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Hamburger Uni bleibt exzellentDie Spitze glänzt, die Basis erodiert

Kommentar von

Robert Matthies

Die Uni Hamburg bleibt Exzellenzuniversität und bekommt Millionenförderung. Aber hinter der Erfolgsmeldung verbirgt sich eine strukturelle Krise.

Neu ist das Problem nicht: Protestbanner 2014 im Audimax der Hamburger Uni Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

D ie Entscheidung der Exzellenzkommission vom Mittwoch ist für die Universität Hamburg (UHH) ein großer Erfolg. In einem hochkompetitiven Verfahren haben 39 internationale Ex­per­t:in­nen sowie die Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern den Status der Uni als Exzellenzuniversität bis 2033 bestätigt.

Als einzige Hochschule im Norden bleibt sie damit in der Spitzengruppe von bundesweit derzeit elf geförderten Einrichtungen. Bis zu 15 Millionen Euro fließen nun sieben Jahre lang zusätzlich, um die „Twin Transformation“ – also die strategische Verknüpfung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung – voranzutreiben.

Aber hinter der Erfolgsmeldung verbirgt sich eine strukturelle Krise. Das Problem liegt in der Logik der Förderung. Die Exzellenzmillionen sind strikt zweckgebunden für neue, innovative Forschungsprojekte, strategische Forschung, Strukturen und Profilbildung. Sie sind das Schaufenster der Uni, dürfen aber ausdrücklich nicht genutzt werden, um Löcher im regulären Haushalt zu stopfen. Während die Spitze glänzt, erodiert die Basis.

Steigende Energiekosten, Inflation und zusätzliche strukturelle Ausgaben setzen die Finanzen der Uni zunehmend unter Druck. Bereits 2025 musste die Universitätsleitung zusätzliche Mehrkosten von rund 17,6 Millionen Euro jährlich ausgleichen, nachdem die Rücklagen weitgehend aufgebraucht waren.

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Um diese Lücke zu schließen, wurden alle Fakultäten verpflichtet, Einsparungen vorzunehmen. Die UHH ist in der absurden Lage, offiziell zur Weltspitze zu gehören, während sie im Alltag den Rotstift bei Tutorien, studentischen Hilfskräften und der Bibliotheksausstattung ansetzen muss.

Zwei-Klassen-Wissenschaft

Das führt zur Entstehung einer Zwei-Klassen-Wissenschaft. Auf der einen Seite stehen die hochfinanzierten Exzellenzcluster in der Astrophysik oder Klimaforschung, auf der anderen die chronisch unterfinanzierte Massenausbildung und weite Teile der Geistes- und Sozialwissenschaften. Dort schrumpft das Lehrangebot, Seminare sind überbelegt und Öffnungszeiten werden gekürzt. Der Senat feiert die UHH als „Flagship University“, aber die Exzellenz der Forschung wird mit einem deutlichen Qualitätsverlust in der Breite erkauft.

Hinzu kommt die personelle Prekarität, die durch diese Logik zementiert wird. Dass rund 85 Prozent des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur nur befristete Verträge haben, ist kein Zufall, sondern Teil des Systems. Wer Spitzenforschung primär über zeitlich begrenzte Drittmittel finanziert, produziert eine Wissenschaft auf Zeit.

Die Initiative #IchBinHanna macht hier völlig zu Recht auf einen Konstruktionsfehler aufmerksam: Nachhaltige Wissenschaft braucht Planungssicherheit. Die im Programm vorgesehenen Tenure-Track-Modelle – ein Verfahren, das nach einer Bewährungsphase den direkten Übergang in eine Dauerprofessur vorsieht – erreichen bisher aber nur eine kleine Elite, während die Masse der Forschenden in kurzen Projektzyklen verharrt.

Exzellenz ist kein Selbstzweck

Was kann man tun? Der Hamburger Senat muss anerkennen, dass Exzellenzförderung kein Ersatz für eine solide Grundfinanzierung ist. Die 15 Millionen Euro sind ein Bonus für die Kür, aber keine Entlastung für die Pflicht des Landeshaushalts.

Der Senat müsste die Grundfinanzierung der Uni jedes Jahr automatisch so stark erhöhen, dass die Inflation die Forschung nicht auffrisst. Zudem müsste sich ein einfaches Prinzip durchsetzen: Wer dauerhaft lehrt oder verwaltet, braucht auch einen unbefristeten Vertrag statt ständiger Kettenbefristungen.

