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Charles III. auf Staatsbesuch in den USAAls der König den gefühlten König in die Schranken wies

Dominic Johnson

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Dominic Johnson

Der britische König Charles III. hat Trump in Washington die Leviten gelesen. Das gelang ihm, weil er – im Gegensatz zum US-Präsidenten – nicht gewählt ist.

Von wegen „No Kings“: US-Präsident Trump empfängt König Charles in Washington Foto: Suzanne Plunkett/reuters

V iel war im Vorfeld herumgemäkelt worden, gerade in Großbritannien. König Charles III., rieten viele, solle lieber nicht in die USA zum Staatsbesuch reisen. Das werde doch bestenfalls ein Kniefall vor Donald Trump, der seine Freunde permanent beschimpft und beleidigt. Und überhaupt, wie peinlich ist das denn, so ein Besuch direkt nach dem Epstein-Skandal und dem erzwungenen Titelentzug für Königsbruder Andrew.

Aber nun ist König Charles III. doch in die USA zum Staatsbesuch gereist. Und am Dienstag hat er etwas geleistet, was kein britischer König vor ihm je getan hat: Er hat vor dem US-Kongress eine hochpolitische Rede gehalten und dabei Donald Trump in die Schranken gewiesen.

King Charles III. hat nicht in erster Linie, wie Queen Elizabeth II. in ihrer eigenen kurzen Kongressrede 35 Jahre zuvor, die militärische Stärke der USA gewürdigt, die Militärallianz beider Länder gepriesen und das Völkerrecht betont. Er hat viel weiter ausgeholt.

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Er hat die jahrhundertealten und bleibenden Freiheitswerte hochgehalten, die der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika vor 250 Jahren zugrunde lagen, „oder, wie wir im Vereinigten Königreich sagen: neulich erst“. Die Werte der Aufklärung, der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung, der Menschenrechte – alles entstanden, wie der Brite betonte, in der Nachfolge der alten englischen Freiheitsideale, die zuerst in der Magna Charta 1215 niedergeschrieben wurden und die amerikanischen „Revolutionäre“ inspirierten.

Die beschworenen Ewigkeiten

Die Interpretation, wem diese Worte wohl gelten könnten, musste Charles III. gar nicht selbst liefern. Das blieb dem tosenden Applaus überlassen, der seine Ansprache immer wieder unterbrach. Immer wieder standen die Kongressabgeordneten auf und klatschten.

Manchmal sogar alle. Manchmal nur die Hälfte. Manchmal fast alle, außer Leuten wie Vizepräsident J. D. Vance direkt hinter ihm, der keine Hand rührte, als Charles III. zu großem Beifall „unnachgiebige Entschlossenheit für die Verteidigung der Ukraine und ihr so mutiges Volk“ forderte und diese Notwendigkeit in eine alte Tradition des anglo-amerikanischen gegenseitigen Beistands stellte.

„Schulter an Schulter durch zwei Weltkriege, den Kalten Krieg, Afghanistan, und Schlüsselmomente unserer gemeinsamen Sicherheit“, und dann die Nato-Solidarität mit den USA nach den Terroranschlägen des 11. September, die sich dieses Jahr zum 25. Mal jähren. „Amerikas Worte sind gewichtig und bedeutsam, seit der Unabhängigkeit. Die Taten dieser großen Nation sind noch wichtiger“, mahnte der Staatsgast eines Präsidenten, der Worte gerne mit Taten verwechselt.

250 Jahre Unabhängigkeit, 400 Jahre gemeinsame Geschichte, 800 Jahre Rechtstradition und sogar die Hunderte Millionen Jahre zurückliegende Ära, als die Appalachen in den USA und die schottischen Highlands eine einzige Bergkette bildeten – was ist gegen all diese vom König beschworenen Ewigkeiten schon ein Donald Trump, der in diesem Jahr bloß 80 wird und sowieso nur ein paar Jahre regiert?

Der Urururururgroßvater

Ein gewählter Präsident hätte keine solche Ansprache halten können. Nicht nur, weil kein gewählter Präsident die USA daran erinnern kann, das sein Urururururgroßvater sie „neulich erst“ in die Unabhängigkeit entließ, sondern auch, weil ein gewählter Präsident keine höhere Legitimität als ein anderer gewählter Präsident beanspruchen kann. Sie sind beide bloß gewählt, also auch nur von einem Teil ihrer jeweiligen Bevölkerung.

Ein König kann Politiker mit begrenzter Amtszeit und parteilicher Färbung auf ihr wahres Mittelmaß zurechtstutzen

Ein König ist von niemandem gewählt und vertritt daher die gesamte Bevölkerung gleichermaßen, und – das ist zentral – er kann in größeren Zeiträumen denken, Traditionen überparteilich verkörpern und damit Politiker mit begrenzter Amtszeit und parteilicher Färbung auf ihr wahres Mittelmaß zurechtstutzen.

