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Anti-Wehrpflicht-Festival der Linken„Unfollow Bundeswehr“

Nein zur Wehrpflicht, nein zum Fragebogen, darüber ist sich die Linke einig. Ihr Publikum auch.

Pascal Maier

Aus Berlin

Pascal Maier

„Wer von euch ist denn heute freiwillig hier?“, fragt Heidi Reichinnek, die Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion. Im gut gefüllten Saal des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Berlin gehen fast alle Hände hoch. Es sind vor allem junge Leute zum Anti-Wehrpflicht-Festival der Linken gekommen – und um die geht es ja auch. Über den Altersschnitt freut sich auch Reichinnek, damit gehe die Linke Bundestagsfraktion deutlich besser mit jungen Menschen um als die Bundesregierung.

Seit dem ersten Januar gilt: Alle jungen Männer, ab Jahrgang 2008, müssen einen Fragebogen zur Wehrerfassung ausfüllen. Gut ein Viertel hat das bis Anfang Mai nicht getan und riskiert damit ein Bußgeld. Der Wehrdienst bleibt freiwillig, die Musterung allerdings nicht. Da die Bundeswehr bislang nicht genügend Kapazitäten hat, um den gesamten Jahrgang zu mustern, müssen zunächst nur die Freiwilligen zum „Eierkontrollgriff“.

„Ihr kriegt ja jetzt schon richtig Stress, wenn ihr die nicht ausfüllt“, sagt Reichinnek zu den Fragebögen. Dagegen müssten sie sich wehren. Ob freiwillig oder nicht, für die Linken-Fraktionsvorsitzende ist klar: „Nein zum Kriegsdienst, nein zur Militarisierung und nein zu einer Regierung, die gegen euch und ohne euch entscheidet!“ Das Publikum im Saal applaudiert.

Im ersten Stock des Zentrums für Kunst und Urbanistik sind fünf Computer aufgebaut. An einem sitzt Prisca zusammen mit einer Freundin und spielt „This War of Mine“. Im Game geht es darum, eine Gruppe von Menschen zu steuern, die versucht, in einer zerbombten Ruine zu überleben. Letzte Nacht sei sie ausgeraubt worden, weil sie niemanden für die Wache eingeteilt habe, erklärt Prisca. Das Spiel sei aber „ganz cool“. Zur Bundeswehr würde sie nur „ungern“ gehen, aber sie müsse es zum Glück auch nicht.

„Propaganda“ in Afghanistan

Etwas am Rand steht Daniel Lücking, wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Linke im Bundestag und ehemaliger Soldat. Im Bereich „Propaganda“ sei er Offizier gewesen, erzählt Lücking. Offiziell sage die Bundeswehr „operative Kommunikation“ dazu, aber Propaganda treffe es besser. In Afghanistan habe er gemeinsam mit Kol­le­g:in­nen zehn bis zwölf Stunden Radioprogramm am Tag produziert. Dabei sei es vor allem darum gegangen, die lokale Bevölkerung zur Kooperation mit der Bundeswehr zu bewegen. Die Wehpflicht-Armee sieht Lücking als ein Relikt der Vergangenheit an: „Ich glaube, heute braucht man das nicht mehr.“ Es sei viel einfacher mit Sabotageakten, wie einer Drohne am Flughafen, einen Millionenschaden zu verursachen.

Auf einem Tisch liegen neben Kondomen mit der Aufschrift „lieber geschützt als eingezogen“ Leitfäden zur Kriegsdienstverweigerung. Davor steht Justin Klemm. Mit 24 muss er sich keine Gedanken mehr über Fragebögen oder Wehrdienst machen. Für ihn sei es aber wichtig, dass Jugendliche nicht an die Waffe gehörten. Statt für Rüstung solle mehr Geld für Soziales ausgegeben werden.

Ein kurzes Gespräch mit Desiree Becker im „Verweigerungs-Beratungs-Raum“ nebenan. Sie sitzt für die Linke im Verteidigungsausschuss des Bundestags und sagt, es sei ein Trugschluss zu glauben, durch den Wehrdienst hätte die Bundeswehr mehr aktive Soldat:innen. Wehrdienstleistende seien keine Be­rufs­sol­da­t:in­nen und könnten das Kriegsgerät, das gerade beschafft wird, nicht bedienen.

Aktuell sind knapp 186.000 Sol­da­t:in­nen bei der Truppe. Damit ist das Minimalziel, das im Wehrdienstgesetz ausgegeben ist, für 2026 schon erreicht. Bis 2035 soll die Truppe auf mindestens 255.000 Sol­da­t:in­nen aufwachsen.

Wir als Partei lehnen Pflichtdienste ab, aber wir sind auch keine Sekte.

Heidi Reichinnek

Einer in der Linken-Bundestagsfraktion bricht aus der Parteilinie aus, die ein klares Nein zur Wehrpflicht und anderer Zwangsdiensten vorgibt. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow hat vorgeschlagen, die Schulpflicht um ein soziales Jahr auszuweiten. Auf taz-Anfrage sagt er, das Jahr könne unter anderem als Sanitätsdienst, bei der Feuerwehr aber auch bei der Bundeswehr abgelegt werden. Ihm gehe es vor allem darum, den Übergang zwischen Schule und Berufsleben besser zu gestalten, um mehr Chancengleichheit zu schaffen. Heidi Reichinnek sagt der taz: „Wir als Partei lehnen Pflichtdienste ab, aber wir sind auch keine Sekte.“ Eine Debatte über einen chancengleichen Sprung ins Berufsleben sei sinnvoll.

