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Die WahrheitIm Innersten der Inzorzisten

Die Weltlage ist düster, schlechte Nachrichten sind an der Tagesordnung. Ein Besuch bei der wohl schaurigsten PR-Agentur Deutschlands.

Illustration: Illustration: Ulrike Haseloff

Es ist eine unscheinbare Steinmauer am Rande von Haßloch, hinter der eine der mächtigsten PR-Maschinen Europas arbeitet. Hier im Judasweg 13 befinden sich die Ruinen eines ehemaligen Jesuitenklosters. Nur eine unscheinbare Messingtafel verrät die neuen Besitzer des sorgsam wiedererrichteten Gebäudes: „Aidä – Agentur für Inzorzismus und Dämonisierung“.

Wir haben uns wilhelminische Schnäuzer wachsen lassen und Omabrillen mit wählscheibengroßen Gläsern aufgesetzt und tragen Hosen in Wurfzeltformat, um als Werber aus Berlin durchzugehen. Doch öffnet uns nicht unseresgleichen, sondern eine Frau in einer schwarzen Soutane, die sich als Schwester Bea vorstellt, PR-Beauftragte der PR-Agentur.

Unsere erste Erkenntnis: Das Unternehmen ist auch heute noch als Orden organisiert. „Nach den Jesuiten verfiel das Gebäude lange, Anfang der Fünfzigerjahre siedelte sich hier das deutsche Chapter von Opus Dei an. Vierzig Jahre koordinierten wir von hier aus die Lobbyarbeit.“ Die Internetplattform Kath.net wurde in Haßloch mitentwickelt, auch Nius – 2022 das erste freie Projekt. Damals stutzte Papst Franziskus den Einfluss des erzkatholischen Netzwerks zurück.

Ein weltlicher Orden? „Na ja, eher ein unterweltlicher.“ Bea lächelt, aber nicht mal diabolisch.

Ein großes Schild des Opus Dei hängt noch in der Empfangshalle, es ist allerdings auf den Kopf gedreht. Aus konservativen Klerikern wurden progressive Satanisten. „Keine Sorge“, beruhigt uns Schwester Bea: „Wir stehen hier für einen säkularisierten Satanismus. Spanferkel am Karfreitag, an Walpurgis mal ’ne Runde auf dem Blocksberg, vielleicht mal ein Stoßgebet zu Sahra Wagenknecht, aber religiöser ist hier niemand. Statt ausschweifender Promiskuität leben wir alle in stabilen polyamoren Bindungen. Alles andere hält uns nur von der Arbeit ab.“

Apropros Arbeit: Mit dem Job von Exorzisten sind wir vertraut, schließlich haben wir mal Journalistik mit Nebenfach horror film studies belegt. Aber was zum Teufel machen Inzorzisten? „Im Grunde ist es ganz einfach. Exorzismus ist die Lehre von der Austreibung der Dämonen. Aber irgendwie müssen die ja auch in die Köpfe der Menschen rein. Und da kommen wir ins Spiel, taa-da!“

Hektische Betriebsamkeit im ehemaligen Schlafsaal des Klosters

Doch wie genau geht das vor sich? Bea winkt einen Kollegen heran. Bruder Janis, laut dem Badge an seinem Lanyard „Technical Head of Destruction“, führt uns zum ehemaligen Schlafsaal des Klosters. Hier herrscht hektische Betriebsamkeit. Auf Großbildschirmen laufen Nachrichtenstreams aus aller Welt herein. Ein Blick wie in eine Rohölbörse nach einem Kriegstweet von Donald Trump. „Das ist unser ‚Situation Room Nahost‘. Hier beschäftigen wir uns mit Israel.“

„Alle hier?“ – „Ja. Und das ist nur die deutsche Sektion. Die endgültige Dämonisierung Israels, das ist unser Auftrag.“

„Aber arbeitet Benjamin Netanjahu daran nicht fleißig selbst?“, werfen wir skeptisch ein.

