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Atomkraft weltweltEine strahlende Vergangenheit

Unionspolitiker und AfD geißeln angeblichen deutschen Sonderweg beim Atomausstieg. Die Zahlen zeigen aber: Einen nuklearen Aufschwung gibt es nicht.

Das Kernkraftwerk Palo Verde ist eines der größten Kernkraftwerke in den USA und das einzige, das nicht an einem großen Gewässer liegt Foto: Jim West/imago

Als „strategischen Fehler“ bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) jüngst den deutschen Atomausstieg. Dieselben Worte nutzten auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), gleichwohl hält er den Ausstieg für „irreversibel“. Weniger zurückhaltend zeigt sich Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef. Er will die zuletzt vom Netz genommenen Meiler wieder anwerfen lassen und unter seiner Regie weiter betreiben. Andere Unionspolitiker sowie die AfD schwadronieren gar von einem AKW-Neubau.

Sie alle verweisen auf eine angeblich weltweite Renaissance der Atomenergie. Und auf die 31 Staaten, die bei den letzten Weltklimakonferenzen in Dubai, Baku und Belém einem Bündnis beigetreten sind, das die weltweiten Atomkraftkapazitäten verdreifachen will.

Doch wie ist es wirklich bestellt um den vermeintlichen Aufschwung der Atomenergie? Antworten gibt der im vergangenen Herbst vorgestellte „World Nuclear Industry Status Report 2024“ (WNISR 2024). Dieser Bericht wird von einem internationalen Expertenteam um den Energie- und Atompolitikberater Mycle Schneider erarbeitet und liefert seit 2007 jährlich ein Update zum aktuellen Status der weltweiten Nuklearindustrie.

Grafische Darstellung eines AKW-Kühlturms, aus dem eine Wolke mit einem Radioaktivitätssymbol kommt.
40 Jahre nach dem Super-GAU in Tschornobyl

Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.

Daraus ergibt sich: Die Atomkraft stagniert, während Solarenergie, Windkraft und Speichertechnologien weltweit Rekordzuwächse verzeichnen. Eine weltweite nukleare Renaissance vollzieht sich jedenfalls nicht. Zwar erreichte die weltweite Atomstromproduktion 2024 mit rund 2.677 Terawattstunden den bisher höchsten Stand, doch gleichzeitig sank der Anteil der Atomkraft am globalen Strommix auf 9 Prozent. Das ist kaum mehr als die Hälfte des höchsten Werts (17,5 Prozent) von 1996.

Deutliche Abkehr

Weltweit waren Ende 2024 408 Atomreaktoren in Betrieb, genauso viele wie ein Jahr zuvor und 30 weniger als auf dem Höchststand 2002. Die atomkraftfreundliche Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) nennt hier geringfügig höhere Zahlen, der Lobbyverband World Nuclear Association (WNA) schreibt sogar von 440 „operablen“, also betriebsbereiten Reaktoren. Die Differenzen erklären sich durch unterschiedliche Definitionen von Langzeit-Stillständen, wie es sie etwa in Japan gibt.

In der EU zeigte sich mit vier Inbetriebnahmen und 35 Schließungen die Abkehr von der Atomkraft deutlich. 101 Reaktoren waren hier 2024 noch am Netz. Ihre Nettobetriebskapazität belief sich mit 98.000 Megawatt auf rund ein Viertel weniger als 2002. Insgesamt nutzen 31 Länder auf der Erde Atomkraft zur Stromproduktion, in Europa (ohne Russland) sind es 14 – darunter 12 EU-Staaten. Mit 94 Reaktoren verfügen die USA über die weltweit größte AKW-Flotte.

Wenn China sein aktuelles Tempo beim Bau von Solaranlagen bis 2030 fortsetzt, wird das Land schon am Ende des Jahrzehnts mit eigenem, preiswertem Solarstrom ganz allein die gesamte globale Atomkraftwerksflotte überholen

IWR-Chef Norbert Allnoch

Rund 60 Atomkraftwerke waren 2024 im Bau, rund ein Drittel davon in China. Sieben Baustellen gab es in Indien, vier in Russland, in Europa waren es insgesamt zehn. Nach Daten des WNISR 2024 und der IAEA verteilen sie sich auf Großbritannien (2), die Ukraine (2), die Türkei (4) sowie Ungarn und die Slowakei (je 1).