Exzellenz ist kein Selbstzweck. Sie ist nur dann wertvoll, wenn sie die ganze Institution mitnimmt und nicht als Elitenprojekt isoliert bleibt. Wenn die Uni Hamburg wirklich ein „Flagship“ sein will, muss sie beweisen, dass sie Spitzenforschung und eine würdige Grundausbildung zugleich leisten kann. Ohne eine finanzielle Kurskorrektur des Senats bleibt der Exzellenztitel nur ein glänzendes Etikett auf einer Institution im Notbetrieb.

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Redakteur taz nord
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4 Kommentare

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  • Bei den Milliarden die für Schwachsinn verpulvert oder an Steuern verschenkt und hinterzogen werden dann noch ein paar Millionen an große Unis zu vergeben, die für die Bewerbung dann noch einen großen Aufwand treiben müssen ist doch ohnehin Unfug. Angesichts der seit Jahren laufenden Einsparungen der Länder werden damit höchstens Löcher gestopft.

  • Exzellenz braucht auch eine Basis, denn woher sollen denn die neuen Doktoranden usw kommen? Was die Dauerstellen und Professuren angeht, da empfehle ich einen Blick auf das System in England, USA usw wo es nicht nur Professoren sondern auch Lecturer, Senior Lecturer / associate Professors gibt die alle selbstständig arbeiten (d.h. ohne den Professor) was den Nachwuchswissenschaftlern Sicherheit und Aufsteigschancen gibt. Aber dieser Teil des angelsächsischen Systems wurde bei der Einführung von Bachelor und Master komplett ausgeblendet, warum wohl nur ?? Und, natürlich müsste mehr Geld für den Betrieb der Unis vorhanden sein, aber das wird für andere, anscheinend wichtigere Zwecke ausgegeben. Wenn ich zynisch wäre würde ich die Radwege in Peru oder vorgestern die 20 oder so Patriots für UA nennen (eine Patriot kostet 3 bis 9 Mio, 2-3 also genausoviel wie die Uni für Exzellenz bekommt). Soviel zu den ständigen Beteuerungen der Politik sich für Bildung und Forschung einzusetzen. Und das ist in Niedersachsen genausoschlimm wie in Hamburg, Bayern soll etwas besser sein. Ich höre da absolut nichts von Merz oder der Bidungsministerin deren Name mir entfallen ist.

  • Schwierig. Exzellenz und Basis sind halt zwei verschiedene paar Schuhe. Interessant ist, dass man mit der Basis halt nie exzellent wird. Reicht dass um das eine oder andere in Frage stellen?

    Zum Beispiel die These "Nachhaltige Wissenschaft braucht Planungssicherheit." Die Exzellenzausrichtungen variieren, dass lässt sich nicht auf 40 Jahre verdauern. Aus den Exzellenzzentren gehen sehr gute WissenschaftlerInnen hervor, die dann - hoffentlich - an anderen Orten ihre Dauerposition finden.

    "...braucht auch einen unbefristeten Vertrag statt ständiger Kettenbefristungen" - da wird längst, soweit möglich, gegengesteuert. Aber nicht in dem Sinne von "wirsindHanna". Im regulären Unibetrieb werden diese Qualifikatonsstellen zurückgebaut (Sparmassnahmen..) und die Uni-Leitungen fordern, die durch sogenannte Drittmittelprojektstellen zu ersetzen. Erhöht den Druck für alle und sind noch strenger terminiert, da keine Verhandlung zur Verlängerung möglich ist.

  • Alle Unis in den großen Ballungsräumen sollten umgezogen werden in Ortschaften die vom Wegzug der Jugend besonders stark betroffen sind und in denen es günstige Mieten gibt. Das würde den Wohnungsmarkt in den Großstädten entlasten und der Peripherie eine Blutaufrischungskur bescheren. Gleichzeitig könnte man die AfD in Ihren Hochburgen direkt angreifen mit einer Vielzahl potentiell progressiver Wähler.



    Aktuell studieren an den Unis mit den günstigen Lebenshaltungskosten in der ostdeutschen Provinz beisipielsweise bis zu 60% Studierende aus dem Ausland. Der Nachwuchs der deutschen Akademiker dagegen drängt an die großen und renommierten Unis in den Großstädten und belastet dort den angespannten Mietmarkt. Da könnte man ja bei der Baföggewährung mit Sonderkonditionen mal etwas gegensteuern.