeit gar keinen Kraftstoff kaufen. Wer Benzin kaufen will, ist auf den Schwarzmarkt angewiesen. Doch auch dort wird das Angebot allmählich knapp.
Früher habe es Leute gegeben, die über staatliche Stellen oder Bekannte an Benzin kamen und es weiterverkauften, sagt eine weitere Krimbewohnerin gegenüber „Istories“. „Der Kraftstoff war eigentlich für staatliche Zwecke bestimmt, aber ein Teil wurde abgezweigt und verkauft. Auch Angehörige des Militärs haben das gemacht.“ Doch inzwischen habe selbst das aufgehört. „Wir hatten früher einen Verkäufer, der Benzin privat anbot. Seit Beginn der Krise hat auch er nichts mehr.“
Ganze Stadtviertel ohne Strom
Der Kraftstoffmangel hat auch Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr. Durch die Behörden wurde er eingeschränkt und die Zahl der Buslinien reduziert. Wegen der Stromausfälle wurde der Oberleitungsbusverkehr eingestellt.
In der letzten Woche hat die ukrainische Armee ihre Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Krim intensiviert. In der Folge fiel in weiten Teilen der Halbinsel der Strom aus. Zwei Bewohner*innen von Sewastopol berichten, dass ganze Stadtviertel praktisch ohne Elektrizität auskommen müssen. Zudem wird die Wasserversorgung immer wieder unterbrochen, da auch die Pumpstationen Strom benötigen.
„Die meisten Geschäfte, vor allem die kleineren, privaten Läden, sind geschlossen“, sagt eine Bewohnerin. In den geöffneten Geschäften könne in der Regel nur bar bezahlt werden, Kartenzahlung sei nur in großen Supermarktketten möglich. „Die meisten Geldautomaten funktionieren nicht. Die wenigen, die über Notstrom versorgt werden, sind leer. Deshalb versuchen viele Menschen, Bargeld abzuheben, da Kartenzahlungen wegen fehlendem Strom oder Internet oft nicht möglich sind“, so die Bewohnerin weiter.
Anfang Juni begannen viele Geschäfte damit, den Verkauf von Grundnahrungsmitteln wie Zucker, Reis, Buchweizen und anderen Getreideprodukten zu beschränken. Pro Person dürfen nur noch wenige Kilogramm davon gekauft werden.
„Die Menschen hatten aus Angst alles aufgekauft“
„Die Menschen gerieten in Panik und begannen, Vorräte anzulegen“, sagen „Istories“ zwei Bewohner*innen von Sewastopol. „Wir waren in einem großen Supermarkt, dort standen noch Paletten mit Reis, Buchweizen und Nudeln, von denen wir etwas kauften. Als wir am nächsten Tag wiederkamen, waren die Regale leer, offenbar hatten die Menschen aus Angst alles aufgekauft.“
In Lebensmittelgeschäften, die mit Notstromaggregaten betrieben werden, werden derzeit nur Produkte verkauft, die keine Kühlung brauchen. Kühlregale sind mit Absperrbändern abgetrennt, die Ware riecht verdorben.
Laut einer Bewohnerin leben in Sewastopol nur noch wenige junge Menschen. Viele von ihnen seien auf das russische Festland gezogen, um dort bessere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Geblieben sind vor allem ältere Menschen und diejenigen, die aus beruflichen oder familiären Gründen nicht wegziehen können.
Die jüngsten Angriffe auf die Energieinfrastruktur hätten jedoch auch einige der Verbliebenen dazu gebracht, erneut über einen Umzug nachzudenken. „In meinem Bekanntenkreis überlegen sogar Unternehmer, die Krim zu verlassen“, sagt eine Frau aus Sewastopol. „Es gibt kaum noch Arbeit, die Lage ist katastrophal.“
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