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Campino über den Tote-Hosen-Abschied„Bei mir hat’s immer nur zum Clown gereicht“

Die Toten Hosen wollen Schluss machen. Frontmann Campino über Verantwortung, Tricks zum Überleben auf der Bühne und einen Anruf von Angela Merkel.

,,Irgendwann gibt es den Moment, in dem es schön ist, wenn man sich aufeinander verlassen kann'' Foto: Donata Wenders

Interview von

Thomas Winkler

taz: Campino, Sie kennen bestimmt dieses schöne Zitat des Musikers Thees Uhlmann: „Die Toten Hosen sind die einzige Band, bei der ich das Gefühl habe, sie passen auf uns alle auf.“ Nun, da Die Toten Hosen ihren Abschied verkündet haben – wer passt denn jetzt auf uns auf?

Campino: Da wird sich schon jemand finden. Es gibt immer wieder tolle Bands, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben. Da mach’ ich mir gar keine Sorgen.

taz: Die Toten Hosen sind mehr als nur eine Rockband, sondern auch Heimat für ihre Fans und sogar so etwas wie das gute Gewissen dieses Landes.

Campino: Es gab zwei Möglichkeiten, um in der Schulklasse eine besondere Position zu erreichen. Entweder wurdest du zum Klassensprecher gewählt, wurdest also der, der auf alle aufpasst. Oder du hast den Clown gespielt. Bei mir hat’s eigentlich immer nur zum Clown gereicht. Dass wir jetzt, nach all den Jahren, von Thees zum Klassensprecher ernannt werden, das sehe ich mal als zweifelhafte Ehre.

taz: Die Toten Hosen wurden 1982 gegründet, damals galten sie als anarchische Spaßpunks. Mittlerweile kämpfen sie für Demokratie. War das eine bewusste Entscheidung?

Campino: Weniger. Am Anfang haben wir die Texte noch zusammen gemacht. Wir saßen bei einem von uns im Wohnzimmer auf dem Fußboden, nach zwanzig Minuten hatte keiner mehr Bock – und dann sind wir halt Fußballspielen gegangen. Irgendwann war mir das nicht mehr genug, ich fing an alleine rumzugrübeln, von da an hat sich etwas verschoben.

Im Interview: Campino und Die Toten Hosen

Die Band

Andreas „Campino“ Frege gründete 1982 zusammen mit Andreas „Kuddel“ von Holst, Andreas „Andi“ Meurer und Michael „Breiti“ Breitkopf in Düsseldorf die Punkband Die Toten Hosen. Die Schlagzeuger wechselten, der Erfolg wuchs. Nach „Eisgekühlter Bommerlunder“, „Hier kommt Alex“, „Alles aus Liebe“, „Bayern“, „Tage wie diese“ und vielen weiteren Hits macht die Band nun bald Schluss.

Der Abschied

Das letzte Album der Toten Hosen heißt „Trink aus, wir müssen gehen!“ und erscheint am 29. Mai. Ab Anfang Juni tourt die Band dann (wohl) zum letzten Mal durch das Land.

taz: Die Texte wurden ernsthafter?

Campino: Es gibt da eine gewisse Parallele zu den Grünen, die ja zu ähnlicher Zeit gegründet wurden wie wir. Die waren auch mal Anti-Establishment, es gab den „Turnschuhminister“ und all den anderen ganzen Quatsch. Heute gelten ausgerechnet die Grünen als die Spaßbremsen. Genauso haben wir irgendwann feststellen müssen, dass wir, ohne es zu merken, Schritt für Schritt in die Verantwortung gegangen sind. Diese Rollenverschiebung, dass wir heute glauben, die Demokratie verteidigen zu müssen, die hätten wir uns 1982 nicht träumen lassen.

taz: Die Toten Hosen haben diesen Wandel gut verkraftet. Sie sind jedenfalls deutlich beliebter als die Grünen.

Campino: Ja, unsere Umfragewerte stimmen noch.

taz: Wann wurde klar, dass man nicht mehr die lustigen Punks mit den bunten Hosen spielen kann?

Campino: Vieles hat sich unbemerkt gewandelt, aber ein Moment, in dem es Klick gemacht hat, war unser tausendstes Konzert. Es kam im Publikum zu einem Todesfall.

taz: Im Juni 1997 im Rheinstadion in Düsseldorf starb die 16-jährige Rieke Lax aus den Niederlanden im dichten Gedränge vor der Bühne.

