Schießereien in Hamburg und Bremen: Politgebell ersetzt Ermittlungsarbeit
Die Polizeigewerkschaften versuchen, Großstadtschießereien politisch zu instrumentalisieren. Besser wäre es, sie erst einmal aufzuklären.
P olitische Konsequenzen zu fordern, wenn etwas vorgefallen ist, gehört sicher zur gelebten Demokratie dazu. Es ist also nicht grundböse. Aber manchmal eben doch voreilig. Solange nicht feststeht, was passiert ist, oder, um konkret zu werden, solange nicht klar ist, wie und warum es zu den gehäuften Schießereien in den Bremer Stadtteilen Walle und Huchting sowie in Hamburg-Barmbek kam, befeuern Forderungen an die jeweiligen Stadtstaatenregierungen nur Aktionismus.
Ein krasses Beispiel dafür liefert die Hamburger Gewerkschaft der Polizei. Deren Vorsitzender Lars Osburg hat sich gleich nach der in der Nacht zu Mittwoch in der Dieselstraße mit Knarren ausgetragenen Auseinandersetzung an die Öffentlichkeit gewandt. „Solche Lagen“ seien, so seine Behauptung, „längst keine Ausnahme mehr“. Das ist schon grob irreführend angesichts des im polizeilichen Lagebild verzeichneten starken Rückgangs der ohnehin sehr seltenen Delikte mit Schusswaffengebrauch.
Osburg verdreht also die Tatsachen, um Stimmung zu machen, weil er glaubt, dass sich „derzeit politische Signale abzeichnen, die auf mögliche Einsparungen bei der Polizei hindeuten“. Wer mit derart nebulösen Verdächtigungen operiert, sollte besser nicht für die Polizei arbeiten. Vielleicht findet sich für Osburg ja eine Anschlussverwertung als Drehbuchautor schlechter Vorabendkrimis. Dafür scheint es einen unstillbaren Bedarf zu geben.
Nachvollziehbarer war die Sorge seiner Kolleg*innen in Bremen, das mit gut 15.000 registrierten Straftaten pro 100.000 Einwohner*innen derzeit als deutsche Verbrechenshochburg gilt. Immerhin war es dort innerhalb nur eines Monats zu fünf Schießereien in recht weit voneinander entfernten Stadtteilen gekommen. Dabei ist ein Mensch getötet worden.
Anderswo stirbt man häufiger durch Waffen
Aus dieser Häufung auf „eine besorgniserregende Dynamik“ zu schließen, wie es die Landes-GdP tut, ist zwar methodisch nicht korrekt, aber immerhin kein Alarmismus. Nicht schaden kann auch, dass ihr Vorsitzender Nils Winter vor diesem Hintergrund eine enge Zusammenarbeit aller zuständigen Stellen fordert und darauf hinweist, „dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem darstellt“.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Wobei selbst im verrufenen Bremen die Zahl der mit Schusswaffen begangenen Taten klein ist – und ehrlicherweise über den rechtlichen Status ihrer Ballermänner eigentlich nur die Täter*innen selbst Bescheid wissen können.
Die zu ermitteln übernimmt in Bremen eine Sonderkommission. Sie sollte feststellen können, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Taten und vielleicht auch, wie sie strukturell verankert sind. Daraus lassen sich dann vielleicht auch zielgerichtete sicherheitspolitische Maßnahmen ableiten. So viel Zeit muss sein.
Denn auch wenn diverse Rankings proklamieren, Bremen sei die gefährlichste Stadt Deutschlands: Das Risiko, umgebracht zu werden, ist anderswo viel höher. Laut Bundeskriminalamt lagen da 2023 Augsburg und Coburg an der Spitze. Und 2024 war mit 18 Mord- und Totschlagsfällen auf 100.000 Einwohner Heilbronn die wahre Hauptstadt des Schreckens.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert