1. Mai-Nostalgie: Blutmai, Bratwurst, Barrikaden

Frühlingsluft und Revolutionsromantik: Kein anderer Feiertag ist nostalgisch so aufgeladen wie der 1. Mai. Wie ein Vertriebenentreffen für Linke.

Demonstranten ducken sich hinter einem roten Banner mit der Aufschrift "Gegen Ausbeutung und Unterdrückung" vor den Strahlen der Wasserwerfer.

Endete mal wieder in einer Straßenschlacht: die „Revolutionäre 1. Mai Demo“ in Hamburg 2014 Foto: Markus Scholz/dpa

HANNOVER taz | Gerade habe ich noch einmal „Babylon Berlin“ gesehen, die viel gelobte und preisgekrönte Serie, und wie hübsch sie ihn da inszeniert haben, den berüchtigten „Berliner Blutmai“ von 1929: wie eine epische Schlacht (Staffel 1, Folge 4).

Zu sehen ist, wie die von der KPD aufgerufenen Arbeiter trotz Demonstrationsverbotes zur Kundgebung in Neukölln strömen – wo die Polizei schon vorfreudig die Knüppel auf die Handflächen klatschen lässt.

Und mittendrin der ratlose Kommissar Gereon Rath, der mehr als einmal fast zwischen die Fronten gerät: erst, als er in der ­U-Bahn zwischen den Arbeitsmassen feststeckt; dann, als er mit seinem Kollegen zu willkürlichen Hausdurchsuchungen abgestellt wird, in den engen, vollen, dunklen Arbeiterwohnungen viel Porzellan zerschlägt und partout keine Waffen findet, dafür aber Zeuge wird, wie die völlig enthemmten Polizeitruppen durch den Stadtteil walzen, zwei unbeteiligte Frauen vom Balkon schießen und der Vorfall anschließend vertuscht wird.

Über 30 Tote, viele davon völlig Unbeteiligte, fast 200 teils schwer Verletzte und über 1.200 Verhaftungen standen am Ende dieser drei ersten Maitage 1929 in Berlin.

Feiertag oder Kampftag – diese Kluft gibt es immer noch

Die Serie verdichtet das Ganze in den Ereignissen eines einzigen Tages. Der Bibliothekar und Historiker Olaf Guercke hat dazu bei der Friedrich-Ebert-Stiftung im vergangenen Jahr eine hübsche kleine Studie vorgelegt („Babylon Berlin und der Anfang vom Ende der Weimarer Republik“).

Immer mal wieder geraten in den Szenen davor und danach liebevoll ausstaffierte Berliner Zeitungskioske in den Blick, in denen die Schlagzeilen der jeweiligen Parteipresse um die Deutung der Ereignisse rangeln. Und irgendwie steckt da alles schon drin, was diesen Tag über Jahrzehnte prägen wird.

Die Ereignisse markieren auch einen weiteren Höhepunkt im Zerbrechen der Arbeiterbewegung. Auf der einen Seite die Sozialdemokraten, die den Polizeipräsidenten stellten und den Kommunisten vorwarfen, die Zusammenstöße bewusst herbeigeführt und provoziert zu haben – die KPD hatte zum Beispiel Flugblätter verteilt, auf denen wahrheitswidrig behauptet wurde, das Demonstrationsverbot sei aufgehoben.

Auf der anderen Seite führten die Kommunisten vor, wie wenig die SPD gegen den militaristischen und antidemokratischen Ungeist bei den Uniformierten auszurichten wusste – sozialdemokratischer Polizeipräsident hin oder her. Die Differenz spiegelt sich bis heute im Vokabular: Wer den 1. Mai als „Feiertag“ begeht, gehört in die SPD- und Gewerkschafter-Ecke, wer „Kampftag“ sagt, verortet sich links davon.

Am Ende gewannen bekanntlich die Rechten: Wenige Jahre später erklärten die Nazis den 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag und ließen Belegschaften ganzer Betriebe in Reih’ und Glied aufmarschieren, während SPD- wie KPD-Funktionäre flüchteten oder ins Arbeitslager wanderten.

Zwischen Langeweile und Ausnahmezustand

Man vergisst fast, dass es mal um etwas ging an diesem Tag. Nach dem Krieg wurde er ja eher in gepflegter Langeweile zelebriert, im Osten gab es Produktionsleistungsschauen und Aufmärsche, im Westen ein bisschen Gewerkschaftsfahnenschwenken, ein paar Reden hören und anschließend Bratwurst, Live-Musik und vielleicht eine Hüpfburg. Same procedure as every year, Heinz.

Ausnahmezustand gab es ab den späten 80er-Jahren und in den 90ern dann ab und zu wieder in Berlin und manchmal auch in Hamburg (die hannoverschen Chaostage sehen so ähnlich aus, spielen aber an anderen Tagen). Auch das war – so ungefähr zehn, fünfzehn Jahre lang – ein seltsames Ritual: Eine Nacht lang spielten Autonome und andere mit der Polizei Katz und Maus und am nächsten Tag diskutierte die ganze Republik, wessen Eskalations- oder Deeskalationskonzept denn dieses Mal nicht oder doch aufgegangen war.

Und mit Inbrunst diskutierten viele Linke, welche Botschaft denn nun eigentlich von dieser Art von Aufruhr noch ausging oder ob es letztlich nicht doch bloß ein paar besoffene Jungs auf der Suche nach Krawall waren, schwarz gewandete Hooligans mit pseudo-politischem Anstrich – und ob die nicht wenigstens die kleinen Läden mal in Ruhe lassen könnten.

