Gasleitung nach China: Putins Rohrkrepierer
Russland möchte eine weitere Gaspipeline nach China bauen. Doch Fortschritte gab es dazu beim Gipfel in Peking nicht. Putin rennt die Zeit davon.
Reinfall für den russischen Machthaber Wladimir Putin: Sein seit 20 Jahren währender Versuch, China künftig über eine weitere Pipeline mit russischem Erdgas zu versorgen, ist am Mittwoch in Peking erneut gescheitert. Ein Vertrag über den Bau der seit einem Jahrzehnt geplanten Erdgasleitung „Sila Sibirii 2“ („Kraft Sibiriens“) kam nicht zustande.
„Es sind noch einige Nuancen zu klären“, sagte Putins Sprecher nach dem Treffen mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping. Wie schon in den Jahren zuvor fügte er hinzu, die „wesentlichen Eckpunkte“ und der Verlauf der künftigen Pipeline seien zwar vereinbart. Konkrete Vereinbarungen über den Zeitplan für die Umsetzung des Projekts gebe es aber weiter nicht.
Durch den Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen hat Putin sich in eine so große Abhängigkeit begeben, dass China das flächenmäßig größte Land der Erde wie eine eigene Provinz behandelt: Es wolle für das aus Russland importierte Gas nur den innerrussischen Preis zahlen. Das habe Xi seinem Gesprächspartner aus Moskau wissen lassen, heißt es in russischen Medien.
In Russland ist der Gaspreis mit umgerechnet etwa 50 Dollar pro 1.000 Kubikmeter stark subventioniert. Am Vorabend seines Besuchs bei Xi Jinping senkte Putin den Gaspreis für China bereits auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren: um 14 Prozent auf 223,9 US-Dollar pro 1.000 Kubikmeter. Europäische Abnehmerfirmen sollen um die 350 Dollar zahlen, verlautet aus Unternehmenskreisen, die unter Verweis auf Geschäftsgeheimnisse keine genauen Zahlen nennen wollen.
Russland braucht dringend Gas-Abnehmer
China bezieht seit Dezember 2019 über die Pipeline „Sila Sibirii“ russisches Erdgas. So könnte der staatlich kontrollierte russische Gaskonzern Gazprom jährlich maximal 61 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China liefern. Zum Vergleich: Die gesprengte Ostseepipeline Nordstream 1 hatte eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern. Die zweite Ostseeleitung hätte diese Menge verdoppelt.
„Der Bruch mit dem Westen hat Russland zu Chinas Vasallen gemacht“, sagt Elina Ribakova, Russland-Expertin am Peterson Institute for International Economics in Washington. Dabei rennt Gazprom die Zeit davon: Der Konzern braucht dringend Ersatzeinnahmen für die im Westen wegbrechenden Exporterlöse, mit denen im Inland der Gaspreis massiv subventioniert wird.
In der EU beziehen inzwischen nur noch Ungarn und die Slowakei russisches Pipelinegas. Doch diese Einfuhr ist seit Verabschiedung des 20. Sanktionspakets der EU gegen Russland bis spätestens 30. September 2027 verboten. Bis Ende 2027 will die EU komplett unabhängig von russischem Gas sein. Dann sollen auch die Importe von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Russland enden.
Schon jetzt hat das russische Wirtschaftsministerium seine Prognose für das Gasexportvolumen weiter nach unten korrigiert: In diesem Jahr werden die Lieferungen in Länder außerhalb der ehemaligen Sowjetunion von 78,2 Milliarden Kubikmetern auf 75 Milliarden sinken. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was es vor der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 war. Und schon das Ergebnis von 2024 war für Gazprom das schlechteste seit 1985.
Sicherheit im Krieg
Deshalb will Putin unbedingt „Sila Sibirii 2“, auch wenn führende Bank-Analysten in Moskau berechnet haben, dass der Bau für Russland ein Milliardenverlust wäre – aber die einzige stabile Einnahmequelle für ausländische Devisen beim Gasverkauf.
Die Absichtserklärung für „Sila Sibirii 2“ unterzeichneten Gazprom-Chef Alexei Miller und CNPC-Chef Chen Geng im März 2006 während des China-Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Seither wird weiter über den Bau der Rohrleitung verhandelt, die zehnmal so viel kosten würde wie die elf Milliarden Dollar für Nordstream. Ein Spatenstich bleibt weiter unabsehbar.
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