Moore für den Klimaschutz: Erstaunlich klug
Die Bundesregierung will mit viel Geld Moore wieder vernässen. Umweltminister Schneider macht so seine Prioritäten deutlich. Das könnte sich auszahlen.
E s ist eine beachtliche Summe, die Umweltminister Carsten Schneider (SPD) buchstäblich in den Sumpf setzt: Mit 1,75 Milliarden Euro will die Bundesregierung die Wiedervernässung von Mooren fördern, die gleichzeitig weiter landwirtschaftlich beackert werden sollen.
Lassen sich viele Landwirt*innen darauf ein, wäre das nicht nur ein Erfolg für die Artenvielfalt, sondern auch für den Klimaschutz in Deutschland. Denn trockengelegte Moore sind für etwa 7 Prozent der deutschen CO₂-Emissionen verantwortlich. Würden Förster*innen und Bauer*innen sie wieder vernässen, könnten die Moore von einer CO₂-Quelle sogar zur Senke werden, also mehr Treibhausgase binden als sie ausstoßen.
Das Förderprogramm zeigt aber auch, wie Schneider die Klimapolitik der Bundesregierung umschichtet: Auf Kosten der Emissionsreduktion in der Industrie, beim Autoverkehr und beim Heizen legt Schneider den Fokus auf grünen Strom und den natürlichen Klimaschutz.
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Indem Schneider Natur- und Klimaschutz verknüpft, will er mehr Unterstützung in der Bevölkerung mobilisieren. Das kündigte er schon zum Amtsantritt an. Er vermeidet außerdem Großkonflikte: Zwar sperrt sich der mächtige Bauernverband seit Jahren gegen eine großflächige Wiedervernässung von Mooren. Aber diesen Widerstand zu überwinden, ist einfacher, als die fossilen Ideolog*innen in der CDU zu überzeugen.
Falls Wald, Moore und Böden in den 2030ern zur CO₂-Senke werden, könnten sie darüber hinaus die Emissionen der Schwerindustrie teilweise ausgleichen. Denn Chemie-, Stahl- und Betonkonzerne werden aufgrund einer Mischung aus Ambitionslosigkeit und echten technischen Herausforderungen wahrscheinlich noch bis in die 2040er hinein viel CO₂ ausstoßen.
Kann Schneider neben den Moorschutz- auch die ambitionierten Waldumbaupläne seines Ministeriums durchsetzen, verschafft er also auch noch der deutschen Industrie Zeit zur Umstellung. Das ist politisch klug, aber um Deutschlands fairen Beitrag zum weltweiten Klimaschutz zu leisten, reicht es nicht: Dafür müsste die Bundesregierung überall klimapolitischen Ehrgeiz zeigen, nicht nur beim Naturschutz.
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