Die Mutter aller Mai-Krawalle, die legendäre Kreuzberger Nacht vom 1. Mai 1987, als fast der ganze Kiez in Schutt und Asche gelegt wurde, jährt sich im kommenden Jahr zum 35. Mal. Und sicher werden wir uns wieder über minutiöse Rekonstruktionen beugen und die verbliebenen Veteranen befragen: Wie war das noch, wo fing das an, wer war dabei, wo hört das auf?

Diese eine legendäre Kreuzberger Nacht

Es muss – glaubt man diesen Erzählungen – eine seltsame Mischung aus Volksfest, Happening und Kampfgetümmel gewesen sein, damals. Zusammenstöße zwischen Hausbesetzern und Polizei hatte es schon vorher öfter gegeben, doch dass die Polizei ausgerechnet an jenem Morgen um 4.45 Uhr das Vobo-Büro, aus dem der Volkszählungsboykott organisiert wurde, im linken Mehringhof durchsuchte, wurde allgemein als Provokation aufgefasst.

Die Stimmung war ohnehin angespannt: Die Stadt veranstaltete mit großem Tamtam 750-Jahr-Feiern, im östlichen Kreuzberg tummelten sich derweil die abgehängten und gelangweilten Jugendlichen – bei 50 Prozent lag die Jugendarbeitslosigkeit, eher 70 unter den Migrantenkindern.

Es gehörte dann wohl nicht mehr viel dazu, das traditionelle – und in weiten Teilen erst einmal friedliche – Straßenfest auf dem Lausitzer Platz entgleisen zu lassen, und die Polizei lieferte auch das. Nach einigen kleineren Zusammenstößen räumte sie das Fest mit Tränengas und Schlagstöcken. Daraufhin eskalierte die Lage.

Barrikaden wurden errichtet, die Polizei musste den Rückzug antreten. 30 Geschäfte wurde im Lauf der Nacht geplündert, der Bolle-Supermarkt am Görlitzer Bahnhof brannte danach aus und wurde zum auch international beachteten Symbolbild für diese Nacht – auch wenn sich Jahre später herausstellte, dass eigentlich ein Pyromane ihn angezündet hatte.

Es brannte noch mehr in jener Nacht, selbst ein Feuerwehrauto, die Feuerwehr selbst wurde am Löschen gehindert. Die dunklen Rauchsäulen, das rhythmische Getrommel Hunderter Menschen an den Streben der Hochbahn, die Live-Radioübertragung durch Radio 100 lockte immer mehr Sympathisanten und Schaulustige an. Erst in den frühen Morgenstunden gelang es der Polizei, den Anschein von Kontrolle zurückzugewinnen.

Wer gewonnen hat, ist noch lange nicht ausgemacht

In den Tagen danach begann das große Rätselraten, wer oder was da explodiert war. Unter den 47 Festgenommenen war nur eine Minderheit eindeutig der Szene zuzuordnen. Von frustrierten Jugendlichen aus der ganzen Stadt war die Rede, es kursierten aber auch Erzählungen von „ganz bürgerlich aussehenden Leuten“ und „Damen in Stöckelschuhen“, die beim Plündern beobachtet worden seien.

Hier wurzelt die „Revolutionäre 1. Mai Demo“, die in den folgenden Jahren dann immer wieder für Diskussionen und Schlagzeilen sorgte. Wobei die Frage, wann das denn eigentlich wieder aufhörte – zumindest in dem Umfang und der Intensität – vielleicht noch am wenigsten diskutiert und durchdacht erscheint.

An der Oberfläche scheinen ja die Kiez-Bewohner gewonnen zu haben, die endgültig die Schnauze voll hatten und sich die Plätze mit ihrem Volksfest „Myfest“ zurückeroberten, das allerdings auch – bitterer Treppenwitz der Geschichte – schon längst zur Partytouristenfalle mutiert war, bevor Corona kam. Und wer in dem mittlerweile kaum noch bezahlbarem Stadtteil am Ende wirklich gewonnen hat, ist vielleicht auch die zweite Frage.

Das Phänomen „Mai-Krawall“ ist allerdings auch anderswo auf dem Rückzug, abgeebbt, klein gekocht, müde und alt.

Neue Akteure und Aktionen – kommt der Mai zurück?

Und stattdessen? Der 1. Corona-Mai im letzten Jahr machte noch weniger Spaß als sonst schon. Die Gewerkschaften haben viele Veranstaltungen ins Virtuelle verlegt – da fallen vielleicht auch die sinkenden Teilnehmerzahlen nicht ganz so unangenehm auf. Ob sie insgesamt von der Pandemie profitieren können – weil Ar­beit­neh­me­r*in­nen sehen, wie wichtig eine starke Lobby ist –, bleibt abzuwarten.

Nun versuchen Querdenker und Rechte verstärkt, den 1. Mai für sich zu vereinnahmen, was wiederum dazu führt, das viele linke Gruppen aufwachen und Zulauf erfahren, wenn sie Gegendemos organisieren – manche lassen sich davon sogar in ganz andere Stadtteile locken, abseits der üblichen Spielwiesen und Demorouten.

Immerhin lassen sich aber auch zaghaft ein paar neue Akteure und Aktionsformen erahnen. In Berlin zieht die Spaßguerilla durchs Villenviertel, in mehreren Städten laufen feministische Aktionen unter dem Motto „reclaim the night“. Vielleicht kommt er ja doch noch mal wieder, der 1. Mai.

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