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Roman „Real Americans“Aus dem Leben echter Amerikaner

Ein Generationenroman, der so langatmig wie didaktisch daherkommt: Rachel Khongs „Real Americans“ erscheint mit viel Marketingtamtam.

Die Schriftstellerin Rachel Khong, hier vor florentinischer Kulisse Foto: Basso Cannarsa/opale/imago

Die Frage, die dem Wesen der USA zugrunde liegt, stellt dieser Roman implizit bereits im Titel: Was macht „Real Americans“ aus? Bei einem Land, das historisch gesehen fast ausschließlich aus Im­mi­gran­t:in­nen besteht (je nach Statistik leben in den USA nur rund 3 Prozent Native Americans) und in dem sich Menschen auch in der dritten oder vierten Generation noch etwa als „Irish“ oder „Italian“ bezeichnen, ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten.

Noch komplizierter wird es, wenn man den Grundsatz des American Dreams beachtet, laut dem jeder seines Glückes Schmied sei. Kann man ungeachtet der Herkunft sein eigenes Schicksal bestimmen?

Im ersten der drei Teile von Rachel Khongs Roman lernt Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer:innen, im Jahr 1999 den reichen, blonden Matthew kennen. Mit ihm zusammen zu sein, bedeutet für Lily eine Art permanente Selbstreflexion. Sich im Spiegel betrachtend, „sah ich einen typischen amerikanischen Mann mit einer ausländischen Frau, obwohl ich genauso typisch amerikanisch war“.

Der Roman

Rachel Khong: „Real ­Americans“. Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 528 Seiten, 24 Euro

Wie stark das eigene Selbst im Spannungsverhältnis zur äußeren Wahrnehmung steht, erlebt im zweiten Handlungsstrang auch Nick, der Sohn von Matthew und Lily im Teenageralter, der, obwohl halb Chinese, seinem weißen, ihm unbekannten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Der dritte Teil führt erst ins China unter Mao, aus dem Lilys Mutter May flieht, und später ins Jahr 2030 nach San Francisco, wo sich May mit ihrem Enkel Nick anfreundet.

Ungewöhnlicher Genremix

Khong, in Malaysia geboren und in den USA aufgewachsen, hat mit ihrem zweiten Roman große Ambitionen. In „Real Americans“ erzählt sie nicht nur eine Generationen umfassende Geschichte, die die Frage aufwirft, wer eigentlich „echte Amerikaner“ sind, sie bemüht sich darin auch um einen ungewöhnlichen Genremix.

Die Story rund um Lily und Matthew ist wie eine Art Rom Com angelegt samt schmonzettenhafter Momente, etwa als beide bei ihrem allerersten Date spontan beschließen, von New York nach Paris zu fliegen. Später steht als Mystery das Familiengeheimnis im Fokus, auf das Nick wegen seines nicht asiatischen Aussehens gestoßen wird und das bis in die Großelterngeneration zurückreicht. Und es gibt auch ein Fantasyelement, weil May, Lily und Nick in der Lage sind, die Zeit zu verlangsamen.

Leider wird Khong ihren eigenen Ansprüchen kaum gerecht. Der dritte Teil über May ist dank seiner zwei Zeitstränge und Länder sehr viel tiefer erzählt, während die anderen im Vergleich stark abfallen. Im Roman häufen sich Unwahrscheinlichkeiten und unrealistische Begegnungen, die hinzunehmen auf Dauer schwerfällt. Auch die Tatsache, dass die Chens die Zeit dehnen können, ist innerhalb der Geschichte zwar stringent erläutert, aber erstaunlich irrelevant – der Handlung würde wenig fehlen, gäbe es dieses Element nicht.

Ärgerlich ist der enge Fokus allein auf die drei Protagonist:innen. Die anderen Figuren sind schematisch nur angerissen und dienen allein als Motivator für die Protagonist:innen. Auch die politischen Ereignisse rücken in den Hintergrund: Wo Maos Kulturrevolution noch eine gewisse Relevanz hat, werden 9/11 und das Tian’anmen-Massaker in wenigen Sätzen abgehandelt.

Degradierung der Nebenfiguren

Als Nicks Freundin ein Praktikum in New York bekommt, erfahren die Le­se­r:in­nen nicht einmal in einem Halbsatz, um welches Unternehmen es sich dabei handelt; wichtig ist auf der Handlungsebene ausschließlich, dass Nick dadurch ebenfalls nach New York geht, wo sein Vater wohnt. Diese Degradierung der Nebenfiguren ist besonders im zweiten Teil eklatant, als Lily, die zu Beginn als Protagonistin noch agency hatte, in Nicks Storyline zum reinen Pappaufsteller ohne eigene Interessen verkommt.

Auch stilistisch glänzt „Real Americans“ nicht, der Roman ist in einer widerstandslosen Sprache erzählt, die keinerlei Finessen bietet. Im gesamten Text gibt es ärgerlich viele Gedankenstriche (kein Problem der Übersetzung von Tobias Schnettler, sondern so auch im Original), auf die statt tieferer Erkenntnisse lediglich Banalitäten folgen: „Auf dem Sofakissen war ein wolkenförmiger schwarzer Fleck – mein Mascara“, „Jeden Abend redeten wir, bis einer von uns einschlief – meist war er es“ oder „Es war gegen meinen Willen geschehen – ohne meine Zustimmung“.

„Real Americans“ schneidet immer wieder interessante Themen an – wenn Lily etwa auffällt, dass sie und ihre Asian-American Freundinnen allesamt mit weißen Männern zusammen sind –, verfolgt für den literarischen, breit angelegten Gesellschaftsroman, der er sein will, diese Gedanken aber nicht konsequent genug. Zusammen mit eingestreuten plumpen Aussagen („Wir sehen vielleicht chinesisch aus, aber wir haben keine Loyalität gegenüber China. Wir wollen Amerikaner sein.“) ist der Roman nicht nur streckenweise langatmig, sondern auch noch didaktisch.

Genügend Le­se­r:in­nen wird „Real Americans“, in den USA übrigens ein großer Erfolg, dennoch finden. Hierzulande hat der KiWi Verlag bei Erscheinen eine Leseaktion ins Leben gerufen, um „Real Americans“ zu pushen. Der großspurige Name davon: „Deutschland liest ein Buch“. Ja, dann!

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