Die Wahrheit: Halsstarr beim Smartphonieren
Start-ups entwickeln jetzt neuartige Videosticks gegen Armlahmheit bei der digitalen Kommunikation.
Linus geht telefonierend durch einen Testparcour, und alles läuft reibungslos. Doch dann schließt sich eine Schiebetür und schneidet ihn von seinem Telefon ab. Denn das hängt am anderen Ende eines dünnen, halbmeterlangen Carbonstabs in einem Gestell auf Gesichtshöhe. Linus flucht und wedelt hektisch mit den Armen, um den Türsensor zu erreichen. Jenseits der Testtür dringt schallendes Lachen aus dem mobilen Endgerät. Auf dem Display das Gesicht von Tessa Bauer, Chefingenieurin bei MyStick, einem Berliner Start-up für Mobilfunkzubehör. „Okay, da müssen wir noch mal ran“, ruft sie.
Telefonieren verändert sich, das erleben wir alle. „Festnetz“ und „Tastatur“ sind Begriffe aus der Steinzeit der Telekommunikation. „Ortsvorwahl“ klingt heute so anachronistisch wie „Wählscheibe“ oder „E-Plus“, und „abnehmen“ kennt die Gen Z ohnehin nur als etwas, das man mit Ozempic macht.
War einst das lautstarke Geschäftstelefonat im ICE noch ein mit bösen Blicken sanktioniertes Ärgernis, ist die Videotelefonie am ausgestreckten Arm inzwischen Usus, und junge Digital Natives wundern sich, wieso der Boomer da sein Smartphone so komisch ans Ohr drückt, aber vielleicht facetimet er ja mit seinem Ohrologen. Der Boomer hingegen klagt über Menschen, die in einer Schamlosigkeit lautstark videotelefonieren, als säßen „Mama“, „Schatz“ oder „Diggi“ direkt gegenüber.
Jette vom ICS
Jette Klamm ist Gastprofessorin für Kulturanthropologie an der Vodaphone-University of Independent Communication Science in Mobile, Alabama. „Mobiltelefonie“, erklärt sie uns in einem Zoom-Call, den sie auf der Institutstoilette entgegennimmt, „ist längst öffentliche Kommunikation im Public Space. Da hat in der letzten Dekade ein Paradigmenwechsel stattgefunden.“ So sei beispielsweise eine S-Bahn für viele Menschen nichts anderes als ein analog begehbarer Social-Media-Feed. Die Gewöhnung daran, dass die Algorithmen der Techkonzerne ohnehin jede Social-Media-Aktivität mitläsen, habe zur Adaption in der Privatkommunikation geführt. „Kultursoziologen sprechen hier von der Broken-Shame-Theorie.“
Professorin Klamm spült, und wir sehen sie kurz darauf in einem Waschraum. Eine andere Klogängerin winkt uns einmal kurz über ihre Schulter zu. „Für Social-Media-Natives war Privatsphäre gestern. Heute gilt: Das Private ist öffentlich.“
Wenn die Leute am Waschbecken oder auf dem S-Bahn-Sitz nebenan alles mitkriegten, dann mache das der Mehrheit nichts mehr aus. „Und wenn jemand dort von der Seite mal irgendwas schräg kommentiert? Na und? Das ist nur ein Bruchteil dessen, was in einem digitalen Feed passieren würde.“
Das Berliner Start-up MyStick hat die Zeichen der Zeit erkannt und arbeitet an einem Revival des Selfiesticks gezielt für Videotelefonie. „Denn uns ist aufgefallen, dass bei längeren Videocalls der Arm lahm wird“, erklärt Tessa Bauer den innovativen Ansatz. „Bislang war das ein physiologisches Limit von Kommunikation. Aber wer will das schon?“
Wir!, würden wir gern rufen, studieren aber doch lieber die technische Konstruktion vor Linus’ Gesicht: Von einem flexibel einstellbaren Halsreif führt der SelfoneStick auf Höhe des Brustbeins etwa 50 Zentimeter nach vorn bis zur Klammer fürs Handy.
