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Illegale Autorennen in DeutschlandMörderisch, aber nicht kriminell genug für die Statistik

Die Zahl verbotener Kfz-Rennen ist 2025 deutlich gestiegen. Genaue Daten gibt es nicht, denn die Kriminalstatistik erfasst keine Verkehrsstraftaten.

Rausch der Geschwindigkeit: tödlich, aber kriminalstatistisch nicht relevant Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Autorennen sind schnell. Illegale Autorennen sind sogar deutlich schneller, als die Polizei erlaubt. Wenn man aber wissen will, wie drängend dieses Problem in Deutschland ist, wird man ausgebremst. Denn die Daten dazu werden nicht bundesweit erfasst – auch wenn sie etwa für die Verkehrssicherheitskonferenz am Dienstag in Berlin eine wichtige Entscheidungsgrundlage sein könnten.

Der Grund dafür: „Verbotene Kraftfahrzeugrennen“ sind zwar seit 2017 ein eigener Straftatbestand. Laut Paragraf 315d des Strafgesetzbuches kann schon die bloße Teilnahme an einer solcher Raserei mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft werden, wenn das Leben eines anderen Menschen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert gefährdet sind. Und schon der Versuch ist strafbar. Werden Unbeteiligte getötet, können Fah­re­r:in­nen sogar wegen Mordes verurteilt werden – so wie kürzlich im Prozess um das Rennen in Ludwigsburg vor einem Jahr.

Doch in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) werden diese Mordrennen nicht erfasst. Dort werden nur „verkehrsfremde Eingriffe“ gezählt, erklärt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA). Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr werden von der Polizeistatistik als kriminell erfasst. Fehlverhalten im Straßenverkehr aber ist für die Polizeistatistik nicht kriminell genug – und dazu gehört neben den illegalen Rennen zum Beispiel auch Trunkenheit am Steuer. Das sei 1994 von einer Kommission der Innenministerkonferenz beschlossen worden, schreibt die BKA-Sprecherin. Und die PKS-Kommission sehe auch keinen Anlass, das zu ändern.

So bleibt nur die Abfrage der Zahlen bei allen 16 Bundesländern. Die taz fragte nach der Zahl der registrierten Rennen seit 2020. Da hierzu laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs auch die Flucht vor der Polizei gezählt werden kann, wollten wir auch wissen, wie sich dieser Bereich entwickelt hat. Zudem haben wir nach Unfällen, Verletzten und Todesopfern gefragt. Die Antworten sind vielsagend – weit über die reinen Daten hinaus.

Daten gibt es nur mit manueller Auswertung

Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums bedauert, dass er nur die Zahl der Rennen aus den letzten beiden Jahren nennen kann. Sie stieg von 555 auf 633. Ein Zuwachs von mehr als 14 Prozent. „Details ließen sich nur anhand einer manuellen Auswertung jedes einzelnen Anzeigen-Vorgangs aus der polizeilichen Vorgangsverwaltung erheben“, heißt es weiter – auch weil es sich um Verkehrsdelikte handelt, die nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden.

Der Sprecher des Innenministeriums in Rheinland-Pfalz kann eine Woche nach der taz-Anfrage zwar sagen, dass die Zahl der Rennen kontinuierlich von 288 im Jahr 2020 auf 419 im Jahr 2025 gestiegen ist. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, lasse sich aber „anhand des rheinland-pfälzischen Vorgangsbearbeitungssystems nicht valide erheben.“

Die Polizei in Bremen kann nach mehr als einer Woche nur mitteilen, dass 2023 Vorfälle „auf einem mittleren zweistelligen Niveau“, 2024 sowie 2025 hingegen „auf einem hohen zweistelligen Niveau“ registriert wurden. Ältere Zahlen lägen „aufgrund von Löschfristen in den polizeilichen Erfassungssystemen“ nicht vor.

Die Polizei in Hamburg benennt zwar einen dramatischen Zuwachs der Rennzahl von 117 im Jahr 2024 auf 186 im letzten Jahr. Weitere Details hat sie aber auch nicht, da „eine händische Einzelauswertung aller erfassten Fälle für eine journalistische Anfrage nicht leistbar ist“. Auch hier verweist der Sprecher darauf, dass verbotene Kfz-Rennen nicht Bestandteil der PKS sind.