Campino: Genau. Spätestens da wurde uns bewusst, dass es Unsinn ist, was wir lange als Motto auf unsere Fahnen geschrieben haben: Hier sind die Toten Hosen – betreten auf eigene Gefahr! Nein, wir sind für jeden verantwortlich, der zu uns kommt, wir müssen alles dafür tun, damit jeder wieder gesund nach Hause geht. Von diesem Tag an haben wir eine andere Position vertreten, eine sehr viel kontrolliertere und auch kontrollierende, an die wir uns erst gewöhnen mussten.

Wenn das jetzt hier richtig anfängt zu scheppern im Land, Stichwort nächste Wahlen, dann werden wir uns nicht raushalten

taz: Wie machte sich das bemerkbar?

Campino: Im Jahr danach, als wir in Deutschland die ersten Shows nach diesem Vorfall spielten, haben wir auf Konzerten, wenn uns irgendetwas zu wild vorkam, häufiger besorgt ins Publikum gefragt: „Ist alles in Ordnung bei euch? Passt aufeinander auf!“ Darüber machte man sich in der Presse lustig: Bei den Toten Hosen ist jetzt Kindergarten, der große Onkel ruft jetzt immer dazwischen, dass ihr euch nicht wehtun sollt.

taz: Damals wurde festgestellt, wir tragen Verantwortung, wir sind jetzt eine staatstragende Band?

Campino: Verantwortung ja, aber staatstragend? Wir versuchen immer noch, uns von Politikern fernzuhalten. Es gibt doch relativ wenige Fotos von uns, auf denen ein Politiker neben uns steht. Aber wir haben kapiert, dass auch wir Teil der Gesellschaft sind. Wenn es zum Beispiel in Düsseldorf um soziale Hilfsaktionen geht, dann bin ich froh, dass ich den Oberbürgermeister anrufen kann und der abhebt. Oder wenn wir ein Benefizkonzert für Erdbebenopfer planen, dann können wir eventuell eben auch die Unterstützung von Herrn Wüst und der Landesregierung gewinnen – und wenn die nur eine Halle zur Verfügung stellen. Also: Man lebt miteinander, und irgendwann gibt es den Moment, in dem es schön ist, wenn man sich aufeinander verlassen kann.

Foto: Donata Wenders

taz: Nun könnte man sagen, die Fans können sich nicht mehr auf Die Toten Hosen verlassen. Die haben ja einer gewissen Generation, einem gewissen Spektrum eine Stimme gegeben. Wird diese Stimme nicht fehlen, gerade in schwierigen Zeiten?

Campino: Ach, das glaube ich nicht. So wichtig sind wir nun auch nicht. Und ganz ehrlich: Wenn das jetzt hier richtig anfängt zu scheppern im Land, Stichwort nächste Wahlen, dann werden wir uns nicht raushalten.

taz: Das heißt, es wird Die Toten Hosen doch weiter geben?

Campino: Nein, so wie bisher gibt es uns bald nicht mehr. Als Band fahren wir unsere Aktivitäten Stück für Stück runter und werden sicher nicht mehr lange Touren machen. Aber wir bleiben ja Freunde und werden sicherlich auch noch miteinander in den Urlaub fahren und solche Sachen. Außerdem haben wir ein gemeinsames Grab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof, da liegen auch schon drei von unserer Gang. Und wenn einem von uns noch irgendeine Flause einfällt, dann machen wir, worauf wir Lust haben.

taz: Eigentlich sind Sie jetzt Rentner?

Campino: Na ja, insofern nicht, als dass wir nie einen ordentlichen Beruf hatten. Ich glaube kaum, dass uns im Ruhestand langweilig wird. Ich habe großen Spaß gehabt an den Büchern, die ich geschrieben habe. Wenn der Verlag möchte, dann wird das vielleicht eine Möglichkeit. mich zu beschäftigen – neben vielen anderen, also: Langeweile wird nicht aufkommen.

taz: Mick Jagger ist 19 Jahre älter als Sie.

Campino: Der ist jenseits von Gut und Böse. Die Rolling Stones kriegen es irgendwie immer hin, unterhaltend zu sein, aber die sind auch weltweit ein Begriff. Da spielen wir doch in einer ganz anderen Liga. Ich hätte auch keinen Spaß daran, mich so fit halten zu müssen wie Jagger, der dann mit Ü80 noch den großen Feger auf der Bühne gibt.

taz: Hat das Alter den Ausschlag gegeben aufzuhören?