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8 Kommentare

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  • Wer Plakate mit "Nie wieder Wehrpflicht" hochhält, demonstriert damit nur, dass er nicht verstanden hat, dass die Wehrpflicht in Deutschland nach wie vor besteht. Sie ist lediglich ausgesetzt.

    Außerdem: Erstaunlich viele junge Frauen im (sicherlich symbolischen) Bild. Also junge Menschen, die im Fall der Fälle gar nicht zum Dienst an der Waffe herangezogen werden könnten.

    Aber bitte. Erfahrungsgemäß ist überall dort, wo Linke ihre Vorstellungen von einer idealen Gesellschaft auch nur annähernd in die Umsetzung gebracht haben, eine erhebliche Militarisierung bis in die Zivilbevölkerung (Betriebskampfgruppen) zu verzeichnen gewesen.

    Auftrag der NVA war über die Verteidigung hinaus im Übrigen auch die "Sicherung der Sozialistischen Ordnung", was beispielsweise auch die militärische Intervention in sozialistischen Bruderstaaten oder den Einsatz im Innern beinhalten konnte. Es ist historisch belegt, dass eine Teilnahme der NVA an der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings letztlich an der Erwägung des Oberkommandos der WVO scheiterte, dass man befürchtete, erneut deutsche Uniformen als Besatzer in der Tschechoslowakei würden eher den Protest mobilisieren.

  • Ich finde die Veranstaltung und darstellung der Linke hier sehr schwierig. Manche dargestellt Punkte sing auch sehr Bizarr. Der Herr Lücking argumentiert gegen eine Wehrpflichtigen Armee damit, das Drohnen eine Gefahr seien die Saboteure einsetzen können? Der Zusammenhang erschliesst mir nicht.



    Und die Bedenken von Herr Klemm, das Jugendliche an der Waffe sollen, sind auch komplett irrsinnig. Die Bundeswehr nimmt niemanden unter 18 als Soldaten, und betreibt auch keine Bewerbung damit das sie an Schulen mit Gewehren in die Klassenzimmer kommt und zeigt wie "cool" Waffen sind. Aber wissen sie wer so etwas macht?



    Russland.



    Aber gegen diese Militarisierung der Gesellschaft, die klar für Imperialistischen Zwecke dann angewendet wird, ist die Linke sehr leise.



    Der Rasen ist nicht unbedingt bei den Nachbarn Grüner, aber die Linke empört sich hier bei uns über ein Löwenzahn während beim Nachbarn der ganze Garten von Unkraut überwuchert ist.

  • Man hätte das Forum ja spaßeshalber mal 1400km weiter östlich abhalten können.



    Gäbe vermutlich den Unterschied, dass alle Unstehenden der Veranstaltern den Vogel zeigen würden.

  • Das ist gut, dass wenigstens Die Linke eine klare Aussage zum Wehrdienst hat. Und warum muss jemand erfasst werden, der nicht zur Bundeswehr will? Das ist doch ein absurdes Theater.

    • @Pico :

      Weil die Leute dann für andere Aufgaben eingeteilt werden.

  • Für mich einer der Gründe aus denen die Linke leider unwählbar geworden ist (ebenso wie ihre unsägliche Haltung zur russischen Aggression).



    Eine Wehrpflicht ist nicht dazu da möglichst viele Leute als Soldat*innen zu verpflichten und als Kanonenfutter zu verheizen. Der Gedanke ist eine Armee des Volkes, getragen von Bürger*innen. In dieser Armee sind dann auch Leute vertreten, die im progressive Ideen vertreten und nicht nur Menschen die Soldat*in sein cool finden. Die Linke hingegen schlachtet die Unlust junger Menschen einen Teil ihres Lebens der Allgemeinheit zu widmen einfach nur populistisch aus. Traurig und unverantwortlich finde ich

    • @Thomas Meyer:

      Richtig. Das ist zwar kein legitimer Zweck im Verfassungssinne für eine Wehrpflicht, aber ein Nebeneffekt, der die Streitkräfte in der Mitte der Gesellschaft verankert und erdet.

      Und auch die folgerichtige Auseinandersetzung mit Kriegsdienstverweigerung aus ethisch-moralischen Gründen kann und muss eine freiheitliche Gesellschaft aushalten.

  • Die Verweigerung aller Kriegsdienste ist und bleibt einer der emanzipatorischsten Akte, die es gibt. Wohlgemerkt aller Kriegsdienste, nicht nur des "bewaffneten Dienstes". Kommt die Wehrpflicht, kommt es auch wieder zur totalen Kriegsdienstverweigerung. Und dann holt der Staat das Strafrecht aus der Tasche, das in diesem Bereich keine ganz kleine Rolle spielt - nachzulesen etwas im uris-tkdv.de - wo hunderte von Urteilen gegen Totalverweigerer aus der "letzten" Wehrpflichtphase dokumentiert sind - und vermutlich auch in naher Zukunft wieder neu dokumentiert werden. Verweigert!