Ähnlich ist es in Sachsen-Anhalt. Dort wurde nach Angaben einer Sprecherin des Innenministeriums „durch händische Sichtung der einzelnen Vorgänge, folglich in einem sehr aufwändigen Verfahren“ zwar ein spezielles Lagebild zu den verbotenen Rennen erstellt – aber nur für die Jahre 2020 bis 2022. Seither ist die Zahl der registrierten Straftaten zwar von 303 auf 468 im letzten Jahr um mehr als 50 Prozent gestiegen. Aber wie viele Unfälle dadurch verursacht, wie viele Menschen verletzt oder getötet wurden, bleibt unbekannt. Als Grund nennt die Sprecherin auch hier, dass eine „qualitätsgesicherte Statistik analog der polizeilichen Kriminalstatistik“ fehle.

Dass es auch anders geht, sieht man an Nordrhein-Westfalen. Christoph Wickhorst, der dortige Sprecher für Polizeiangelegenheiten beim Innenministerium brauchte nach der taz-Anfrage hingegen keine zwei Stunden, um detaillierte Zahlen aus dem größten Bundesland zu mailen. 2.384 illegale Rennen wurde dort 2025 registriert, 5 Prozent mehr als im Vorjahr, 17 Prozent mehr als 2021. Die Zahl der dadurch verursachten Unfälle sprang von 2021 bis 2025 gar um 72 Prozent auf 663.

NRW hat die Zahlen parat, weil man das Thema traditionell ernst nehme, schreibt Wickhorst. „Wir schöpfen alle rechtlichen Möglichkeiten aus.“ In den Großbehörden gebe es spezielle Teams der Verkehrsdirektion, die sich nur um das Thema kümmern.

Wo die Polizei genau hinschaut, werden Ra­se­r:in­nen ertappt

Ähnlich engagiert klingt die Antwort aus Hessen. „Geschwindigkeit ist eine der Hauptunfallursachen“, betont Adina Murrer, Sprecherin des dortigen Innenministeriums. Es gebe daher „derzeit rund 50 Beamtinnen und Beamte in sieben spezialisierten Kontrolleinheiten bzw. Kontrollgruppen“, schreibt Murrer, bevor sie die gefragten Zahlen nennt: ein Zuwachs von 155 Anzeigen wegen illegaler Rennen im Jahr 2020 auf 403 im vergangenen Jahr.

„Ein hoher Anteil der festgestellten Straftaten entstammt der damit einhergehende Spezialisierung sowie den zielgerichteten Kontrollen“, schreibt Murrer. Was zweierlei bedeutet: Wo die Polizei genau hinschaut, werden mehr Ra­se­r:in­nen ertappt. Das wiederum hat aber auch Auswirkungen auf die Statistik.

Genaueres ließe sich über die Zahl der tatsächlich durch Rennen verursachten Unfälle erschließen, weil die unabhängig von der Kontrollintensität registriert werden. Aber eine detaillierte Analyse der Unfallzahlen kann auch Hessen nicht liefern, „da der Aspekt des illegalen Kraftfahrzeugrennens in der statistischen Erfassung von Verkehrsunfällen nicht abgebildet wird.“

Dabei scheint ein genaueres Hinschauen angemessen. Elf Bundesländer konnten der taz die Zahl der Anzeigen wegen illegaler Rennen aus den Jahren 2024 und 2025 nennen: Sie stiegt dort von 6.075 auf 6.800 – ein Zuwachs um rund 12 Prozent. Allein in Nordrhein-Westfalen kamen dabei 19 Menschen ums Leben – so viel wie nie zuvor.

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9 Kommentare

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  • Auf öffentlichen Straßen sind jegliche Rennen, gerade mit dem Auto bzw Motorrad illegal und natürlich mit den gesamten Möglichkeiten des Strafrecht zu verfolgen.

    Weshalb wird einfach nicht mehr von den legalen Möglichkeiten einer Racingfahrt genutzt? Die meisten Rennstrecken in D bieten die Möglichkeit auch gegen Bezahlung mit dem Privatfahrzeuge auf abgesperrten Gelände richtig Gas zu geben.



    Seit 2021 mache ich dies ca 3 mal Jährlich, meist im Rahmen eines Wochenendausflug.



