Die USA in sechs Romanen: Oh, say can you see?
Die USA werden 250 Jahre alt: Das literarische Amerika ist mehr als Moby Dick, Walden und Manhattaner Geldadel. Ein kleiner taz-Gegenkanon.
Rassismus auf den Bergen des Wahnsinns
„Die älteste und stärkste Empfindung der Menschheit ist die Angst, und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“ H. P. Lovecraft gilt als einer der einflussreichsten Schriftsteller der Horrorliteratur. Der in Providence, Rhode Island, geborene Lovecraft war zudem Rassist, er glaubte an die Überlegenheit der Weißen und lehnte Einwanderer ab. Seine reflektierte Haltung zu seinem Genre und dessen phantasmatischer Grundlage vertrug sich für ihn nicht bloß mit seinem Irrglauben, das eine scheint bei ihm sogar mit dem anderen verbunden zu sein.
So inszeniert er die prähistorischen Gottheiten seines „Cthulhu“-Mythos als das Fremde schlechthin. Diese „Alten“ und weitere Wesen, die etwa im Roman „Berge des Wahnsinns“ von 1936 vorkommen, sind „Immigranten“ aus der Frühzeit der Erde, die ersten Lebensformen auf dem Planeten. Dass er diese „Alten“ mitunter mit der Kultur der Native Americans in Zusammenhang brachte, wirkt dabei wie ein Ausdruck des Unbehagens der Weißen in den USA, kamen diese doch lange nach den Ureinwohnern. Auch dass Lovecraft das Grauen bevorzugt aus zeitlicher oder räumlicher Distanz schildert, passt. Mit Abstand lässt sich leichter auf das Fremde projizieren.
Tim Caspar Boehme
Der unsichtbare Mann
Nur einen Roman veröffentlichte Ralph Ellison zeitlebens, „Invisible Man“, inspiriert von Hemingway, Dostojewski und T. S. Eliot. Er zählt zu den wichtigsten amerikanischen Romanen. In Deutschland und der Welt wurde in den vergangenen Jahren ein James-Baldwin-Hype ausgerufen, Ellisons Werk von 1952 dagegen blieb am Rand der Aufmerksamkeit oder eher underground. Von ebendort, einem Keller, der mit Tausenden von Glühbirnen erleuchtet ist (der Strom ist gestohlen, ein Akt des Widerstands), berichtet Ellisons Protagonist aus seinem Leben. Als afroamerikanischer Mann bleibt er der Gesellschaft unsichtbar. Eine kurze Phase bedingter Sichtbarkeit endet desillusioniert. Die Bruderschaft (gemeint ist die Kommunistische Partei) hat ihn nur gebraucht, um die Schwarzen in Harlem aufzustacheln. Er will sich aber auch nicht auf die Seite des schwarzen Nationalismus schlagen oder ein Opportunist werden und den Weißen nach dem Mund reden.
Ellisons unsichtbarer Mann und sein Autor glauben an „das Prinzip“, die Menschenrechte und den Universalismus der Aufklärung. Der unsichtbare Mann ist in erster Linie Mensch, nicht ein Träger spezifischer Identitätsmerkmale. Das ist möglicherweise auch der Grund dafür, dass Ellison nicht hip ist. Seine Lektion taugt nicht für Slogans, seine Zweifel nicht zum Parteiprogramm.
Ulrich Gutmair
Die Schüsse der Solanas
Ob Valerie Solanas Karl Marx gelesen hat, ist zweifelsfrei nicht festzustellen. Sie würde es wohl auch nicht zugeben, denn Marx war ein Mann, und Solanas hasste die Männer. So sehr, dass sie in ihrem „SCUM Manifesto“ die Vernichtung aller Männer forderte und gleich praktische Hinweise mitlieferte, wie der Umstieg auf eine Gesellschaft ohne X-Chromosom gelingen könnte. Dass man Valerie Solanas als Autorin nicht ernst nimmt, liegt daran, dass sie wiederum ihren Text sehr ernst nahm und zum ersten Opfer von „SCUM“ ausgerechnet Andy Warhol erklärte. Die Geschichte ist bekannt, Warhol sollte die Schüsse der Solanas schwerverletzt überleben.
Doch nochmal zurück zu Marx. Das „SCUM Manifesto“ ist auch deswegen interessant, weil Solanas trotz ihrer doch etwas wahnhaften Prämisse zu ähnlichen Schlüssen kommt wie die großen Vordenker der klassenlosen Gesellschaft: dass es primär Geldherrschaft und entfremdete Arbeit sind, die dem Menschen ein Leben in Unfreiheit und Unglück bescheren. Wie Monique Wittig dreißig Jahre nach ihr erkannte Solanas, dass die Geschlechterfrage in Wahrheit eine Klassenfrage ist: „Scum ist nicht Masse, sondern Klasse“, schrieb sie in den frühen 1960er Jahren. Was sie nicht erkannte, war freilich, dass auch der Mann ein Geknechteter sein kann; dem allerdings zumindest die Option offensteht, die Frau zu knechten.
Julia Hubernagel
Einen Leitvogel gibt es nicht
Es gibt dieses raumgreifend Amerikanische. Dröhnende Stimme, breitbeiniger Gang, to the moon, dicke Autos. Es gibt aber auch eine andere US-amerikanische Tradition: Aufmerksamkeit, Einfachheit, sich als Teil der Natur verstehen, das Lebendige wahrnehmen und besingen. Henry David Thoreau mit seiner Hütte am Walden-See ist ihr Klassiker. Ein weiterer, nicht so bekannter ist Henry Beston. Er baute sich 1926 ein kleines Haus in die Dünen von Cape Cod, zwei Zimmer, Fenster in alle vier Himmelsrichtungen. Zunächst wollte er nur für zwei Wochen bleiben, er blieb dann aber ein ganzes Jahr und schrieb ein Buch darüber: „Das Haus am Rand der Welt“.
