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Studie zu Gewalt an Berliner SchulenAuf der Kippe

Schü­le­r:in­nen in Berlin beklagen Konflikte, Gewalt und Verrohung. Die bundesweit erste Studie zeigt auch einen deutlichen Anstieg der Vorfälle.

Gewalt ist für Schü­le­r:in­nen in Berlin alltäglich. Und das auch schon an den Grundschulen – also von Klasse 1 bis 6. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie, die Berlins Bildungsverwaltung in Auftrag gegeben hatte. Es ist bundesweit die erste Studie in dieser Größenordnung.

Die Studie nahm dabei vor allem Gewalt und Konflikte unter Schü­le­r:in­nen in den Blick. Sie zeigt, dass diese zunehmen. 42 Prozent der befragten Schü­le­r:in­nen gaben dabei an, dass Gewalt sich häufig an Kleinigkeiten entzündet. Leh­re­r:in­nen und Päd­ago­g:in­nen sagten mehrheitlich, dass Impulskontrolle und Frustrationstoleranz in ihrer Schü­le­r:in­nen­schaft nachgelassen hätten. Eine Mehrheit der Leh­re­r:in­nen sieht außerdem Gewalt und Konflikte an der eigenen Schule als großes (38 Prozent) oder sehr großes (18 Prozent) Problem.

Das hat direkten Einfluss auf den Schulalltag: „Der Umgang mit Gewalt bindet viele Ressourcen, die dann an anderer Stelle fehlen“, sagte Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach, der die Studie geleitet hat. „An Schulen, wo Leh­re­r:in­nen und Päd­ago­g:in­nen ein großes Gewaltpotenzial unter den Schü­le­r:in­nen feststellen, ist demnach der Schulbetrieb erheblich gestört“, erklärte er bei einer Präsentation der Studienergebnisse am Montag. Viele Leh­re­r:in­nen seien so sehr damit beschäftigt, akute Konflikte zu bewältigen, dass keine Zeit für Präventionsarbeit bleibe.

Die Studie zeigt auch ein deutliches Gefälle innerhalb der Schulformen. Grundschulen, integrierte Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen sind demnach deutlich stärker von Gewalt betroffen als Gymnasien und Berufsschulen. Damit bestätigt die Studie das soziale Gefälle im Berliner Schulsystem – und sie zeigt auch, dass es an sogenannten Problemschulen nochmal mehr Gewalt gibt.

Verbale, soziale und körperliche Gewalt

Schü­le­r:in­nen berichten dabei von verbaler Gewalt – darunter fasst die Studie etwa Anschreien und Beleidigungen –, von sozialer Gewalt wie Lästern und Lügen, von körperlicher Gewalt mit Schubsen, Treten, Schlagen und Verprügeln sowie von sexualisierter Gewalt. Insbesondere die Schü­le­r:in­nen in der Klassenstufe 9 zeigten sich besonders betroffen.

Knapp zwei Drittel (63 Prozent) der Schü­le­r:in­nen nannten Beleidigungen, knapp die Hälfte (49 Prozent) erzählte, dass sie von Mitschülern lächerlich gemacht oder blamiert worden seien. Jeweils rund ein Viertel gab an, ausgegrenzt oder gemobbt (26 Prozent) beziehungsweise geschlagen, getreten oder geboxt (25 Prozent) worden zu sein. Vier Prozent berichteten davon, sogar verprügelt worden zu sein. Außerdem nannten Schü­le­r:in­nen Anpassungsdruck an ihrer Schule als Problem: etwa bei politischen Haltungen, bei Geschlechterrollen oder auch in Bezug darauf, religiöse Regeln einzuhalten.

Päd­ago­g:in­nen wiederum berichteten, dass Schü­le­r:in­nen religiöse Regeln über die Regeln der Schule stellen und nahmen das als großes Problem wahr. Dies betraf muslimische Schüler:innen, christliche, aber auch konfessionslose.

Die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen haben für die Studie von November 2025 bis Januar 2026 Schü­le­r:in­nen und Leh­re­r:in­nen befragt. Von Schü­le­r:in­nen aus den Klassenstufen 6, 9 und 12 konnten sie dafür rund 14.000 Fragebögen auswerten. Zudem hatten sie rund 2.500 Leh­re­r:in­nen und pädagogischen Mit­ar­bei­te­r:in­nen online befragt.

Religion seltener Auslöser, aber mit Sprengkraft

Die Studie beleuchtet auch, dass vergleichsweise wenige Schü­le­r:in­nen Herkunft, Religion, Hautfarbe sowie sexuelle Orientierung oder Identität als Auslöser von Gewalterlebnissen nennen. Doch für die betroffenen Gruppen haben diese Gewaltauslöser eine sehr hohe Relevanz: So berichteten 7 Prozent der Schü­le­r:in­nen von Gewalt, bei der es um Religion ging, unter Schü­le­r:in­nen jüdischen Glaubens spielte das bei 34 Prozent eine Rolle.

Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) lobte die tagtäglich „sehr engagierten“ Lehrer:innen, Schulleitungen und pädagogische Fachkräfte. „Die Ergebnisse zeigen ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es geht nicht allein um Schulen und auch nicht um einzelne Schulen“, sagte sie.

Die Jugendlichen erleben dann teilweise, dass es für sie keinen Platz in der Gesellschaft gibt

Beate Maedebach, Schulleiterin

Das unterstrich auch Beate Maedebach, Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen (IBS). „Die Studie war längst überfällig. Sie bestätigt, was wir tagtäglich erleben“, sagte Maedebach. „Als Schulen haben wir juristisch kaum wirksame Möglichkeiten, gegen Gewalt vorzugehen.

Zudem seien die Belastungen in der 9. Klasse kein Zufall, betonte Maedebach. „In dieser Klassenstufe fängt es an, dass es um Abschlüsse geht. Und die Jugendlichen erleben dann teils besonders deutlich, dass es für sie keinen Platz in der Gesellschaft gibt“, sagte die Schulleiterin. Da helfe auch kein 11. Pflichtschuljahr für diejenigen ohne Abschluss oder Ausbildungsplatz.

Oft würden Schü­le­r:in­nen schon sehr früh auffällig werden, teils schon in der Kita. Sie hätten teils über einen langen Zeitraum schulische Misserfolge erlebt. „Das macht deutlich, dass wir auch schon sehr früh agieren müssen“, stellte Maedebach klar. Generell müsse Beziehungsarbeit mehr in den Vordergrund rücken und vor allem brauche es dafür ausreichende Ressourcen.

„Wer Gewaltprävention ernst nimmt, darf funktionierende Angebote nicht kürzen“, hieß es von der Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (GEW). Präventionsarbeit müsse langfristig finanziert und abgesichert werden und sie könne nicht zusätzlich neben dem ohnehin überlasteten Schulalltag geleistet werden.

Digitale Medien als eine von vielen Ursachen

Als mögliche Ursachen für die Gewalt nennen die Studienmacher generelle gesellschaftliche Verrohung, Einfluss digitaler Medien, Belastungen aus der Corona-Zeit, familiäre Vernachlässigung und Erfahrungen von Benachteiligung. Wege aus der Krise könnten demnach mehr Partizipation von Schü­le­r:in­nen sein, mehr multiprofessionelle Teams, in denen Leh­re­r:in­nen mit Psycholog:innen, So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen oder Er­zie­he­r:in­nen eng zusammen arbeiten und mehr Stärkung der sozialen Kompetenzen der Schü­le­r:in­nen.

Dabei sei es besonders wichtig, dass Schulen konsequent auf Gewaltvorfälle reagieren. „Wo das brüchig ist, da merken die Schüler:innen, dass das Gewaltverbot verhandelbar ist“, sagte Marc Grimm von der Bergischen Universität Wuppertal, der an der Studie beteiligt war. „Sie lernen dann: Ob sie geschützt werden oder nicht, das hängt davon ab, ob sie zu einer bestimmten Gruppe gehören“, sagte er. Die Gewalt sei sehr ungleich verteilt, besonders Minderheiten seien betroffen.

Teils klaffen auch das Erleben der Schü­le­r*in­nen und die Reaktionen der Leh­re­r*in­nen weit auseinander. So empfanden vor allem muslimische Schü­le­r:in­nen etwa die Beleidigung „Hurensohn“ als grenzüberschreitend, Lehrkräfte hingegen schätzten diese als weniger gravierend ein und reagierten vergleichsweise seltener darauf. Bei abwertenden Kommentaren zu ihrem Aussehen oder ihrer Kleidung schätzten 71 Prozent der Schü­le­r*in­nen dies in hohem Maße als verletzend ein, aber nur 39 Prozent der Päd­ago­g*in­nen berichten davon, dass sie an ihren Schulen konsequent dagegen vorgehen.

Beim gegenseitigen Anschreien wiederum schritten Schulen häufig ein, obwohl Schü­le­r:in­nen dies als nicht so problematisch einschätzen. „Hier schützen Schulen die Toleranzschwelle ihrer Schülerinnen gut, während sie sie in den anderen Fällen übergehen“, erläutert de Sombre. Bei Schü­le­r:in­nen könne das den gefährlichen Eindruck hinterlassen, dass die Schule als Institution und damit der Rechtsstaat sie im Stich lasse. Und das könne sich wiederum auf die Demokratiebildung und auf deren Akzeptanz negativ auswirken.

Die Bildungsverwaltung will die Ergebnisse der Studie nun mit Schulleitungen und Lehrer:innen, aber auch mit den Bezirken und Ex­per­t:in­nen weiter diskutieren und Maßnahmen entwickeln. „Dass Berlin heute diese Daten vorlegen kann, bedeutet nicht, dass Antisemitismus, Konformitätsdruck oder Abwertung von Frauen nur hier passieren“, sagte Günther-Wünsch. Sie sei gespannt, wann andere Bundesländer dem Beispiel folgen und bald ähnliche Studien vorlegen.

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