Campino: Klar, das Alter macht auch vor uns nicht Halt. Ich weiß ja, wie es uns geht. Grundsätzlich halte ich mich da an die Regel der Royal Family: Never complain, never explain. Wir werden schon unsere Gründe haben.

wochentaz

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taz: Es ist auffällig, dass Die Toten Hosen über das Musikmachen immer gesprochen haben wie Leistungssportler über das letzte Spiel. Es ging darum, sich fit zu halten, immer 100 Prozent für die Fans zu geben.

Campino: Das stimmt. Im Gegensatz zu einer Fußballmannschaft können wir während des Spiels niemanden aus- oder einwechseln. Wir werden auch nicht vom Verein gefeuert wie ein Spieler, sondern wir müssen selbst die Kraft und den Weitblick haben, im richtigen Moment loszulassen und vom Platz zu gehen.

taz: Was jetzt geschieht.

Campino: Es gab schon ein bisschen die Sorge, dass wir den Absprung im richtigen Moment verpassen könnten. Wenn Leute entscheiden, die Bühne erst im Sarg zu verlassen, dann ist das zu akzeptieren, aber ich würde es für mich selbst nicht so wollen. Ich bin auch kein Nick Cave, der in seinem Anzug am Klavier sitzt und tolle Geschichten erzählt. Da braucht es diese Körperlichkeit nicht, der kann das machen, bis er 90 ist, und er wird dabei immer kraftvoll und gut aussehen.

taz: Hat die Band es verpasst, eine weniger körperliche Ausdrucksform zu finden?

Campino: Das Wort „verpasst“ würde ich nicht wählen. Natürlich könnten wir auch Unplugged-Konzerte spielen, haben wir ja gemacht, so würde man es auch noch ein paar Jahre hinkriegen. Aber unser Verständnis von dem, was wir sind, ist eben nicht unplugged, jedenfalls nicht hauptinhaltlich. Das wären dann nicht mehr Die Toten Hosen.

taz: Die Toten Hosen, das war hauptsächlich Energie und Power?

Campino: Das ist schwer zu erklären, es war einfach in uns. Vielleicht ist dieses Umherrennen auf der Bühne auch ein Trick, dass man sich dem Publikum nicht so frontal stellen muss. Da hat man immer was zu tun. Es war am Anfang auch eine Methode, auf der Bühne zu überleben. Mit der Zeit haben wir das verinnerlicht und fühlen uns damit bis heute wohl.

Wir waren die talentloseste Truppe, die es jemals gab. Wir hätten damals niemals irgendeinen Wettbewerb gewonnen

taz: Ende Mai erscheint das letzte Album. Darin wird viel zurück auf die Vergangenheit geblickt – und im Song „Lass mal nicht machen“ versprochen, dass Die Toten Hosen nicht in Shows wie „Sing meinen Song“ landen werdet. Gab es schon Anfragen?

Campino: Hört es sich überheblich an, wenn ich behaupte, dass es kaum ein Format im deutschen Fernsehen gibt, für das wir noch nicht angefragt wurden? Da muss man jetzt nicht stolz drauf sein, die Entertainment-Welt in Deutschland ist überschaubar. Eins ist auf jeden Fall klar: Jury-Sendungen würde ich niemals machen, schon weil mir das peinlich wäre, irgendjemanden nach Hause zu schicken, weil er angeblich kein Talent hat. Schließlich waren wir die talentloseste Truppe, die es jemals gab. Wir hätten damals niemals irgendeinen Wettbewerb gewonnen. Ich meine, in Widersprüchen leben wir alle – und Die Toten Hosen sind, weiß Gott, nicht frei davon. Wir sind bei „Wetten, dass ..?“ aufgetreten, wir haben mit der Bravo zusammengearbeitet. Wir haben immer wieder Dinge getan, für die wir uns im Anschluss selbst gern verprügelt hätten. Über die Jahre haben wir auch Kompromisse gemacht, die wehtaten.

taz: Ich habe diese Widersprüche eher als Teil einer Strategie gesehen: Dass Die Toten Hosen bewusst über Grenzen gegangen sind, nicht mal so sehr um zu provozieren, sondern weil Grenzen sie aus Prinzip nicht interessiert haben.