„Man kann am Rande der Brandung stehen und eine ganze Welt studieren“, heißt es darin. Genau das tut Henry Beston. Er lässt sich einfangen vom Klang des Regens, dem Klang des Windes im Wald, dem Klang des Atlantiks, der auf den Strand trifft. Er sieht den ziehenden Vögeln hinterher und weiß, dass Migration ein wesentliches Merkmal der Natur ist. Und immer wieder Sonnenaufgänge, das „große Naturdrama, das uns am Leben hält“.
In Deutschland übersetzen wir solche Naturbeobachtungen schnell in Bilder der Romantik. Die US-Tradition ist handfester. Nichts wird verklärt. Die Härte der Natur – Winterstürme, Schiffsbrüche – ist mit im Bild. Der beobachtende Mensch steht auch nicht der Natur entgegen, sondern erfährt sich als Teil von ihr. „Das Leben ist genauso eine Kraft im Universum wie die Elektrizität oder die Schwerkraft, und die Gegenwart von Leben erhält Leben“, lautet ein Kernsatz bei Beston.
Als er Vogelschwärme beobachtet, notiert er: „Einen Leitvogel oder Anführer […] gibt es nicht.“ Auch das ist amerikanisch. Weiter weg von MAGA-Amerika kann man nicht sein. Was ist aus dieser Tradition geworden? Die Hoffnung ist, dass sie noch da ist.
Dirk Knipphals
Sinnlosigkeit rules
Der Sprache von Richard Brautigan ist schwindlig. Sie schwankt zwischen Humor, Elend und Verzweiflung und flüchtet gerne von einer fiktionalen Ebene auf die andere, wenn es in der vorherigen Darstellung zu brenzlig wird. Beim Schreiben flattert Brautigan davon, ein Schmetterling auf den Flügeln der Flower-Power; als die Ende der 1960er vorbei war, hatte er es schwer.
Leicht hippiesk und sehr sprunghaft leben Worte für Brautigan einfach nur ihre Freiheit aus. Leser erhalten dadurch viel Freiraum beim Interpretieren: In seinem Roman „Trout Fishing in America“ ist der Buchtitel zunächst Chiffre fürs Abdriften, irgendwann macht sich „Trout Fishing in America“ selbstständig, aus dem Titel wird ein Protagonist, der mit anderen „Trout Fishing…“-Heinis Forellen fischen geht, aber zwischendurch auf Abwege gerät. Oder ist „Trout Fishing in America“ der Name eines Hotels? „Die Buchhandlung war ein Parkplatz für gebrauchte Friedhöfe“ und ihr Buchhändler hatte „eine junge Frau, einen Herzinfarkt, einen Volkswagen und ein Haus in Marin County“.
Welche Information ist fürs Verständnis wichtig? Brautigan liebt es aufzuzählen, der Akt des Wiederholens wird selbst zur Poesie. Jedes Umblättern der Seiten ergibt eine neue Wendung, ein neues Rätsel, mit dem es weiter weg geht von „Realität“, „Bedeutung“ und „Erzählinstanz“. Das anhaltend starke feuilletonistische Verlangen nach dem „Great American Novel“, dem ultimativen Gesellschaftsroman mit politischer Unterströmung: Vergiss es einfach! Bei Brautigan blockiert sich der Flow, Sinnlosigkeit rules, okay. Jedem Mensch gebühre ein besonderer Platz in der Geschichte, hat er einmal gesagt, sein Platz sei „in den Wolken“.
Julian Weber
Verkrustete Ränder
„Born too late to be a punk, born too early to see the outcome“ (Zu spät geboren, um Punk zu sein, zu früh geboren, um das Ergebnis zu sehen) lautet eine Textzeile der niederländischen Band From 2. Beschäftigt man sich als Anfang der 1990er Geborene mit dem Werk von Kathy Acker, ergibt sie ganz neu Sinn. 1984 direkt nach Erscheinen in der BRD aufgrund seiner expliziten Inhalte verboten, wurde der Underground-Roman „Blood and Guts in Highschool“ (In der Erstübersetzung „Harte Mädchen weinen nicht“, in der nichtindizierten Neuübersetzung „Bis aufs Blut“) der New Yorker Punk-Autorin schnell Kult.
Teils collagiert, teils plagiiert, in Dramen, Gedicht und Prosaform, durchbrochen von Skizzen und Zeichnungen und jeder Menge ungekennzeichneter Zitate, zeichnet Acker den erbarmungslosen amerikanischen Rand. Verkrustet durch Inzest und Exkrement, fieberhaften Kapitalismus und den lauernden Tod in den damals noch existierenden Slums des East Village. Dabei liegt eine ungemeine Befreiung in der obszönen, pornografischen und offen gewalttätigen Sprache, die das Elend, die Fremdbestimmung und die Brutalität ausstellt, die Frauen in der amerikanischen Gesellschaft erfahren. Mit ihr öffnet sich die befreiende Subversion, die Charles Bukowskis, Jeffrey Epsteins und Donald Trumps der alten und der neuen Welt mit ihren eigenen Worten zu schlachten. „Teach me a new language, dimwit, a language that means something to me“ (Bring mir eine neue Sprache bei, Schwachkopf. Eine Sprache, die mir etwas bedeutet.) Vielleicht erlebt man das Ergebnis der angewidert devianten Worte ja doch noch.
Hilka Dirks
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