Studie zu Gewalt an Schulen: Macht es doch wie nach der Silvesternacht
Die Studie zu Gewalt in Berliner Schulen zeigt einen deutlichen Anstieg der Vorfälle. Lösungsansätze gibt es genug. Was fehlt, ist Mut – und Geld.
D as Ergebnis ist besorgniserregend, gleichzeitig aber für Lehrer*innen und Schulleiter*innen keine Überraschung: Gewalt ist an Schulen in Berlin ein großes oder sehr großes Problem. Zum Teil macht sie einen Schulalltag unmöglich und Präventionsarbeit bleibt auf der Strecke. Das zeigt nun im Detail eine repräsentative Studie. Berlin hat dafür rund 14.000 Schüler*innen und 2.500 Lehrer*innen und Pädagog*innen zu Gewalt und Konflikten unter Schüler*innen befragt. Es ist das erste Mal, dass ein Bundesland es sich leistet, so genau hinzugucken. Deutlich ist: Es braucht umfassende Anstrengungen, um dagegen vorzugehen, und die Schulen sollten sich auf breite Unterstützung verlassen können.
Und tatsächlich liefert die Studie wertvolle Einblicke, die dabei helfen können, präzise gegen Gewalt an Schulen vorzugehen. Gewalt entzündet sich demnach besonders häufig an Kleinigkeiten, oft spielen auch der Körper, das Aussehen oder Kleidungsstücke eine Rolle. 27 Prozent der Schüler*innen sagen auch, dass es gar keinen besonderen Grund gab.
Herkunft, Religion, die eigene Meinung oder die sexuelle Orientierung spielen als Gewaltauslöser eine untergeordnete Rolle – allerdings bewerten die Betroffenen die Gewalt hier als besonders schlimm. Das zeigt, dass Schule es nur unzureichend schafft, Minderheiten wie etwa queere oder jüdische Jugendliche zu schützen. Auch bei muslimischen Schüler*innen zeigt sich, dass sie teils unter Druck stehen, etwa weil andere Jugendliche sie als nicht religiös genug brandmarken. Fatal ist in dem Zusammenhang, dass bei Trägern, die zu queerer Bildung oder zum Minderheitenschutz arbeiten, eher gekürzt wurde.
Die Studie zeigt zudem, dass sich Gewalt zu einem Demokratieproblem auswächst. Denn Schüler*innen erleben tagtäglich, dass die Institution Schule ihre Sicherheit und ihre Rechte nicht schützt.
Religiöse Regeln über den Schulregeln
Andererseits alarmiert der Befund, dass 29 Prozent der Schüler*innen in der 9. Klasse religiöse Regeln als höher bewerten als die Regeln der Schule. Dies sehen 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen so, 33 Prozent der christlichen Jugendlichen und sogar 19 Prozent der Jugendlichen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. In beiden Fällen zeigt sich: Kinder und Jugendliche müssen von der Kita an mitbestimmen, damit ihnen Demokratie selbstverständlich wird.
Gleichzeitig zeigt sie, dass Gewalt die Schulen und die Jugendlichen, die sozial benachteiligt und armutsbetroffen sind, noch mal besonders belastet. Es ist also nicht nur ein Schulproblem – es ist ein soziales Problem. Die Ergebnisse der Studie sind als ein Abbild der gesamten Gesellschaft zu sehen. Bei Maßnahmen gegen die Gewalt sollte daher die gesamte Gesellschaft einbezogen werden.
Die Bildungsverwaltung will nun zu „Workshops“ einladen und benannte am Montag pauschal Ahmad Mansour, Seyran Ateș, Güner Balci und Düzen Tekkal als „Stakeholder“ (also als Projektbeteiligte) für kommende Treffen, in denen die Maßnahmen näher bestimmen werden sollen. Das zeigt eine gewisse Einfallslosigkeit und ein Misstrauen gegenüber lang etablierten Trägern in der Stadt. Alle vier können sicher etwas zur Debatte beitragen – doch dass sie maßgeblich die Richtung angeben sollen, kann kaum ausreichen. Statt auf große Namen sollte der Senat lieber auf breite Fachexpertise setzen.
Die Studie stellt außerdem viele politische Vorstöße der aktuellen Bildungssenatorin, Katharina Günther-Wünsch (CDU), infrage. Der Lehrer*innenmangel verringerte sich rein zahlenmäßig, weil Schulen Stellen an andere Professionen vergeben konnten. Diese bräuchte es aber zusätzlich. Günther-Wünsch nahm auch einen Steuerungsmechanismus zurück, der die Lehrer*innen tendenziell mehr an belastete Schulen verteilte. Sie entlastete und begünstigte die Gymnasien, an denen etwa die Prüfung für den mittleren Schulabschluss wegfiel. Mit dem 11. Pflichtschuljahr führte sie eine Maßnahme ein, die die Jugendlichen viel zu spät erreicht, und kürzte Projekte gegen Schuldistanz. Immerhin gibt es ab dem kommenden Schuljahr kleinere Klassen an den besonders belasteten Grundschulen – dies geschah durch eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Entlastungen für alle Schulen
Das zeigt, wohin es weitergehen muss: Solche Entlastungen sollten allen Schulen zugutekommen und multiprofessionelle Teams beim Unterrichten, aber auch bei der Organisation von Schulen oder der Gewaltprävention helfen. Die Senatorin selbst dachte laut über verpflichtende Schulpsycholog*innen an allen Schulen nach.
Das alles kostet – und auch dies machte die Senatorin deutlich, wenn Berlin wirksam gegen Gewalt an Schulen vorgehen will, dann braucht es mehr Ressourcen. Ideen gibt es längst, auch welche, die kaum kosten (etwa weniger Klassenarbeiten). Die GEW fordert seit Langem kleinere Klassen und eine Entlastung von Lehrer*innen, auch die Eltern- und Schüler*innenvertretung fordern inklusivere, gerechtere und demokratischere Schulen.
All das wird in den Workshops auch Thema sein – aber warum eigentlich so zaghaft und verhuscht – und in den Sommerferien? Warum kommt jetzt kein großer Gipfel? Nach dem Eindruck der Jugendgewalt in einer einzigen Silvesternacht brachten die Verantwortlichen in mehreren Gipfeln gegen Jugendgewalt Feuerwehr, Polizei, Jugendhilfe, Politik und noch viele mehr an einen Tisch. Und sie legten Geld darauf: Rund 107 Millionen Euro flossen in den kommenden Jahren in die Gewaltprävention, die Projekte etwa mit der Feuerwehr gelten als Erfolg. Das ist ein gutes Vorbild für die Reaktion auf ein Gewaltproblem an Schulen, das diesmal sogar wissenschaftlich festgestellt ist.
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