Campino: So könnte man sich das schönreden. Wegen der Bravo zum Beispiel, da haben sich Andi …

taz: … Bassist Andi Meurer …

Campino: … und ich ganz konkret dermaßen geprügelt, dass unser Roadie Bollock, Gott hab ihn selig, uns auseinanderziehen musste und danach sofort abreisen wollte. „Für solche Idioten will ich nicht arbeiten“, rief er verzweifelt, und es kostete eine Menge Überredungskünste, ihn umzustimmen. Ja, es ging eine Zeit lang echt hoch her, aber das sind wohl Wachstumsschmerzen, die gehören dazu.

taz: Gibt es denn etwas, das Sie wirklich bereuen?

Campino: Es gibt haufenweise Dinge, die schiefgegangen sind, die musst du als Moment nutzen, aus dem man lernen kann. Wir sind zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Wir konnten aber nur im Hier und Jetzt landen, weil wir Lehrgeld bezahlt haben. Vielleicht haben uns manche Sachen, die echt scheiße gelaufen sind, vor Schlimmerem in der Zukunft bewahrt.

taz: Bereuen Sie im Nachhinein, dass Sie 2014 die Schirmherrschaft für die deutsche Version von Band Aid 30 übernommen haben? Sie haben organisiert, dass der Song „Do They Know It’s Christmas“ mit Udo Lindenberg, Peter Maffay, Jan Delay, Joy Denalane und vielen anderen neu aufgenommen wurde, um Geld zu sammeln für die Bekämpfung der Ebolaepidemie in Westafrika.

Campino: Über dieses Thema könnte ich mich heute noch aufregen. Ja, man kann den Song durchaus miserabel finden, aber darum ging es nie. Es war nur eine Möglichkeit, Spendengelder zu sammeln. Das Projekt zu verhöhnen, hat wahrscheinlich viele Spenden gebremst oder gar verhindert.

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taz: Vor allem Jan Böhmermann, aber auch andere haben das Projekt damals heftig kritisiert.

Campino: Um Hilfsbereitschaft zu entfachen, musst du die Empathie der Menschen gewinnen. Wenn da die Behauptung aufgestellt wird, die Spendengelder kämen eh nicht an, bremst du die allgemeine Hilfsbereitschaft brutal aus. Wenn solche Zweifel berechtigt sind, ist Kritik völlig okay, aber das waren sie nicht. Und wenn jemand aus einer Laune heraus oder weil er irgendwas uncool findet, solche Projekte sabotiert, finde ich das nicht in Ordnung. Aber ich habe aus dieser Sache damals auch viel gelernt.

Dass es auch Applaus von der falschen Seite geben kann, damit muss man leben

taz: Es lief nicht immer alles nach Plan. Dass der Song „Tage wie diese“ bei der CDU-Wahlparty 2013 gespielt wurde, war sicherlich auch nicht im Sinne der Band, oder?

Campino: Wer ein Lied veröffentlicht, muss akzeptieren, dass es ein Eigenleben entwickeln kann. Ein Versuch zu steuern, wer den Song hört oder nicht, wäre kindisch. Dass es auch Applaus von der falschen Seite geben kann, damit muss man leben. Uns ist dieses Lied ja zugelaufen. Irgendwie haben wir es hingekriegt, etwas zu erschaffen, was vielen Leuten aus der Seele gesprochen hat – und immer noch spricht. Das ist ein Geschenk, diesen Erfolg konnte niemand so erwarten. Dass „Tage wie diese“ groß werden könnte, habe ich zuerst bemerkt, als die Mannschaft von Borussia Dortmund nach einem DFB-Pokalsieg im „Aktuellen Sportstudio“ saß und das ganze Team den Song sang. Für Fortuna Düsseldorf wurde es dann die Hymne zum Aufstieg, bis das Lied schließlich bei der Nationalmannschaft landete. Überall wurde es gedudelt.

Foto: Donata Wenders

taz: Das muss ein gutes Gefühl gewesen sein.

