Fränkische Traditionsbrauerei: „Nur beim Saufen konnte ich nicht mithalten“
Andere machten Urlaub auf Hawaii, Sabine Wiethaler-Dorn investierte in eine Sudpfanne. Über eine Frau, die ihr Leben dem Erhalt einer fränkischen Familienbrauerei widmet.
Neunhof ist ein mittelfränkisches Dorf, das wie am Hang hinabzurutschen scheint. Seine Häuser bestehen aus schweren Sandsteinquadern, die handgeschriebene Tafel der örtlichen Bäckerei lockt mit Krapfen. Unterhalb der Kirche dominieren, einander gegenüberstehend, zwei wuchtige Gebäude: links der Fachwerk-Gasthof, rechts die Brauerei. Königsblau leuchten davor die Bierkästen, auf denen weiß ein Name steht: Wiethaler.
In diesen Gebäuden ist Sabine Wiethaler-Dorn aufgewachsen. Gerade saß sie noch an der Kasse im Abholmarkt, jetzt trinkt sie auf der gemütlichen Eckbank im Gastraum der Wirtschaft ein Glas Wasser. Hier ist ihre Tochter die Chefin, drüben in der Brauerei der Sohn, an den Wiethaler-Dorn 2023 übergeben hat.
Seit 1994 hatte sie die Brauerei Wiethaler geleitet, als eine von ganz wenigen Frauen in dieser Position. Heute ist sie eher Seniorchefin als Rentnerin, pflegt Kundenkontakte, hilft beim Verkauf im Laden und stellt „ihren Männern“ mittags eine Mahlzeit auf den Tisch. Es ist nicht ganz einfach, freie Termine für ein Interview in ihrem Kalender zu finden, so kurz bevor in der Region die Feuerwehrfeste beliefert werden wollen.
Die Geschichte von Sabine Wiethaler-Dorn und der Brauerei in Neunhof bei Lauf im Nürnberger Land erzählt von einem kleinen Traditionsunternehmen. Von einer leidenschaftlichen Liebe zum Handwerk. Und von Familie. Wiethaler-Dorns Vater stammte von einem Bauernhof in Niederbayern.
"Der Sohn muss in Bayern geboren werden"
Zu Kriegszeiten litt die Familie Hunger, die Kinder mussten vom Hof und aus dem Bauernsohn wurde ein Wanderbursche, der deutschlandweit von Brauerei zu Brauerei zog. In Arnsberg im Sauerland arbeitete er nach vollendeter Prüfung erstmals als Braumeister, als seine Frau schwanger wurde. „Er hat gesagt: Der Sohn muss in Bayern geboren werden.“ Sabine Wiethaler-Dorn, blonde Lockenkrone, praktische Fleecejacke, lächelt bescheiden: „Der Sohn war dann ich.“
1962 erblickte die Erstgeborene das Licht der Welt, in der Brauerei Zum Schiff im mittelfränkischen Schwabach, die ihr Vater gepachtet hatte. Ihr erstes Bier – oh, ob sie das verraten sollte? – hat sie dort probiert, da konnte sie noch gar nicht laufen.
Drei Jahre später siedelte die Familie nach Neunhof über, wo sich die seltene Gelegenheit bot, eine Brauerei zu kaufen, auch wenn die eher einer Ruine glich. Die Tradition der Brauerei in Neunhof reicht zurück bis ins Jahr 1498. Mitte der 1960er-Jahre lag der Betrieb still. Sabine Wiethaler-Dorns Mutter bekam hier noch zwei Mädchen. „Meine Schwestern waren bei der Mama oben, zu mir hat sie gesagt: Geh in die Brauerei runter, Fliesen waschen oder die Sudpfanne putzen.“ So ging das los.
„Von Anfang an“, sagt Wiethaler-Dorn, „war das auch meine Brauerei. Auch wenn es eine kleine Quetschn ist.“ Sie habe immer gern mitgeholfen, hier beim Ausschank, drüben beim Brauen. Und sie habe gesehen, mit wie viel Schweißarbeit die Eltern das Geschäft aufbauten, die Gebäude sanierten, den Namen im Ort bekannt machten. Ihre liebste Kindheitserinnerung: „Der malzige Duft im Sudhaus“, wo der Brei aus Gerstenmalz kocht, in dem sich Stärke in Zucker verwandelt. Der Anfang jedes Brauvorgangs.
Der Brauer Wiethaler hat ein Problem, dürften damals, Anfang der 1970er Jahre, viele gedacht haben. Er hatte zwar eine Brauerei, die langsam Geld abwirft, er verpachtete eine Gastwirtschaft, aber: drei Töchter, kein männlicher Nachfolger. „Ich“, sagt Sabine Wiethaler-Dorn, „war mit zehn schon überzeugt: Ich bin die Brauerin.“
Und ihr Vater? „Der hat sich gefreut.“ Niemals hätte er in Frage gestellt, dass seine Tochter auch seine Nachfolgerin werden könnte. Als ihren Seelenverwandten beschreibt Wiethaler-Dorn ihren Papa und Lehrmeister.
Erst auf der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb merkt sie, dass nicht alle da draußen so ticken. Der Meister der ersten Brauerei, bei der sie sich bewirbt, will kein Mädchen als Lehrling. „Das war ein Kulturschock für mich.“ Der Braumeister, der sie schließlich nimmt, behandelt sie nicht gut.