Jette, die Klette
„Die Konstruktion ist so simpel wie erschwinglich“, erklärt Linus. „Durch die Teleskopstange und das flexible Gelenk können Sie das Smartphone auch zehn Zentimeter vorm Mund waagerecht ablegen – für Voicecalls. Also das, was Sie vermutlich als ‚telefonieren‘ kennen.“
Wir verzichten auf den Hinweis, dass wir das Telefonieren noch als Mund-zu-Ohr-Besprachung kennen. Er fährt begeistert fort: „Mit unserem Stick kann man beliebig lange Calls führen, wo immer man will, solange der Akku hält! Weil …“ Linus wird nachdenklich. „Es sähe ja schon ein bisschen creepy aus, wenn alle die ganze Zeit mit erhobenen rechten Armen durch die Stadt laufen.“
„Stimmt“, sagen wir. „Das gab es in den Dreißigern schon mal.“ Linus ist verwirrt: „Hä, wieso? Damals gab es doch noch gar keine Handys?“
„Der SelfoneStick gibt Ihnen zudem die Hände zurück“, ergänzt Tessa Bauer. „Sie können gleichzeitig videotelefonieren und die Hände frei haben für andere Betätigungen.“
„Aha“, denken wir und wahrscheinlich an das Falsche, während sich die Chefentwicklerin ihren Stick anlegt. „Sie können beispielsweise einen Videocall führen und gleichzeitig Zwiebeln schneiden, ihr Baby stillen oder auf der Smartwatch noch dringende Messages tippen“, erklärt sie, während ihre Finger über das Display am Handgelenk fliegen.
„Sind die Menschen denn so multitaskingfähig?“, fragen wir.
„Aber natürlich sind sie das, und vergiss die Hafermilch nicht. Hab dich lieb. Was haben Sie gefragt?“ Wie weit der Stick von der Markteinführung entfernt ist.
„Wir arbeiten noch an der ‚neck rigidity‘. Das Gerät soll ja einerseits perfekt positioniert sein, aber auch keine Nackenschmerzen verursachen.“ Mit anderen Worten: Für öffentliche Videotelefonie braucht es eine gewisse Halsstarrigkeit.
„In Gruppentests beobachten wir zudem, dass sich die SelfoneSticks unterschiedlicher Nutzer*innen oft verhaken“, berichtet die Ingenieurin: „Das bedeutet, die Umwelt für Videotelefonie ist noch nicht ausgereift. In einer mobilen Gesellschaft braucht es deshalb unbedingt größere Sitzabstände in Bahn und ÖPNV. Eine Forderung von uns an den digitalen Wirtschaftsstandort Deutschland.“
Jette fährt Jetta
MyStick ist nicht der einzige Anbieter für Innovationen bei Videocalls. YourHardphone denkt in die entgegengesetzte Richtung und bietet Handyhüllen aus Edelstahl und Blei an. Damit wird jeder Videocall zum Bizeps-Work-out. Die waldorfnahe NoFace gGmbH forscht hingegen an einer Gesichtscreme, die einen per Greenscreenoptik aus den Videos anderer Leute entfernt. Zu Menschen mit Stäben vor der Visage und solchen mit Fünfkilohandys könnten sich dereinst auch viele grüne Gesichter gesellen.
Auch Tessa Bauer denkt schon weiter. Man überlege im Sinne von Jette Klamms Thesen, die soziale Interaktion bei Videocalls zu stärken. Jeder SelfoneStick werde mit einem „Basisset an Offline-Emojis“ ausgeliefert. „Dann kann man der Person, bei der man gerade unfreiwillig mithört, ein kleines Herzchen an den Stick hängen oder einen Hugsmiley, ein Lächeln …“
„Oder ein kleines Scheißhäufchen?“
„Oder ein kleines Scheißhäufchen“, bestätigt Tessa Bauer und lacht.
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