Die Kunst bei Trump besteht darin, das so zu tun, dass er es nicht merkt. Charles III. ist dies wohl gelungen. Er huldigte bei seinem Staatsbesuch Trump, wo es der Show diente, aber in der Substanz wies er ihn zurecht.

Beim Staatsempfang im Weißen Haus am Montag schenkte der König dem überraschten Präsidenten die golden aussehende große Schiffsglocke eines britischen Weltkriegs-U-Boots, das wirklich „HMS Trump“ hieß, und sagte ihm: „Falls du uns erreichen willst – einfach klingeln.“ Wie ein überwältigtes kleines Kind kletterte Trump bei einer Preisverleihung dann zu Charles aufs Podium, um anzustoßen.

Über gewählte Politiker lästert Trump viel, oft auch in deren Gegenwart. Könige liebt und respektiert er, er wäre gerne selbst einer. „Two Kings“ tweetete das Weiße Haus zur Begrüßung von Charles III. „No Kings“ lautet die Protestparole gegen Trumps autoritäre Neigungen in den USA. Aber zwischen diesem Präsidenten und diesem König dürfte den immer zahlreicheren Amerikanern, die das Ende von Trump herbeisehnen, die Wahl nicht schwerfallen.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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6 Kommentare

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  • Wow, da wird dem gewälten Vertreter des Volkes die Legitimation abgespeochen, und ein König zum legitimen Verteter gemscht. Im 21. Jahrhundert. In der taz.

    Ich glaube hier läuft gerade etwas richtig schief.

    Als nächstes wird Trump zum König gekrönt, damit er das ganze Volk vertritt? Merkt ihr noch was?

    • @doda:

      Der britische König agiert innerhalb seine verfassungsgemäßen Rolle, und zeigt keine Bestrebungen seine Befugnisse darübe hinaus ausweiten zu wollen.



      Das kann man - wie der Artikel richtig sagt, und Charles in seiner Rede subtil angedeutet hat - vom amerikanischen Präsidenten nicht sagen.



      Im übrigen war Chrales' Rede ein diplomatisches Glanzstück, wie übrigens auch seine Rede vor dem Bundestag vor einigen Jahren.



      Man könnte Deutschland nur einen obersten Diplomaten von ähnlichem Format wünschen. Leider waren die letzten Besetzungen des Aussenminiseriums diesbezüglich doch sehr enttäuschend.

      • @T-Rom:

        Ich glaube auch, dass King Charles seine Rolle sehr gut ausfüllt und schätze seine klare Haltung sehr.



        Und ich denke auch, dass Trump eine Katastrophe ist.



        Und ja, ich würde mir für Deutschland auch bessere Politiker wünschen.

        Darum ging es in meinem Kommentar aber nicht. Sondern darum, dass ein Journalist in der taz die Monarchie über die Demokratie stellt, und das mit einer Begründung, die auch von der Neuen Rechten genutzt wird.



        Hat er einfach kelne Ahnung, wovon er spricht? Oder nicht nachgedacht? Oder übernimmt die taz jetzt rechtspopulistische Argumentationsmuster? Oder habe ich irgendwas nicht verstanden?

    • @doda:

      Ja, das ist schon eine interessante Entwicklung.



      Wir haben (hier und in den USA) eine nicht so ganz funktionierende Demokratie - also wünschen sich die Leute den richtigen Feudalismus bzw. die Monarchie zurück.



      Dabei ist es ja nicht so, dass es keine Vorschläge gäbe, wie wir die bestehenden Demokratien ausbauen könnten...



      Aber vielleicht liegt das auch einfach daran, dass die Monarchie eben nie so richtig raus war aus den Köpfen??

  • Laut einiger Medien veröffentlichte die Regierung anlässlich des Staatsbesuchs von König Charles III. in den sozialen Netzwerken ein Foto der beiden Staatsmänner mit der Bildunterschrift "TWO KINGS" – garniert mit einem Kronen-Emoji.



    Daraufhin teilt Kaliforniens Gouverneur Gavin wohl das Bild über sein Büro erneut und versah Trump mit einem weniger schmeichelhaften Titel: "Einer ist der König des Vereinigten Königreichs. Und der andere ist der König des Schwachsinns."

  • Charles III. verfügt im Gegensatz zu unseren Politikern über Humor und kann auch über sich selbst lachen - so kann man sich staatsmännisch geben, ohne anzubiedern oder sich lächerlich zu machen.