Campino: Ich fand das schön. Irgendwann hat mir jemand erzählt, es würde sogar auf dem Oktoberfest gespielt. Ich bin dann hingefahren, um das zu checken, und tatsächlich: Alle zwanzig Minuten lief in jedem Zelt dieses Ding. Leider hat mich jemand nach meinem fünften Starkbier dort auf eine Bühne geschoben und mir ein Mikrofon in die Hand gedrückt, als der Song wieder ertönte. Mir fiel beim Singen mein eigener Text nicht mehr ein – das war selbst für mich als alten Punk richtig schlimm.

taz: Das war der Punkt, wo Ihnen das Lied peinlich wurde?

Campino: Nein, ich war peinlich, aber nicht das Lied. Ich habe auch kein Problem damit, dass bei einer Party im Überschwang der Gefühle nach einem Wahlsieg jemand den Song auflegt und dazu schief mitsingt. Etwas anderes ist es, wenn unsere Lieder als Einmarschmusik für Politiker verwendet oder auf Wahlveranstaltungen bewusst und geplant als Soundtrack eingesetzt werden.

taz: Die CDU hatte den Song schon vorher bei Wahlveranstaltungen verwendet, wovon Sie sich distanziert haben.

Campino: Es ist uns scheißegal, welche Partei das macht, dagegen gehen wir immer vor, denn in dem Moment werden wir missbraucht, als Wahlwerbung für irgendeine Figur, mit der wir nichts zu tun haben.

taz: Dass die CDU den Song dann bei der Feier nach der Wahl gespielt hat, fanden Sie nicht so schlimm, Angela Merkel anscheinend schon. Die Kanzlerin rief bei Ihnen an.

Campino: Als Frau Merkel anrufen ließ, da haben wir natürlich erst mal gedacht, am anderen Ende ist die Titanic mit einem ihrer lauwarmen Witze. Also haben wir vorgeschlagen: Sie soll eine Nummer hinterlegen, wir rufen zurück. So haben wir uns versichert, dass die im Kanzleramt Bescheid wussten. Und irgendwann war sie wirklich an der Strippe …

taz: … um mit „Herrn Campino“ zu sprechen und sich zu entschuldigen. Sie selbst hat das nie öffentlich gemacht. Warum, denken Sie, hat die Kanzlerin angerufen?

Campino: Ich habe lange geargwöhnt, ob eine Strategie dahintersteckte. Aber offensichtlich war es ihr wirklich ein Anliegen. Vielleicht fand sie es selbst doof, dass ihre Parteikollegen da etwas kindisch mit den Deutschlandfähnchen gewedelt und dabei unseren Song gesungen haben. Sie hat wörtlich zu mir gesagt: „Es tut mir leid, dass wir da so auf ihrem Lied rumgetrampelt sind.“

Merkel war sicher keine Visionärin, aber ihr Pragmatismus und ihr Umgang mit diesen testosterongesteuerten Trotteln, die da sonst ganz oben in der Politik rumlaufen, das würde ich mir herzlichst zurückwünschen

taz: Ist Merkel durch dieses Telefonat in Ihrer Achtung gestiegen?

Campino: Ich war zunächst misstrauisch, konnte das nicht richtig einschätzen. Rückblickend muss ich sagen: einwandfreie Aktion, denn sie hat dieses Telefonat nie erwähnt oder medial ausgeschlachtet. Im Übrigen bin ich im Gegensatz zu vielen Menschen der Meinung, dass ihr Ausspruch „Wir schaffen das“ eine Sternstunde der deutschen Politik war.

taz: In der CDU sehen das inzwischen viele anders.

Campino: Man kann drüber streiten, was man anschließend hätte alles besser machen können, doch das ist nicht der Punkt. Dass Merkel bereit war, diesen humanistischen Gedanken so auszusprechen – das ist einfach genial. Und jeder, der das Gegenteil behauptet, macht diesen Moment in meinen Augen klein. Ja, Merkel war sicher keine Visionärin, aber ihr Pragmatismus und ihr Umgang mit diesen testosterongesteuerten Trotteln, die da sonst ganz oben in der Politik rumlaufen, das würde ich mir herzlichst zurückwünschen – gerade auch im Vergleich zum heutigen Kanzler.

taz: Diese Anekdote mit Angela Merkel ist ein Beispiel dafür, wie sich Die Toten Hosen verändert haben über die Jahrzehnte. Oder ist es umgekehrt, und dieses Land hat sich verändert, aber Die Toten Hosen gar nicht so sehr?

Campino: Das ist ganz einfach zu beantworten. Beide haben sich stark verändert. Und das ist auch gut so.

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