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Irisches Aluminium für Russland„Das könnte die Ziele der Nato untergraben“

Russland ist der größte Absatzmarkt für irisches Aluminiumoxid, das für die Waffenherstellung benötigt wird. Trotzdem unterläuft Irland damit keine EU-Sanktionen.

Rotes Laterit-Gestein, eine Form von Bauxit, wie es auf Irland vorkommt; Bauxit wird zu Aluminium verarbeitet Foto: mx9uk/imago

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Istories öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Die ganze Recherche ist auf Russisch und Englisch verfügbar.

Der größte europäische Hersteller von Aluminiumoxid, einem zentralen Rohstoff für die Aluminiumverhüttung, ist in die Lieferkette der russischen Rüstungsindustrie eingebunden.

Die Lieferungen stammen aus Irland, genauer gesagt aus dem Werk Aughinish. Dieses gehört dem Unternehmen Rusal, dessen Gründer Oleg Deripaska auf den Sanktionslisten der USA und der Europäischen Union steht. Deripaska hatte bereits 2018 seinen Anteil an En+ reduziert, nachdem er von US-Sanktionen betroffen war. En+ ist die Muttergesellschaft von Rusal und zählt zu den weltweit größten Aluminiumproduzenten. Nachdem Deripaska seinen Anteil verringert hatte, wurden beide Unternehmen von den Sanktionen ausgenommen.

Aluminium ist aufgrund seiner Robustheit und Korrosionsbeständigkeit ein zentraler Werkstoff für Militärtechnik und damit für den Verteidigungssektor von großer Bedeutung. Auch die Europäische Kommission hat die Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, entsprechende Vorräte anzulegen.

Das Werk in Aughinish ist ein bedeutender Bestandteil der europäischen Industrie. Patrick O’Donovan, Minister für Medien, Kommunikation, Kultur und Sport sowie Abgeordneter des Wahlkreises Limerick, in dem das Werk liegt, erklärte gegenüber IStories: „Das Werk versorgt Europa mit bis zu 30 Prozent des Aluminiums, das für Bauwesen sowie Luftfahrt- und Automobilindustrie benötigt wird.“ Zugleich betonte er: Das Werk stehe in keinerlei Verbindung zur russischen Militärmaschinerie.

Dennoch haben sich seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine die Lieferungen von Aluminiumoxid aus diesem Werk nach Russland mehr als verdoppelt.

Keine Exportverbote für Aluminiumoxid nach Russland

Im Sommer 2023 fragte die Abgeordnete Réada Cronin während einer Parlamentsanhörung den Minister für Unternehmen, Handel und Beschäftigung, Simon Coveney, warum Russland weiterhin der größte Absatzmarkt für irisches Aluminiumoxid sei. Schließlich könne dieses im russischen Angriffskrieg verwendet werden. Der Export von Aluminiumoxid verstoße in keiner Weise gegen das geltende Sanktionsregime, erhielt Cronin als Antwort. Aluminiumoxid gilt als wichtigster Rohstoff zur Herstellung von Aluminium.

Tatsächlich bestehen in der Europäischen Union keine Exportverbote für Aluminiumoxid nach Russland. Erst im Februar 2025 untersagte die EU den Import von Aluminiumoxid aus Russland, um eine Finanzierung des Angriffskriegs zu verhindern. Für Exporte in die entgegengesetzte Richtung gelten jedoch keine entsprechenden Sanktionen.

Das Werk in Aughinish exportiert den produzierten Rohstoff weiterhin, wobei Russland der wichtigste Abnehmer bleibt. Etwa 50 Prozent der Exporte gehen an russische Rusal-Werke. Laut irischen Zollangaben belief sich der Wert des Aluminiumoxids, das 2024 aus Irland in die Werke in Krasnojarsk und Sajanogorsk geliefert wurde, auf über 400 Millionen US-Dollar.

Recherchen von IStories zufolge werden Lieferungen an russische Rüstungsunternehmen über die formal unabhängige Firma ASK abgewickelt. Zwischen 2022 und 2024 zahlte ASK mehr als 50 Milliarden Rubel für Aluminium an die Handelsvertretung von Rusal. Ein erheblicher Teil dieses Metalls wurde aus Aluminiumoxid hergestellt, das unter anderem aus dem Werk in Aughinish stammt.

ASK fungiert als Zwischenhändler und verkauft das Aluminium unter anderem an Unternehmen der russischen Rüstungsindustrie weiter. Laut Finanzdaten erhielt das Unternehmen in diesem Zeitraum rund 28,5 Milliarden Rubel aus Verträgen mit Bezug zum Verteidigungssektor – etwa ein Drittel seiner Gesamteinnahmen. Zu den Kunden zählen Hersteller von Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Komponenten für Panzer.

Alexander Danilyuk ist ehemaliger Mitarbeiter des ukrainischen Verteidigungsministeriums und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Royal United Services Institute in London. Er sagt: „Lieferungen von in der EU hergestelltem Aluminiumoxid nach Russland könnten die erklärten Ziele der Nato untergraben: die Ukraine zu unterstützen und Russland in Schach zu halten.“ Selbst wenn diese Lieferungen formal legal seien, offenbarten sie Lücken in der europäischen Sanktionspolitik.

Eine Einschränkung der Tätigkeit von Rusal könnte laut Danilyuk weitreichende Folgen für die Herstellung von Hightechwaffen in Russland haben: „Das Unternehmen spielt eine so wichtige Rolle in der russischen Rüstungsproduktion, dass Einschränkungen potenziell zu einem Mangel an Aluminium und entsprechenden Legierungen führen könnten.“

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3 Kommentare

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  • Was sagt uns das? Richtig! Hehre Werte -vor allem die westlichen, christlichen- sind gut und wichtig, jedoch verzichtbar, wenn sie das Profitmachen erschweren. So einfach ist das.

  • Daran sieht man doch, wie irrsinnig die ganzen Sanktionen sind.



    Wir hätten in Deutschland keine Wirtschaftskrise, wenn weiterhin Gas aus Russland nach Deutschland geflossen wäre.



    Mit dem Geld das in Deutschland verdient wird, werden fast alle anderen EU-Länder ausgehalten.



    Und eines dieser Nehmer-Länder verdient sich eine goldenen Nase mit dem Import von Kriegsgütern nach Russland.

    Danke für den Bericht.



    Es wundert mich nicht, daß der Rest der Presse das nicht meldet.

    • @Don Geraldo:

      Für das "Aushalten" anderer Länder mit dem "deutschen" Geld hätten wir gerne mal ein paar Belege. Kommt das noch?