Historiker über den 1. Mai in Hamburg: „Prügeleien, weil Linksradikale mitdemonstrieren wollten“
Am Tag der Arbeit am 1. Mai kann man ablesen, wie es jeweils um die Arbeiter*innenbewegung steht, sagt der Historiker Knud Andresen.
taz: Herr Andresen, gehen Sie am 1. Mai auf die Straße?
Knud Andresen: Ja, das mache ich schon seit Jahrzehnten.
taz: Ist der Tag nicht längst nur noch ein Ritual?
Andresen: Die Debatten über die Ritualisierung des 1. Mai begleiten den Tag wahrscheinlich schon, seit er 1890 erstmals begangen wurde. In der Bundesrepublik wurde vor allem seit den 1960er Jahren immer wieder diskutiert, ob der Tag anders werden muss oder noch notwendig ist. Man darf aber nicht vergessen, dass der 1. Mai lange politisch äußerst umkämpft war, gerade in der Weimarer Republik. Auch sind viele Forderungen, mit denen er verbunden ist, nach wie vor aktuell. Außerdem ist es der einzige säkulare, also nicht religiöse Feiertag, der in vielen Ländern begangen wird.
taz: Sie sagen, es ist interessant, sich die Geschichte des 1. Mai nach 1945 anzuschauen. Warum?
Andresen: Weil der Tag wie eine Sonde funktioniert. Was beschäftigt die politischen Arbeiter*innen über die Jahrzehnte? Daran lässt sich auch etwas über die soziale Zusammensetzung einer Arbeiter*innenschaft feststellen und wie diese sich verändert. Ich habe mir das für Hamburg angeschaut.
taz: Wie hat sich der 1. Mai da verändert?
Andresen: Zur ersten freien 1.-Mai-Demo 1946 im Park Planten un Blomen kamen Hunderttausend. Die Hauptrede war der Verurteilung des Nationalsozialismus durch die Arbeiterbewegung gewidmet und dem Gedenken an die Toten. Schon ab den 1950er Jahren war die Wiedervereinigung ein großes Thema am 1. Mai. Damals liefen in Hamburg noch hunderttausend Menschen in zehn Marschsäulen in den Stadtpark, wo sie eine große Kundgebung abhielten. Da gingen noch ganze Betriebsbelegschaften hin, die gewerkschaftlich gut organisiert waren.
taz: Und dann?
Andresen: Ab 1960 kamen immer weniger. Das hatte damit zu tun, dass der wirtschaftliche Aufschwung auch in der Arbeiter*innenschaft zu spüren war, es war weniger Kampfbereitschaft da. Die Gewerkschaften erlebten einen Mitgliederrückgang, Betriebe spielten nicht mehr so eine große Rolle für Vergesellschaftung.
taz: Wie gingen die Gewerkschaften damit um?
Andresen: Der DGB experimentierte mit anderen Formen. In Hamburg organisierte er Volksfeste statt Demos, die sich nicht mehr nur an Arbeiter, sondern auch an Familien richteten und auch wieder Hunderttausende Besucher*innen anlockten. In den frühen 1970ern ging man in Hamburg dann eine Zeit lang gar nicht mehr raus, sondern machte Veranstaltungen in Festsälen, unter anderem kulturelle, da las mal Günter Grass. Davor war der 1. Mai 1969 ein ziemlicher Reinfall gewesen, aber auch ein Wendepunkt.
taz: Was ist da passiert?
Andresen: Am 1. Mai 1969 hatten Studierende, linke Lehrlinge und junge Gewerkschafter*innen zu einer eigenen Demo aufgerufen. Rund 3.000 kamen und störten dann die zentrale Kundgebung des DGB. Sie kritisieren die IG Metall, weil sie einerseits gegen Rüstung auftrat und andererseits mehr Mitbestimmung in Rüstungsbetrieben wie der Werft Blohm + Voss forderte. Als Reaktion beschloss der DGB-Hamburg ein jugendpolitisches Sofortprogramm, mit dem ein offenes wöchentliches Treffen eingerichtet wurde. Es war der Beginn radikaler gewerkschaftlicher Jugendarbeit.
Tag der Arbeit in Hamburg, DGB-Demos: 10 Uhr Lohbrügger Markt, Bergedorf; 10 Uhr Harburger Rathaus; 10.30 Uhr an der S-Bahn Ottensen. Weitere Demos: „Wer hat der gibt“ 14.30 Uhr Jungfernstieg; „Revolutionäre 1. Mai“ 18 Uhr Bahnhof Altona; „Schwarz-roter 1. Mai“ 18 Uhr Arrivati Park.
taz: In Berlin geht der Mythos 1. Mai auf das Jahr 1987 zurück, als Autonome sich in Kreuzberg Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Gab es so was auch in Hamburg?
Andresen: Am 1. Mai 1984 gab es Prügeleien, weil linksradikale Gruppen auf der Gewerkschaftsdemo mitdemonstrieren wollten. Im nächsten Jahr einigte man sich aber vorher über die Aufstellung, sodass dieser Konflikt in Hamburg nicht mehr so scharf geführt wurde. Das verlagerte sich auf die politischen Demos in den Abendstunden. Eine Hamburger Besonderheit ist, dass seit Ende der 1990er keine Parteipolitiker*innen mehr am 1. Mai sprechen. Vorher hatte man dem DGB eine zu große Nähe zur SPD vorgeworfen.
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