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Kolumbiens Mannschaft bei der WMKinder des Konfliktes

9 von 26 kolumbianischen Nationalspielern kommen aus den am stärksten vom Krieg gezeichneten Regionen. Bei manchen ist die eigene Familie betroffen.

Wenn am Mittwoch Kolumbien in Mexiko-Stadt gegen Usbekistan seinen WM-Auftakt spielt, zieht aktuelle kolumbianische Geschichte ins Azteca-Stadion ein. 35 Prozent, also 9 der 26 nominierten Spieler, stammen aus den Gegenden, die am stärksten vom bewaffneten Konflikt betroffen sind.

So hat es das kolumbianische Onlineportal Rutas del Conflicto recherchiert. Kolumbien hat mehr als 50 Jahre Krieg erlebt. Auch zehn Jahre nach dem historischen Friedensvertrag zwischen Farc-Guerilla und Staat ist kein Ende der Gewalt in Sicht. Die Liebe zur Nationalmannschaft hat die Ko­lum­bia­ne­r*in­nen trotz aller Gewalt und Polarisierung allerdings stets geeint, über alle politischen, regionalen und sozialen Grenzen hinweg. Die aktuelle Mannschaft ist das lebendige Beispiel dafür.

Kolumbien stuft 170 Gemeinden und 344 Gebiete als die am stärksten von bewaffneten Konflikten, extremer Armut und institutioneller Schwäche betroffenen Gebiete ein. Sie machen zwar nur einen Bruchteil des Staatsgebiets aus, stellen aber einen überproportionalen Anteil der Spitzensportler des Landes.

Das Departamento Chocó an der Pazifikküste ist der auffälligste Fall: Es verzeichnet die höchste multidimensionale Armutsquote des Landes und stellt drei Spitzenfußballer in einer einzigen WM-Nominierung: Mittelfeldspieler Jhon Arias und die Stürmer Carlos Andrés Gómez und Jhon Córdoba kommen aus dem Chocó.

Das Versprechen, der Familie ein Haus zu kaufen

Mittelfeldspieler Juan Fernando Quintero stammt wie sechs der „cafeteros“ aus dem Departamento Antioquia. Die Comuna 13 in Antioquias Hauptstadt Medellín, wo Quintero aufwuchs, war die am stärksten vom bewaffneten Konflikt betroffene urbane Gegend Kolumbiens. Juan Quinteros Vater verschwand gewaltsam, als er seinen Militärdienst ableistete. Da war der heutige Spitzenfußballer zwei Jahre alt. Quintero forderte wie so viele Ko­lum­bia­ne­r*in­nen öffentlich, endlich die Wahrheit darüber zu erfahren.

Als er neun war, drangen Armee und Polizei mit Unterstützung von Paramilitärs bei der vom damaligen rechtsextremen Präsidenten Alvaro Uribe angeordneten „Operation Orion“ in die Comuna 13 ein – mit massenhaft Toten, Festgenommenen und Verschwundenen als Folge, die deren Verwandte bis heute suchen.

Zum ersten Mal seit 2018 ist Kolumbien wieder bei einer WM dabei. In der Gruppe K steht die Mannschaft nach Usbekistan dann der Demokratischen Republik Kongo (23. Juni) in Guadalajara und Portugal (27. Juni) in Miami gegenüber. Als Ziel für das Turnier hat sich Nationaltrainer Néstor Lorenzo, ein Argentinier, das WM-Finale gesetzt.

Die Kolumbianer haben den Ruf, Charisma und Freude zu verbreiten. Dazu verfügen die Spieler über ein ausgeprägtes Tanztalent. Luis „Lucho“ Díaz vom FC Bayern, der zusammen mit Kapitän James Rodríguez die Mannschaft anführt, hat am Mittwoch wie ein Großteil der Mannschaft sein WM-Debüt für Kolumbien. Lucho Díaz hat selbst ein Champeta-Lied namens „La Promesa“ (Das Versprechen) aufgenommen, in einem typischen Rhythmus der kolumbianischen Karibikküste. In dem dankt er Gott für die Gabe, Fußball spielen zu können – und verspricht seiner Familie, ihr bald ein Haus zu kaufen. Das Versprechen hat er eingelöst.

Das Talent derer, die überlebt haben

Der Stürmer stammt aus Barrancas in La Guajira, hatte entgegen aller Gerüchte eine recht behütete Kindheit, konnte eine gute Schule besuchen und litt keinen Hunger. Barrancas liegt nahe des umstrittenen Kohletagebaus El Cerrejón. Sein Vater Mane Díaz, den die Bayern-Fans als ebenso tanzfreudig wie seinen Sohn kennengelernt haben, trainierte eine der Mannschaften des Fußballvereins des Tagebaus, gründete im Viertel einen Klub und war der größte Mentor seines Sohnes.

Barrancas taucht auf der Liste der Konfliktgemeinden nicht auf. Doch auch Díaz wurde Opfer. Im Oktober 2023 entführte die ELN-Guerilla seine Eltern in Barrancas. Die Mutter wurde am selben Tag befreit, der Vater blieb 13 Tage gefangen. Díaz spielte damals in Liverpool. Als er ein Tor schoss, hob er sein Trikot hoch, um eine Botschaft auf seinem T-Shirt zu zeigen: „Freiheit für Papa“.

92 Prozent der Nationalspieler starteten ihre Profikarriere in Kolumbien. Der Einzige, der heute in Kolumbien arbeitet, ist Torwart David Ospina – bei Atlético Nacional in Medellín. Atlético Nacional, Envigado FC, Deportivo Cali und Águilas Doradas sind die wichtigsten Brutstätten dieser Fußballergeneration. 42 Prozent wurden jenseits der Regionalhauptstädte geboren.

Der Bericht von Rutas de Conflicto „ist weder eine Lobeshymne auf den bewaffneten Konflikt noch eine Verherrlichung von Widrigkeiten als Schmiede für Champions. Ganz im Gegenteil“, stellt Autor Juan Pablo Cagua Penagos am Ende klar. „Kolumbien nutzt das Talent, das das System überlebt, nicht das, das das System hervorbringt.“

Hätten die genannten Gemeinden Sportplätze, Ausbildungsstätten, festangestellte Talentscouts und vor allem Frieden, wäre das Potenzial immens. „Nicht nur im Fußball“, betont Cagua Penagos.

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