    Nach zwei Tankfüllungen bzw. 4 Stromladungen gehts wieder gemütlich nach hause

  • Hat das nicht alles mit charakterlicher Eignung der Fahrzeugführer zu tun?

  • Da muss ich ja mal sogar den sonst nur PR-versessenen Reul aus NRW mal loben!



    Autos lassen sich als potenzielle Waffen sehen, die zur Tötung seiner selbst oder anderer führen können. Sie töten auch indirekt, täglich durch die Umweltschädigung.



    Stop der indirekten und direkten Bezuschussung des Autokomplexes!

    • @Janix:

      Mich würde interessieren, wie Der Autokomplex direkt oder indirekt bezuschusst wird. Meiner Kenntnis nach sind die Einnahmen durch Maut und Steuer erheblich höher als die Ausgaben für die Infrastruktur. Und auf Herstellerseite sind die Unternehmen die größten Steuerzahler Deutschlands. Was könnte ich übersehen haben? Wo versteckt sich die Bezuschussung?

  • Passt doch ins Bild. Potenziell tödliche Autorennen werden genauso unzureichend erfasst wie das ebenfalls potenziell tödliche Parken auf Radwegen.



    Die Strasse gehört den Autofahrern..jedenfalls gebärden sie oftmals sich so.



    Kurzum: der mit der privaten Autonutzung einher gehende Umgang, ist in weiten Teilen ein *Rechtsfreier Raum*.



    Und so lange die damit korrespondierenden psychologischen Faktoren nicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden, wird sich daran auch nichts grundsätzliches ändern.







    Die Teilnehmer der jetzt anstehenden nationalen Verkehrssicherheitskonferenz (vermutlich überwiegend Autonutzer) täten also gut daran sich bei den Diskussionspunkten in *alle Perspektiven* hinein zu versetzen.

    - also sowohl in den 18 jährigen Fahranfänger, der mit seinem 560 PS SUV plötzlich über eine ungeahnte Macht verfügt, wie auch der Mutter mit Kinderwagen die zu später Stunde die Strasse überqueren will.



    - dem verzweifelt Parplatz Suchenden genau so wie dem Radfahrer, der sich gezwugen sieht in den fließenden Verkehr auszuweichen.



    - usw.







    Denn die größten Hemmnisse auf dem Weg zu echten Lösungen, sind eben allzuoft einseitige Betrachtungen.

    hoffen wir das Beste.

    • @Wunderwelt:

      Illegale Autorennen mit Parken auf dem Radweg zu vergleichen ist vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen....



      genauso wie sich die Zahl der 18 jährigen mit einem 560PS SUV in Grenzen halten dürfte....



      Ansonsten aber generell Zustimmung.

      Gruß von einem Radfahrer

  • Es ist geradezu pervers, dass Schwarzfahrer:innen unter Umständen im Gefängnis landen, während Raser (es sind ausschließlich Männer) wie der jüngst wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte, in der Regel auch nach Dutzenden Verkehrsdelikten mit zum Teil schwerverletzten Opfern auf freiem Fuß bleiben. Solcherlei zweierlei Maß der Justiz bleibt unverständlich wie auch die teilweise sehr laxe Verfolgung von rechtsradikalen Gewalttätern.

    Wann kommen endlich



    - Tempolimits, die auch kontrolliert werden



    - regelmäßige Kontrollen von zu Mordwaffen umfunktionierten Fahrzeugen und deren Einzug



    - der sofortige Entzug des Führerscheins bei gravierenden Übertretungen

    • @Schelmuffsky:

      Es wäre eigentlich noch viel einfacher: warum dürfen Hersteller Autos bauen die 200-300km/H schnell fahren obwohl man nirgendwo so schnell fahren darf?



      Einfach die Geschwindigkeit der Fahrzeuge gesetzlich begrenzen und alles andere erledigt sich von selber

    • @Schelmuffsky:

      Das frage ich mich auch immer wieder verzweifelt. Dieses Land wird seit Jahr und Tag von Auto-Ideologen beherrscht, die damit ihre sogenannte Männlichkeit teils hochaggressiv zur Schau stellen. Unter aggressiv fällt dabei auch deren verbales Gebaren, wenn es um die Umsetzung von Dingen geht, die eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung befürwortet. Das Thema ist hier ganz klar weder Freiheit noch Mobilität, sondern Macht und "Männlichkeit".