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Schießereien in Hamburg und BremenPolitgebell ersetzt Ermittlungsarbeit

Kommentar von

Benno Schirrmeister

Die Polizeigewerkschaften versuchen, Großstadtschießereien politisch zu instrumentalisieren. Besser wäre es, sie erst einmal aufzuklären.

Polizeieinsatz in der Bremer Neustadt am 28. März: Hier wurde durch Schüsse ein Mann verletzt Foto: Jörn Hüwecke/dpa

P olitische Konsequenzen zu fordern, wenn etwas vorgefallen ist, gehört sicher zur gelebten Demokratie dazu. Es ist also nicht grundböse. Aber manchmal eben doch voreilig. Solange nicht feststeht, was passiert ist, oder, um konkret zu werden, solange nicht klar ist, wie und warum es zu den gehäuften Schießereien in den Bremer Stadtteilen Walle und Huchting sowie in Hamburg-Barmbek kam, befeuern Forderungen an die jeweiligen Stadtstaatenregierungen nur Aktionismus.

Ein krasses Beispiel dafür liefert die Hamburger Gewerkschaft der Polizei. Deren Vorsitzender Lars Osburg hat sich gleich nach der in der Nacht zu Mittwoch in der Dieselstraße mit Knarren ausgetragenen Auseinandersetzung an die Öffentlichkeit gewandt. „Solche Lagen“ seien, so seine Behauptung, „längst keine Ausnahme mehr“. Das ist schon grob irreführend angesichts des im polizeilichen Lagebild verzeichneten starken Rückgangs der ohnehin sehr seltenen Delikte mit Schusswaffengebrauch.

Osburg verdreht also die Tatsachen, um Stimmung zu machen, weil er glaubt, dass sich „derzeit politische Signale abzeichnen, die auf mögliche Einsparungen bei der Polizei hindeuten“. Wer mit derart nebulösen Verdächtigungen operiert, sollte besser nicht für die Polizei arbeiten. Vielleicht findet sich für Osburg ja eine Anschlussverwertung als Drehbuchautor schlechter Vorabendkrimis. Dafür scheint es einen unstillbaren Bedarf zu geben.

Auch wenn viele behaupten, Bremen sei die gefährlichste Stadt Deutschlands, das Risiko, umgebracht zu werden, ist anderswo viel höher

Nachvollziehbarer war die Sorge seiner Kol­le­g*in­nen in Bremen, das mit gut 15.000 registrierten Straftaten pro 100.000 Ein­woh­ne­r*in­nen derzeit als deutsche Verbrechenshochburg gilt. Immerhin war es dort innerhalb nur eines Monats zu fünf Schießereien in recht weit voneinander entfernten Stadtteilen gekommen. Dabei ist ein Mensch getötet worden.

Anderswo stirbt man häufiger durch Waffen

Aus dieser Häufung auf „eine besorgniserregende Dynamik“ zu schließen, wie es die Landes-GdP tut, ist zwar methodisch nicht korrekt, aber immerhin kein Alarmismus. Nicht schaden kann auch, dass ihr Vorsitzender Nils Winter vor diesem Hintergrund eine enge Zusammenarbeit aller zuständigen Stellen fordert und darauf hinweist, „dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem darstellt“.

taz debatte

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Wobei selbst im verrufenen Bremen die Zahl der mit Schusswaffen begangenen Taten klein ist – und ehrlicherweise über den rechtlichen Status ihrer Ballermänner eigentlich nur die Tä­te­r*in­nen selbst Bescheid wissen können.

Die zu ermitteln übernimmt in Bremen eine Sonderkommission. Sie sollte feststellen können, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Taten und vielleicht auch, wie sie strukturell verankert sind. Daraus lassen sich dann vielleicht auch zielgerichtete sicherheitspolitische Maßnahmen ableiten. So viel Zeit muss sein.

Denn auch wenn diverse Rankings proklamieren, Bremen sei die gefährlichste Stadt Deutschlands: Das Risiko, umgebracht zu werden, ist anderswo viel höher. Laut Bundeskriminalamt lagen da 2023 Augsburg und Coburg an der Spitze. Und 2024 war mit 18 Mord- und Totschlagsfällen auf 100.000 Einwohner Heilbronn die wahre Hauptstadt des Schreckens.

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Reporter und Redakteur
Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.
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9 Kommentare

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  • „mit Knarren ausgetragene Auseinandersetzung”

    Der Ausdruck sollte ins Journalismuslexikon eingetragen werden.

    Also nur eine Fortsetzung der Auseinandersetzung mit anderen Mitteln.

    Kein Grund zur Aufregung.

    Lebe wild und gefährlich.

  • "„Solche Lagen“ seien, so seine Behauptung, „längst keine Ausnahme mehr“. Das ist schon grob irreführend ..."

    Die Statistik verzeichnet für Hamburg sehr wohl einen deutlichen Anstieg seit 2021 von 6799 auf 8998 Fälle (2024). Das ist ein Anstieg um fette 25%. de.statista.com/st...ltdelikte-hamburg/



    .



    "Solche Lagen" also Gewaltlagen haben also sehr wohl deutlich zugenommen in Hamburg. Da von einer Verdrehung der Tatsachen zu drehen sehe ich als frech an.



    .



