: Transatlantisches Elysium
Ben Lerners neuer Roman gilt hierzulande schon als Meisterwerk. Vor allem ist er jedoch eine Versicherung an die europäische Intelligenzija, dass man Amerika nicht aufgeben darf
Von Yannic Walter
Es ist noch nicht allzu lange her, da spielten Smartphones in der schönen Literatur keine nennenswerte Rolle. Immerhin erschaffen sie die Möglichkeit einer Unmittelbarkeit, die inhärent unliterarisch ist. Gute Gedanken entwickeln sich im Roman in den quälenden Ungewissheiten seines Personals, im Nicht-ereichbar-Sein oder Nicht-erreichen-Wollen, im Moment, in dem kein Rückruf mehr möglich ist. In einem Brief an Paul Auster schrieb der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee einmal, Smartphones und moderne Formen der Chatkommunikation im Roman bedeuteten „den Tod zwischenmenschlicher Signale, verbaler und nonverbaler, freiwilliger und unfreiwilliger Zeichen“. Es gibt keine poetische Sprache für moderne Telekommunikation, denn moderne Chatsprache ist selbst das Produkt algorithmischer Verknappung. Das Smartphone passt nicht zum Modus der Postmoderne und seiner Literatur des Menschen in der endlosen epistemologischen Krise. Gerade die Art von E-Literatur, die der amerikanische Autor Ben Lerner schreibt, verschweigt normalerweise die Existenz von iPhones und Wi-Fi.
In seinem neuen Roman „Transkription“ wählt Lerner nun eine andere Abzweigung: die der ostentativen Auslassung. Der Plot dieses kurzen, dreiteiligen Romans ist schnell umrissen: Ein namenloser Autor wird beauftragt, zu einem letzten großen Interview mit seinem intellektuellen und vermutlich dementen Mentor Thomas, einem hoch angesehenen, mit Adorno bekannten Philologen, nach Rhode Island zu fahren. Am Vorabend des Gesprächs fällt dem Protagonisten allerdings sein iPhone ins Waschbecken, und so kurzfristig ist kein Ersatz aufzutreiben. Der Protagonist verschweigt seinen Fauxpas und gibt in der Folge nur vor, das Gespräch aufzuzeichnen.
Der zweite Teil spielt bereits nach dem Tod des Mentors: Auf einer akademischen Konferenz zu Thomas’ Ehren wird der Protagonist beschuldigt, mit dem Interview einen Deepfake produziert zu haben. Der Schlussakt spielt zum Höhepunkt der Coronapandemie, die Thomas nur knapp überlebt. Dessen Sohn Max glaubt nun letzte Worte an seinen Vater, der an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist, richten zu müssen – natürlich via FaceTime. Doch Thomas überlebt, und weil sich der Vater vorgeblich an nichts erinnert, fragt sich Max bald, ob es das Gespräch, wenn es nur im digitalen Äther stattfand, überhaupt gegeben hat.
Es ist ein schlauer Ansatz, die Omnipräsenz und Unausweichlichkeit digitaler Kommunikation über weite Teile als Negativ zu erzählen. Denn wie hilflos der Protagonist ohne sein iPhone ist, offenbart sich viel eher im wiederholten Griff ins Leere als darin, dass sich das Gerät wie gewohnt an einem Ort irgendwo zwischen Hosentasche und Unbewusstheit befände. Lerner weiß vor allem zu Beginn von „Transkription“ ebendiese kleinen unbewussten Rückgriffe aufs Smartphone so beiläufig einzustreuen, dass man gar nicht darauf käme, der Roman handelte vielleicht in der Hauptsache von unserer Abhängigkeit von digitalen Systemen.
Aber wovon handelt „Transkription“ tatsächlich? Eine leichte Antwort ergibt sich trotz der Kürze nicht. Gerade in der zweiten Hälfte verästelt sich der Roman zusehends, will von allem (Corona, Vaterschaft, frühkindlicher Entwicklung, ASMR-Videos) erzählen, bleibt in seinen narrativen Entscheidungen aber inkonsequent und in seinen dialogischen Schlussfolgerungen schwammig. Wieso die nach irgendwelchen Hotels benannte Kapitelstruktur? Wieso die ganzen Personenwechsel? Und muss wirklich der gesamte Kanon intellektueller Streitthemen der Gegenwart anzitiert werden? In diesem Roman wirkt vieles auf unbefriedigende Weise kontingent.