Sechs (WNISR 2024) beziehungsweise sieben (WNA) AKW gingen neu ans Netz. Darunter waren zwei oder drei Reaktoren in China sowie je einer in Indien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch der neue Europäische Druckwasserreaktor Flamanvoille-3 in Frankreich wurde – nach 17 Jahren Bauzeit mit Kosten von rund 13 Milliarden Euro – am 21. Dezember 2024 erstmals mit dem Stromnetz verbunden.

China überstrahlt alles

„In den letzten zwei Jahren ist die Anzahl der Länder, in denen neue Atomkraftwerke gebaut werden, um knapp ein Drittel von 16 auf 11 gesunken“, sagte Mycle Schneider bei der Präsentation von WNISR 2024. Die Gründe für das schwache Wachstum bei Atomkraftwerken sehen sowohl Schneider als auch das Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in den extrem hohen Investitionskosten, den sehr langen Bauzeiten von 10 bis 15 Jahren und den ebenso hohen Finanzierungsrisiken.

Letztere könnten praktisch nur von Staatsunternehmen getragen werden. Zudem sei der Markt auf sehr wenige, meist staatliche Unternehmen angewiesen, die überhaupt in der Lage seien, Atomkraftwerke zu bauen und zu exportieren.

Im Vergleich zur Atomkraft sind die erneuerbaren Energien auf der Überholspur. So installierte allein China im Jahr 2024 Solaranlagen mit einer Rekordleistung von 277 Gigawatt. „Wenn China sein aktuelles Tempo beim Bau von Solaranlagen bis 2030 fortsetzt, wird das Land schon am Ende des Jahrzehnts mit eigenem, preiswertem Solarstrom ganz allein die heutige Stromerzeugung der gesamten globalen Atomkraftwerksflotte überholen“, prognostiziert IWR-Chef Norbert Allnoch. Der Bau neuer Atomkraftwerke werde mit dem hohen Tempo beim Zubau erneuerbarer Energien nicht ansatzweise mithalten können.

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10 Kommentare

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  • Wie beim Gas rechnen die Unionspolitiker wohl wieder irgendwann bald mit russischen Rohstoffen, ansonsten macht das ganze Gerede der Konservativen keinem Sinn.

    • @Retsudo:

      Das macht nur Sinn um die Menschen zu verunsichern und sich als heldenhaften Retter anzubieten. Die Folgen sind denen wurscht - es geht nur (!!!!) um die nächsten Wahlen, danach kommt die Sintflut ....

  • Die Atomkraft stagniert (...) Zwar erreichte die weltweite Atomstromproduktion 2024 mit rund 2.677 Terawattstunden den bisher höchsten Stand, (...)"

    Ein Widerspruch in sich. Sie stagniert eben nicht, sondern wächst. Zu langsam. PV und Windenergie wachsen schneller weil sie schneller gebaut werden können und in ein fossiles Umfeld gut reinpassen. Das ist keine gute Nachricht. Es bedeutet, dass fossile Stromerzeugung noch eine lange Zukunft vor sich hat; s. neue deutsche Gaskraftwerke. Sowas kann nur Atomkraftgegner freuen für die CO2 zweitrangig ist. Klimaschützer sollten den Zusammenhang mit der fossilen Stromerzeugung endlich erkennen.

    • @Descartes:

      Bis heute kein Plan wo der Atommüll hin soll und wie lange die Castoren noch halten. Die Märchen der atomaren "Kreislaufwirtschaft" haben wir schon 1979 in der Mittelstufe diskutiert, die Befürworter waren damals schon überzeugt, das Problem des Endlagers (!) im Kreislauf sei in ein paar Jahren gelöst.



      Bis heute keinen Schritt weiter und immer die selben Sprüche. Wenn man die Zeiträume anschaut, die man für den Bau solcher Anlagen braucht und die nahezu sofortige Einsatzfähigkeit von PV und Batteriespeichern dagegen hält muss man die Märchen der Atomlobby nicht glauben. Der ganze Aufwand an Ressourcen für Zwischen- und Endlager sowie Rückbau und Dekontamination wird auch gern vergessen.

    • @Descartes:

      Klimaschützer sind die eifrigsten "Erkenner" der Nachteile fossiler UND nuklearer Energieerzeugung. Es gibt co2 und es gibt verstrahletn Abfall (bis zu 1 Mio Jahre) - Beides ist schädlich für Umwelt, Klima, Mensch und Tier. Zudem ist Atomkraft die mit Abstand teuerste Energie, macht weiter abhängig von irgendwelchen Lieferanten und ist und bleibt ein Strahlungsrisiko im Störungsfall. Nichts, gar nichts ist an der nuklearen Energiegewinnung ohne Probleme. Sonne, Wiund und Gezeiten sind von keinem Potentaten sperrbar - alles andere sehr wohl.

  • Wer massiv auf Wind und Solar setzt, muss aber auch speichern wollen - und können. Wohl dem, der über Speicherkraftwerke verfügt, aber ob man gutheißen muss, wenn ein Land - wie China - in Gebirgsgegenden mit der Macht der Kommunistischen Partei einfach wie beim Drei-Schluchten Staudamm (zwar kein Speicherkraftwerk, aber ein massiver Umwelteingriff) auch gegen die eigene örtliche Bevölkerung den Bau durchsetzt, lasse ich mal offen. Und ob in einigen Jahrzehnten nicht große Deponien von Wind- und Solaranlagen anfallen, mit dem, was nicht recycled werden kann, weiß man auch noch nicht. Neben dem humanitären Blutzoll beim Abbau seltener Erden und Batterierohstoffen.

    Zugleich begegnet bekanntlich jedes fossile Energieerzeugungsvorhaben rundheraus jeder Ablehnung...

    Eigentlich stellt sich die Frage, warum wir eigentlich seit Ausrufen der Energiewende nicht auch das Energiesparen wieder (bzw. noch?) stärker propagieren?

    Immerhin: Der beste Strom wird dort produziert, wo er verbraucht wird. Insofern sind Balkonkraftwerke mit Speicher - obwohl prinzipiell im Verdacht, bourgeois zu sein, wohl für die Deutsche Energiewende wichtiger als Sensationszahlen aus China.

    • @Metallkopf:

      "Wer massiv auf Wind und Solar setzt, muss aber auch speichern wollen - und können."



      So ist es.

    • @Metallkopf:

      Eigentlich weiß man schon ganz gut was man mit alten Solar- und Windkraftanlagen machen soll, also da entstehen nicht plötzlich riesige Deponien.

  • Zahlen kann man immer so oder so in Worte fassen.



    Ohne das "zwar" am Anfang des Satzes, könnte man auch schreiben "2024 mit rund 2.677 Terawattstunden den höchsten Wert erreichten" - das spräche für AKWs. Oder das in den USA die meisten AKWs laufen und die einen deutlich, deutlich niedrigeren Strompreis haben - trotz der enormen Kosten für ein AKW. (Das Endlager wird einfach mal ausgeklammert).

    Zweifellos ist PV eine super Entwicklung, deren Anteil stark gestiegen ist. Aber das Problem der kompletten Versorgung mit EEs ist bisher nur in Modellrechnungen umgesetzt. Insofern, zumal die Daten nur bis 2024 gehen, sind Überlegungen zu AKWs verständlich. Hier werden die aber eh nicht umgesetzt.

    Ausserdem scheint gerade die Sonne und versorgt den Laptop mit Energie.

  • Die Kernkraft ist tot, nur haben es ihre Apologeten noch nicht bemerkt. Da fällt mir doch glatt ein Liedtext aus den Achtzigern ein:

    Die Dinosaurier werden immer trauriger



    Die armen Saurier, die armen Saurier



    Die Dinosaurier werden immer trauriger



    Denn die Saurier dürfen nicht an Bord

    www.youtube.com/wa...bhb0&start_radio=1

    R.I.P., Kernkraft!