Roman von Ben Lerner: Eine geheimnisvolle Schwelle

Ben Lerners Roman „Die Topeka Schule“ ist eine Meditation über Sprache und den Niedergang der USA. Nicht nur Barack Obama empfiehlt ihn zum Lesen.

Der US-Schriftsteller Ben Lerner in kariertem Hemd

Adoleszenzplagen und Sozialdruck: US-Autor Ben Lerner Foto: Patrice Normand/Opale/Leemage/laif

Dass Literatur aus Sprache besteht, kann man schon mal vergessen. Es gibt diese Bücher, sie sind nicht so selten, in denen die Sprache sich hinter dem Plot versteckt, gewissermaßen voll aufgeht in ihrer Aufgabe als Vermittlerin der Story. Damit ist gar kein Werturteil verbunden, das muss man auch beherrschen.

Ben Lerners neuer Roman „Die Topeka Schule“ liefert ein Gegenmodell. Hier spielt sich eine ambitionierte Sprache nicht nur ständig in den Vordergrund, hier wird sie auch zum Thema. Aus vier Perspektiven umkreist Lerner ein intellektuelles Milieu an einer psychotherapeutischen Klinik im Mittleren Westen der USA.

Wir befinden uns in der zweiten Hälfte der Neunziger. Lerners Alter Ego Adam Gordon ist ein preisgekrönter Highschool-Debattierer, der an den typischen maskulinen Adoleszenzplagen laboriert. Stangenfieber, Selbstzweifel, sozialer Druck. Allerdings sind seine Eltern Therapeuten, die ihr analytisches Besteck nicht einfach in der Praxis lassen.

Jonathan bringt „verlorene Jungs“ wieder zum Sprechen, Jane macht sich zudem als feministische Autorin einen Namen, beide haben an frühkindlichen Verletzungen und Schuldgefühlen zu tragen, denen sie natürlich ebenfalls sezierend zu Leibe rücken. Sprache ist in einer solchen Familie stets mehr als ein bloßes Mitteilungsmedium, sie ist Seelenspiegel, Analysewerkzeug, Herrschaftsinstrument und noch viel mehr.

Ben Lerner: „Die Topeka Schule“. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp, Berlin 2020, 395 Seiten, 24 Euro

Bei Adam wird Sprechen überdies zu einer Form von Triebabfuhr oder zumindest Sublimationsinstanz. Er überschreitet mitunter beim Debattieren „eine geheimnisvolle Schwelle“.

„Es kam ihm weniger so vor, als hielte er eine Rede, sondern eher so, als hielte die Rede ihn, als begännen der Rhythmus und die Intonation seines Vortrags den Inhalt zu diktieren und er müsse seine Argumente nicht mehr so sehr ordnen, als sie vielmehr durch sich hindurchfließen lassen. Plötzlich war die physische Spannung, unter der er stand, ganz konzentrierte Energie, eine Verwandlung, die die Veranstaltung leicht erotisch färbte.“

Das Publikum mit Infos blenden

Lerner weiß, wovon er spricht, war nämlich selbst US-Meister im Debattieren. Er beschreibt den Übergang ins „Reich der Poesie“, „seine Rede wurde von Tempo und Intensität überdehnt, bis er spürte, wie sich ihre Sachbedeutung in reine Form auflöste“. Aber Reden sind nun mal keine Poesie. Sie sollen etwas zur Sache beitragen. In dieser beschleunigten, hypereloquenten Form ist das kaum mehr möglich.

Diese neue Redestrategie des „Schnellsen“ blendet das Publikum nur mehr mit purem Informationsüberschuss. Das ist Lerners bitterer politischer Kommentar: Wenn sich Mitte der Neunziger eine junge politische Elite mehr und mehr eingeschossen hat auf diese amoralische Dampfrhetorik, die zwar mitreißt, aber letztlich nicht mehr ist als grandioses „Gefasel“, dann liegen darin vielleicht auch die Ursachen für den Niedergang des politischen Diskurses in den USA.

Zugleich verbirgt sich hier aber auch eine ästhetische Grundsatzerklärung. Ben Lerner paraphrasiert den „furor poeticus“, jenen quasi­mystischen Zustand, in dem ein Text sich wie von selbst formt und der Schreibende nur als eine Art Empfänger involviert zu sein scheint.

Im Rausch wie Kafka und Rilke

Dieser rauschhafte, entgrenzende Produktionsmodus, den auch Kafka und Rilke suchten, ist Lerners Ideal. Und das merkt man diesem Roman auch an. Lerner strukturiert die miteinander verflochtenen, sich aufeinander beziehenden Geschichten seiner Protagonisten wie in einem Rausch. Mit Motivwiederholungen, Reprisen und Re­frains stellt er immer wieder Kohärenzen und Überschneidungen her zwischen den Binnenerzählungen, und übertreibt es mit vollem Kalkül.

Je weiter die einzelnen Storys sich entwickeln, desto rätselhafter wird das semantische Geflecht, das Lerner hier knüpft. Und dabei entsteht dann gelegentlich tatsächlich Poesie, aber eben manchmal auch bloß – „Gefasel“. Lerner kennt die Gefahr, aber er geht das Wagnis der „reinen Form“ trotzdem ein. Das ist das eigentlich Spannende in „Die Topeka Schule“.

Zuflucht im Waffenladen

Darren, ein Kindergartenfreund Adams, dessen geistige Entwicklung mit etwa acht Jahren stehengeblieben ist, bildet die große Antithese in diesem Roman. Er wird von Adams Freundeskreis erbarmungslos gedemütigt und findet Zuflucht im Waffenladen eines White-Trash-Veteranen, der ihm seinen außerordentlichen Frauen- und Welthass einimpft.

Es ist schon früh klar, dass Darren irgendwann auf die ständigen Zurückweisungen und Erniedrigungen reagieren wird und dass ihm als Waffen keine Worte zur Verfügung stehen. Es ist schön zu sehen, wie viel Empathie dieser rhetorisch beschlagene Autor aufbringt für einen Protagonisten, der gar keine adäquate Sprache hat, und fast schon paradox, wie viel imaginative Energie es braucht, um dessen alogische Traumwelt auszuleuchten.

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