„Klar! Seine Regierung leistet sehr gute Vorarbeit. Aber andererseits ist sein Krieg nicht hässlicher als viele andere Kriege dieser Welt.“ Schwester Bea tritt ihrem Ordensbruder sanft vors Schienbein. „Aber trotzdem ist er um ein Vielfaches hässlicher! Dank uns.“ Bruder Janis lächelt smart und gewährt uns ein paar Einblicke in die Arbeit der modernen Dämonisierung. „Das korrekte Wording ist aber ‚demon building-Maßnahme‘.“

Jede einkommende Information wird durch eine eigens entwickelte KI gejagt. Der sogenannte Demonizer nimmt die Ausgangsnachricht und stellt beispielsweise kindliche Opfer besonders heraus. Wo keine Kinder zu Schaden kommen, tun es auch niedliche Tiere.

„Wussten Sie, dass Israel bei seinem letzten Angriff im Libanon elf Katzenbabys getötet hat?“, fragt Schwester Bea. „Und dass in einer Maulwurffalle jüdischer Siedler die weltletzten Exemplare des Stummelschwanz-Großaugenschnilchs starben? Ein Genozid am Schnilch! Schauen Sie mal unser Meme: Ist der nicht süß … gewesen?“

Prompt schießen uns Tränen in die Augen: Diese Schweine! So ein niedlicher Schnilch! Nur mühsam gelingt es uns, die großen traurigen Tieraugen aus dem Kopf zu schütteln. So ehrbare Investigativjournalisten wir sind, wir sind auch empfindungsfähige Wesen.

„Der Mossad hat übrigens mal Buckelwale als Unterwasserspione trainiert“, fährt Schwester Bea fort. „Die sollten in der Ostsee Putins Schattenflotte Richtung Iran ausspionieren. War Timmy ein Opfer des Mossad?“ Sie hält uns das Meme hin, diesmal wenden wir den Blick ab.

„Ohne die sozialen Netzwerke wären wir nichts. Memes sind die Verteuflung im Detail“, verrät Bruder Janis und deutet auf ein großformatiges Popart-Gemälde an der Stirnseite des Raums, das Luzifer, Beelzebub und die vier Apokalyptischen Reiter zeigt. Die Schlachtrösser tragen die Gesichter von Mark Zuckerberg und Elon Musk, eines defäkiert gerade, die dampfenden Pferdeäpfel sehen aus wie Julian Reichelt. „Sehr … apart“, kommentieren wir. „Das Bild heißt ‚Mitarbeiter des Monats‘ “, erklärt Janis.

Zuspitzung der schlechten Nachrichten bis zur Dämonisierung

Wir sind noch nicht überzeugt: „Die Weltlage ist doch voll mit schlechten Nachrichten. Wieso reicht es nicht, die einfach zu verbreiten?“ – „Schlechte Nachrichten sind schlechte Nachrichten sind schlechte Nachrichten“, deklamiert Bruder Janis. „Erst durch ihre schlimmstmögliche Zuspitzung taugen sie zur Dämonisierung. Und die ist unser Auftrag.“

„Auftrag von wem?“, fragen wir nach, „BDS, Hamas, Neonazis, gewissen arabischen Staaten, der antizionistischen Weltverschwörung?“ Schwester Bea schüttelt energisch den Kopf, einmal sogar um 360 Grad: „Dazu kann ich nichts sagen. Nur so viel: Denken Sie groß.“

Betrachtet man, wie viele Tausend Musiker zum ESC-Boykott aufgerufen haben, so dürfte die Antwort wohl Spotify lauten. Bruder Janis mag das nicht kommentieren, bestätigt aber, dass sie rund um den ESC immer Sonderschichten schieben.

Wir fragen nach, wo die Agentur sonst noch tätig ist: „Dürften wir uns auch als Normalos an Sie wenden?“ – „Wenn Sie es sich leisten können, natürlich“, bestätigt Schwester Bea. Zahlreiche deutsche Rapper zählten beispielsweise zu ihren Klienten. „Die Jungs sind zu nett. Wenn Ihr Lieblingshobby Gemüsezucht ist und Sie privat am liebsten Reinhard Mey hören, dann sollten Sie bei uns eine Imagekampagne buchen: Wir dämonisieren Sie in die Charts!“

Nachdenklich verlassen wir die Agentur. Vielleicht war Opus Dei doch nicht so schlecht.

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