Foto: Sebastian Lock
Am ersten Tag schickt er seine Auszubildende mit dem großen Hochdruckreiniger zum Fliesenabwaschen, außerdem ständig in den kalten Keller. Erst als Wiethaler-Dorns Mutter droht, die Tochter nach Hause zu holen, ändert sich der Umgang. Heute glaubt Wiethaler-Dorn, das habe mehr damit zu tun gehabt, dass sie von der Konkurrenz kam.
Auch in ihrer Meisterschule war sie die einzige Frau unter 50 angehenden Brauern. Die Lehrer und Mitschüler, sagt sie, hätten sie das nie spüren lassen. Diese Gleichstellung zu erfahren, habe sie geprägt. „Nur beim Saufen konnte ich nicht so mithalten.“ Eine schöne Zeit sei das gewesen und auch eine wilde.
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An den Wochenenden fuhr sie nach Neunhof, zum Bedienen. 1985 kam sie endgültig heim. Am Anfang habe sie vor allem im Büro gearbeitet: Verwalten, Organisieren, Bestellungen, Kundenkontakte. Ihre ockergelbe Schreibmaschine war ihr größter Schatz. „Aber ich habe auch mit dem Lkw Bier ausgefahren.“
Die Arbeit ist fordernd. Früh um 4 Uhr beginnt das Filtrieren, am Abend sitzen die Gäste lang in der Stube. Bald wird sie selbst zwei Mal Mutter. „Zu den Kollegen habe ich immer gesagt: Ihr habt eine Frau zu Hause. Ich habe einen Mann, aber der arbeitet selber.“ Eine Woche Urlaub pro Jahr erlaubt sie sich und fährt im Sommer weg.
1994 übernimmt Sabine Wiethaler-Dorn die Brauerei von ihrem Vater. Vier Jahre später verstirbt er. Das nennt sie ihren schlimmsten Schicksalsschlag. Schon einen Tag später beliefert sie mit ihrem Mann ein Feuerwehrfest. „Die Show muss weitergehen. Die Leute kommen. Wir müssen schenken. Das war schlimm.“
Ihren Mann, Robert, nennt sie ihre Geheimwaffe, der Obstbäume schneiden und quasi alles reparieren kann. Ohne ihn, der heute die zur Brauerei gehörende Brennerei führt, würde es das Unternehmen nicht mehr geben. Es wäre kein Geld dagewesen um Handwerker zu bezahlen.
Traditionsunternehmen funktionieren nur auf den Schultern der Familie. Jetzt ist die nächste Generation dran. Sie habe ihre Kinder nicht gedrängt, die Brauerei weiterzuführen, aber natürlich habe der Andreas schon als Kind Flaschen in die Waschmaschine eingelegt und saß mit zwei Jahren mit dem Opa im Lkw. Wiethaler-Dorn hat es geschafft, ihre Leidenschaft für das Handwerk weiterzugeben.
Alkoholfrei überleben
Dass man mit so wenigen Zutaten, die die Natur hier zur Verfügung stellt, eine solche Fülle an Produkten herstellen könne – Helles, Dunkles, Pils, filtriert, unfiltriert, Kellerbier, Bock, Weizen und die Craftbiere – das fasziniert sie bis heute. Doch wenn man sie dann fragt, wie man das konkret schafft, als kleine Brauerei zu überleben heutzutage, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Das alkoholfreie Bier. Früher haben die Leute, wenn sie zum Essen hier waren, fünf, sechs Halbe getrunken. Das ist vorbei. Und dass wir außerdem zehn Sorten Limonade machen – das hat uns gerettet.“
Mindestens 16 Biere produziert Wiethaler, plus die saisonalen Spezialitäten. Diese Ausdifferenzierung der Sorten sei ihr Verdienst, sagt Wiethaler-Dorn. Sie sei stolz auf Investitionen, mit denen sie ihr Unternehmen zukunftsfähig machen konnte, eine Photovoltaikanlage gehört auch dazu. Das so wertvolle alkoholfreie Bier ginge allerdings aufs Konto ihres Sohnes, genauso wie die Anschaffung eines teuren automatischen Hopfengebers. Da habe sie schlucken müssen – aber jetzt ist eben ihr Sohn der Braumeister, der die Entscheidungen trifft. Heute sei sie froh um das Gerät.
Seit 2019 haben in Bayern 50 Brauereien den Betrieb aufgegeben, der Pro-Kopf-Bierverbrauch ist auf einem Tiefpunkt. Es gibt Dörfer, in denen die Brauerei eine Ruine ist, das Wirtshaus geschlossen und der Nahversorger auch. Tote Dörfer seien das, sagt Sabine Wiethaler-Dorn. „Wir machen das, um etwas zu erhalten. Für das Dorf und die Gesellschaft.“ Und auch für eine Kulturlandschaft, die hier im Nürnberger Land von Hopfen- und Gerstefeldern geprägt ist.
Die winzige Brauerei Wiethaler überlebt in einem Markt, der zunehmend von den großen Konzernen dominiert wird. „Mein Vater hat mir gesagt: Einmal Erfolg ist Zufall, zweimal Erfolg ist Glück, mehrmals Erfolg ist Fleiß und Ausdauer. Das ist der Spruch meines Lebens.“
Natürlich habe sie auf vieles verzichten müssen, es aber nie bereut: „Andere sind nach Hawaii geflogen, ich habe mir eine neue Sudpfanne gekauft.“ Vielleicht ist das noch viel mehr der Spruch ihres Lebens.
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