    Mit einzelnen Brocken daraus, die zeitlich oder fachlich anders aussehen, einen Gegenbeweis gegen den Gesamttrend laufen zu lassen, ist in etwa so schlau wie mit dem Winter gegen den Klimawandel zu argumentieren.

    • @Prinz Leonce vom Königreiche Popo:

      Der Kommentar bezieht sich auf Schusswaffengewalt – ihre Statistik ist zu allgemeine Gewaltdelikten in Hamburg. Sie wechseln hier Kategorien ohne das kenntlich zu machen.

      Laut der 2025er Kriminalstatistik (PKS) ist in Hamburg die Zahl der Straftaten mit Schusswaffen zuletzt gesunken und liegt unter dem Niveau von 2018. Und es gab nur wenige Fällen mit scharfen Waffen.

      Aus der Pressemitteilung zur PKS „Gewaltkriminalität sinkt spürbar, auch deutlich weniger Straftaten mit Messern und Schusswaffen“ und „wobei nur in 16 Fällen mit einer scharfen Schusswaffe auf eine Person oder auf einen Gegenstand geschossen wurde. Im Vorjahr waren dies noch 24 Fälle.“

      www.hamburg.de/pol...istik-2025-1145346

      Sie zitieren auch „selektiv“ da sie aus dem Zeitraum von 2014-2024 den niedrigsten Stand Auswählen auch zur Corona Pandemie nehmen. Dabei war die Zahl der Gewaltdelikte von 2014 8725 Gewaltdelikte, 2015 bei 8813 und 2016 bei 8601.

      Ihre Statistik gleicht sich 2024 mit 8998 Gewaltdelikten eher wieder den Beginn an, liegt aber auch über der PKS von 2025 mit 8.514 Gewaltdelikten.

  • Das BKA hat dann offensichtlich das Memo nicht bekommen, die sprechen von steigenden Zahlen und nicht von stark sinkenden.

  • Drohungen mit Schusswaffen



    4.685 Fälle (+6,0 %)



    Schussabgaben



    4.775 Fälle (+1,9 %)

    www.bka.de/SharedD...kriminalitaet.html

    Klingt bisschen anders als dargestellt. 😬

    • @Hannes Petersen:

      Der taz Kommentar bezieht sich auf „Schießereien in Hamburg und Bremen“.

      Sie führen dagegen eine bundesweite Statistik des Bundeskriminalamt von 2024 zu Erfassungen von 2023 an, die zudem breitere Kategorien (u. a. Drohungen und Schussabgaben insgesamt) umfasst. Das ist wenig geeignet, um konkrete Aussagen zu „Schießereien“ in Hamburg und Bremen zu treffen oder damit einen aktuellen anstieg belegen zu wollen.

      Die aktuelle Hamburger PKS 2025 zeigte für Hamburg ein anderes Bild:



      „Gegenüber dem Vorjahr 2024 gesunken ist auch die Zahl der Straftaten, bei denen eine Schusswaffe eingesetzt wurde. Zuletzt waren die Zahlen seit 2020 jährlich leicht gestiegen, ohne jedoch das Niveau von 2018 (312 Taten) und den Jahren davor zu erreichen. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei Hamburg 262 Taten (-12 Prozent), wobei nur in 16 Fällen mit einer scharfen Schusswaffe auf eine Person oder einen Gegenstand geschossen wurde.“

      Vor diesem Hintergrund wirken Aussagen „solche Lagen“ seien „längst keine Ausnahme mehr“ zu Hamburg vorschnell und überzogen und der taz Kommentar Angemessen.

  • Städte-Rankings, die zur Berechnung der "Gefährlichkeit einer Stadt" einberechnen, wie oft Einwohner*innen Opfer von Online-Scams werden, kann man sowieso nicht recht ernstnehmen.

    Aber, @Benno Schirrmeister: Huchting? Aus Huchting gibt es zwar auch regelmäßig Polizeimeldungen, aber keine der fünf Schusswaffenangriffe, auf die Sie sich beziehen, fand dort statt. Ich zitiere der Einfachheit halber mal buten un binnen:

    1. März (Walle): Ein 43-Jähriger erleidet Schusswunden in beiden Beinen.



    1. März (Neustadt): Ein 42-Jähriger wird durch einen Schuss in einen Fuß verletzt.



    17. März (Neustadt): Ein 32-Jähriger stirbt an Schussverletzungen.



    28. März (Neustadt): Einem 25-Jährigen wird in beide Beine geschossen.



    31. März (Obervieland): Ein 60-Jähriger wird durch Schüsse in beide Beine verletzt.

    (www.butenunbinnen....ge-serie-100.html)

  • Das "Politgebell" war in der Causa "Ulmen" deutlich größer, einschließlich öffentlichkeitswirksamer Demonstrationen und Aufforderungen an den Bundeskanzler, er müsse sich endlich positionieren, obwohl im Grunde genommen außer einer Strafanzeige nichts vorlag, von konkreten Ermittlungsergebnissen einmal ganz zu schweigen.



    Aufforderungen zur Zurückhaltung sind mir da nicht in nennenswerter Erinnerung.

  • Wie, erst einmal aufklären und dann das Urteil abwarten?



    Da ist die TAZ sonst aber fixer.