Vielfach wurde Lerners Prosa mit der von Kafka verglichen, den Verweis liefert der Roman an vielen Stellen auch selbst – was schon wenig kafkaesk ist. Könnte man sich Lerners Rhode Island so vorstellen wie Kafkas Prag – das nie Prag genannt wird? Könnte man sich die Strafkolonie an einem realen Ort vorstellen? Das Verschweigen des kaputten Smartphones taugt nicht zur Kafka’schen Allegorie. Es bleibt eine persönliche Entscheidung der Hauptfigur, die man bis zum Schluss nicht vollständig nachvollziehen kann. Viel eher will man dem Protagonisten zurufen: Na, nun sag’s ihm schon!
Ben Lerner: „Transkription“. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp, Berlin 2026, 160 Seiten, 24 Euro
Hatte man bei Joseph K. ein ähnliches Bedürfnis? Wieso akzeptiert man Joseph K.s Verhaftung und wird auch dann nicht stutzig, als er erfährt, dass die Verhaftung gar keine unmittelbaren Konsequenzen nach sich zieht? Wo einem bei Kafka schließlich die allegorische Dimension dämmert, schafft man es bei Ben Lerner nie ganz, seinen Unglauben aufzugeben. Lerners Text ist über seine Referenzen zu sehr in einem bestimmtem intellektuellen Milieu verortet – Thomas’ Sohn heißt Max, natürlich nach Horkheimer –, als dass sich eine Universalität der Symbole einstellte wie eben bei Kafka.
Und dann die Sache mit Alexander Kluge. Thomas, der greise Intellektuelle, hat nicht nur Kluges Bücher auf seinem Schreibtisch, er ist ziemlich deutlich an Kluge angelehnt. Lerner und er waren bekannt, und Kluge hatte noch kurz vor seinem Tod im April verlauten lassen, er fühle sich von Lerners Werk geschmeichelt. Doch lernt man hier wirklich etwas Neues über den Autor?
Dass man sich auch aus dem Leben herauslesen kann statt hinein? Dass das ständige Herunterbeten von Wissen auch nur eine Form von Sublimierung darstellt? Dass die Kinder berühmter Geistesgrößen es nicht leicht haben? Thomas wird hier immerhin als jemand dargestellt, der abseits intellektueller Arenen ein ziemlicher Unsympath ist, dem zur Essstörung seiner Enkeltochter nur eine Anekdote über Kafkas Hungerkünstler einfällt statt großväterlicher Empathie.
Vielleicht ist es auch ein bisschen Stefan Zweigs Welt von gestern, die Lerner beschwört, diese für immer verloren scheinende Welt der Gedanken, in der eine Zeitschrift dem Autor kostspielige Hotelübernachtungen bezahlt, in der das intellektuelle Leben noch global stattfindet und nicht in wegrationalisierten Zoom-Meetingräumen. In „Transkription“ prallen zwei Welten, ja eigentlich zwei Jahrhunderte aufeinander: das assoziative, arkane Wissen von Thomas und die unangefochtene Autorität digitaler Wissenssysteme – verkörpert durch die akademischen Thomas-Experten im zweiten Teil.
Lerner, der auf Fotos immer etwas vorwurfsvoll dreinblickt, ist Vertreter eines Typus amerikanischer Intellektueller, die seit jeher einen starken Bezug zur europäischen Geistesgeschichte und Literatur haben. Dass hiesige Kritiker „Transkription“ über den dünnen Plot hinweg zum Meisterwerk erklären, hängt möglicherweise auch damit zusammen. Denn der Roman liest sich über weite Strecken eher wie eine literarische Gefälligkeit, eine Versicherung an die europäische Intelligenzija, dass man Amerika noch nicht ganz aufgeben darf, dass der kritische Geist, der einst so interkontinentale Intellektuelle hervorgebracht hat wie Susan Sontag, dass dieser Geist auch die neueste Welle amerikanischen Stumpfsinns überleben wird. Lerner konstruiert eine Art transatlantisches Elysium, das wirkliche literarische Dringlichkeit und zwingende künstlerische Entscheidungen auch in der Kürze vermissen lässt.
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen