Russische Provokationen: Anklage wegen Bauschaumattacken auf Pkws
Vier Ulmer verstopften vor der Bundestagswahl 2025 Auspuffrohre von 270 Pkws. Nun wurde gegen sie Anklage erhoben. Offenbar schickte Russland sie los.
Es waren mehr als 270 Pkws in vier Bundesländern, bei denen die vier jungen Ulmer innerhalb von vier Tagen im Dezember 2024 Bauschaum in Auspuffrohre gefüllt haben sollen. Dazu hinterließen sie Aufkleber mit der Aufschrift „Sei grüner!“, samt Bild von Robert Habeck, Grünen-Politiker und damals Wirtschaftsminister der Ampelregierung. Vermutet wurden hinter der Aktion zunächst Umweltaktivist*innen, die Bild schrieb von „Klima-Radikalen“.
Nun erhob die Staatsanwaltschaft Ulm Anklage gegen die vier Beschuldigten mit einem ganz anderen Vorwurf: Sie sollen von einem Auftraggeber losgeschickt worden sein, um die damals bevorstehende Bundestagswahl zu beeinflussen. Offenbar einem russischen Auftraggeber.
Der Prozess soll vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Ulm stattfinden. Vorwurf: gemeinschaftliche Sachbeschädigung. Die Angeklagten kommen alle aus der Region Ulm. Sie haben die deutsche, serbische, bosnisch-herzegowinische oder rumänische Staatsangehörigkeit.
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Die Autos waren vom 8. bis 11. Dezember 2024 im Raum Ulm in Baden-Württemberg, im bayrischen Neu-Ulm, in Berlin und im brandenburgischen Schönefeld attackiert worden. Am vierten Tag der Aktion stoppte schließlich eine Polizeistreife drei der nun Angeklagten – 18, 19 und 21 Jahre alt – in einem angemieteten Lieferwagen in Schönefeld. Warum sie Bauschaumdosen dabei hatten, konnten sie nicht plausibel erklären.
Von einem Auftraggeber „gezielt angestiftet“
Die Ermittler stießen dann noch auf eine 20-Jährige, auf deren Handy mehr als 50 Fotos von entsprechend manipulierten Autos gefunden wurden. Auch sie ist angeklagt. An den Autos entstand ein Schaden von insgesamt gut 13.000 Euro.
Laut Anklage sollen die vier zu den Taten von einem bislang unbekannten Auftraggeber „gezielt angestiftet“ worden sein, um so Einfluss auf das Wahlverhalten zur Bundestagswahl im Februar 2025 zu nehmen. Einer der Angeklagten, der wegen anderer Vorwürfe in U-Haft sitzt, soll den Ermittlern gestanden haben, dass der Auftraggeber ein serbisch-russischer Doppelstaatler gewesen sei. Für jedes beschädigte Auto seien ihnen 100 Euro geboten worden.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Ulm zu dem Auftraggeber sind inzwischen eingestellt. Alle „zielführenden“ Maßnahmen seien ausgeschöpft, teilte eine Sprecherin mit. Bis auf den einen Angeklagten schweigen die anderen Beschuldigten oder besteriten die Vorwürfe. Sie sind auf freiem Fuß. Bei einem von ihnen sollen aber ebenfalls 74 Fotos von manipulierten Autos gefunden worden sein, bei einem weiteren Dosen mit Bauschaum sowie eine Kassenquittung vom 9. Dezember 2024 über den Kauf weiterer Bauschaumdosen.
taz-Recherchen führen zur russischen SDA
taz-Recherchen hatten zuletzt gezeigt, dass für die Tat offenbar die russischen Propaganda-Agentur SDA verantwortlich war. In einem Leak interner aktueller Daten wird von einem SDA-Mitarbeiter ein Medienbericht zu der Aktion selbstentlarvend kommentiert: „Die Deutsche Welle schreibt über uns.“ Trifft dies zu, waren die vier in Ulm Angeklagten sogenannte „Wegwerf-Agenten“, angeworbene Handlanger des russischen Geheimdienstes.
Die SDA ist laut des Leaks und weiterer taz-Recherchen auch für andere Provokationsaktionen in Berlin und Paris verantwortlich. So wurden am 31. Juli 2025 vor dem Brandenburger Tor in Berlin in Beton gegossene Skelette abgestellt, mit der Aufschrift: „Ich warte immer noch auf meine Rente. Danke, Merz!“
In Paris wurden im Mai 2025 Farbanschläge auf Synagogen, ein jüdisches Restaurant und auf das Holocaust-Museum verübt und im September vor neun Moscheen Schweineköpfe mit der Aufschrift „Macron“ abgelegt. Zur Aktion mit den Schweineköpfen konnte die taz ein detailliertes Einsatzprotokoll der SDA auswerten. Losgeschickt wurde demnach ein sechsköpfiges Team, die Schweineköpfe wurden zuvor „über ein Netzwerk von Vermittlern“ bei einem Bauern in der Normandie gekauft – und die Aktion als Erfolg bewertet.
Ende September 2025 waren dann in Serbien elf Männer festgenommen worden, denen die Taten in Paris und Berlin vorgeworfen werden. Drei von ihnen wurden nach einem Deal mit der Justiz im Dezember verurteilt, die anderen Verfahren laufen noch. In den Urteilen wurde laut serbischen Medienberichten ein russischer Geheimdienst als Auftraggeber der Aktionen benannt. Drahtzieher sei der 29-jährige Serbe Momcilo G. gewesen, der sich inzwischen in Moskau befinde.
In dem serbischen Verfahren gab es nach taz-Informationen auch ein Rechtshilfeersuchen nach Deutschland. Eigene Ermittlungen zu der Aktion vorm Brandenburger Tor in Berlin aber gab es hierzulande zunächst nicht. Die Berliner Polizei bewertete die Fake-Skelette als Kunstaktion, ließ diese von der BSR entsorgen und leitete keine Ermittlungen ein.
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