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Umfrage in fünf EU-StaatenMehrheit lehnt Patente auf Saatgut ab

Fast 90 Prozent der Deutschen sprechen sich dagegen aus, Lebewesen zu patentieren. Für Umweltschützer ist das ein Argument gegen eine EU-Gentechnik-Reform.

Gegen Gentechnik: Schon 2011 protestierten Umweltschützer und Bauern in Berlin Foto: Engelhardt/imago

Die meisten Menschen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und den Niederlanden lehnen Patente auf Saatgut ab. 75 Prozent (Niederlande) bis 86 Prozent (Deutschland) der Befragten hätten der Aussage zugestimmt, „Lebewesen (Pflanzen und Tiere) sollten aus ethischen Gründen nicht als technische Erfindungen patentiert werden“, berichtet das vom Bündnis „Keine Patente auf Saatgut!“ beauftragte Meinungsforschungsinstitut Civey.

68 Prozent (Niederlande) bis 81 Prozent (Polen) sind demnach gegen Patente auf natürlich vorkommende oder zufällig entstandene Eigenschaften von Pflanzen. 82 Prozent (Niederlande) bis 93 Prozent (Italien) seien der Ansicht, dass der Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erteilung von Patenten auf genetisch veränderte Pflanzen und bei deren Zulassung besonders berücksichtigt werden sollte.

Patentiertes Saatgut dürfen Züchter nur mit Erlaubnis der Schutzrechteinhaber weiterentwickeln. Deshalb könnten solche Pflanzen KritikerInnen zufolge langsamer an die Klimakrise angepasst werden. „Patente fördern die Marktkonzentration“, warnt Annemarie Volling, Gentechnik-Expertin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die dem Bündnis angehört.

Das Bündnis befürchtet, dass es bald noch mehr patentierte Pflanzen geben wird. Denn das EU-Parlament und der Rat der Mitgliedstaaten wollen in Kürze endgültig der Einigung auf eine Reform der Regeln für gentechnisch veränderte Pflanzen zustimmen. Sie sieht vor, die Kennzeichnungspflicht und spezielle Risikoprüfung für zahlreiche Gentechnikpflanzen in Nahrungsmitteln zu kippen. Damit könnten mehr mithilfe neuer Gentechnikmethoden (NGT) wie Crispr/Cas erzeugte Pflanzen auf den Markt gelangen. „Alle gentechnisch veränderten Pflanzen, einschließlich NGTs, werden patentiert“, so Volling.

EU kann Patente auf Pflanzen nicht allein verbieten

„Offensichtlich wurden die Interessen der Öffentlichkeit bei der Ausarbeitung des aktuellen Vorschlags für eine künftige Regulierung von NGT-Pflanzen nicht ausreichend berücksichtigt“, sagt Martha Mertens, Sprecherin des Arbeitskreises Gentechnik des Bund Naturschutz in Bayern. „Wir fordern, dass Patente auf Saatgut verboten werden oder der Vorschlag vollständig abgelehnt wird“.

Die EU-Kommission hatte die Reform damit begründet, dass sich mit der NGT die Landwirtschaft schneller an den Klimawandel anpassen lasse. Die EU-Unterhändler haben vereinbart, einen Verhaltenskodex für die Patentinhaber aufzustellen. Die verpflichtenden Regeln für die Patenterteilung kann die EU nicht allein, sondern nur gemeinsam mit den knapp 40 Vertragsstaaten des Europäischen Patentübereinkommens ändern.

Civey hat nach eigenen Angaben in jedem Land 1000 Menschen befragt. Die Daten wurden demnach Anfang März online erhoben.

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5 Kommentare

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  • "Patentiertes Saatgut dürfen Züchter nur mit Erlaubnis der Schutzrechteinhaber weiterentwickeln"



    So ein Quatsch, da haben die "KritikerInnen" offensichtlich vom Patentrecht keine Ahnung. Stark verkürzt:



    Die Offenlegung einer Erfindung (jede Patentanmeldung muss eine "vollständige Anleitung zum Handeln" enthalten) dient genau dazu, dass jede(r) sie zum Eigenbedarf (z.B. für eigene Entwicklungsarbeiten) nachbauen kann, er darf sie nur nicht vermarkten (es sei denn, er zahle dem Patentinhaber eine angemessene Lizenzgebühr [1]. Er darf sie aber weiterentwickeln und diese Weiterentwicklung dann selbst zum Patent anmelden. Wenn er sie dann allerdings vermarkten will, hat er dem Inhaber des Ursprungspatents eine angemessene Lizenzgebühr [1] zu bezahlen.



    [1] Die "angemessene Lizenzgebühr" bestimmt sich als eine angemessene Beteiligung an den Entwicklungskosten des Patentinhabers.

    • @sollndas:

      Dazu kommt noch, dass es neben dem Patent bei Pflanzenzüchtungen noch den Sortenschutz gibt - und der läuft bei einigen Arten wie z.B. Kartoffeln nochmals deutlich länger als jedes Patent. Der Artikel ist ja ausgesprochen nichtssagend in Hinsicht auf wer denn konkret befragt wurde - sollten das Züchter gewesen sein, kann da durchaus auch der Gedanke "Wir sind gegen Patente - denn sonst kommt jemand sicher auf die naheliegende Idee Patente und Sortenschutz zu vereinheitlichen, und da können wir nur verlieren" entscheidend gewesen sein.

  • Liebe TAZ, zur Einschätzung der Umfrage fehlen einige wichtige Informationen, welche die Redaktion doch sicher recherchiert hat: Wer genau wurde befragt? Sind die je 1000 Personen eine Zufallsstichprobe aus der Wohnbevölkerung? Oder stammen sie aus einem Onlinepanel? Wieviele Personen wurden kontaktiert, um auf die 1000 zu kommen (Ausschöpfungsquote). Oder handelt es sich gar um die frei zugänglichen Onlineumfragen, für die Civey früher berüchtigt war? Ich glaube auch, dass die Mehrheit der Bevölkerung gegen patentiertes Saatgut und Gentechnik im Essen ist, das entbindet aber nicht von der journalistischen Sorgfaltspflicht.

  • Wie aussagekräftig ist eine Umfrage bei 5000 Personen wenn die oben genannten Länder zusammen über 265 Millionen Einwohner haben ??



    Natürlich kann Europa das Patent, und somit auch die Erzeugung solcher Produkte, verbieten. Genauso muss dann aber auch jeglicher Import solcher Produkte, von irgendwo auf der Welt, strengstens verboten werden. Wie schnell so etwas passiert sieht man an den über 60 Tonnen mit Wachstumshormonen verseuchten Rindfleisch aus Brasilien die in diesem Jahr in die EU geliefert wurden, obwohl dies in Europa strengstens verboten ist.



    www.duh.de/presse/...umwelthilfe-warnt/

    • @Günter Witte:

      Eine solche Umfrage ist aussagekräftig, wenn die 1000 Personen pro Land jeweils eine Zufallsstichprobe der Bevölkerung sind. Wenn ich "Civey" höre, kommen starke Zweifel auf, dass das hier der Fall war.