Hamburger Uni bleibt exzellent: Die Spitze glänzt, die Basis erodiert
Die Uni Hamburg bleibt Exzellenzuniversität und bekommt Millionenförderung. Aber hinter der Erfolgsmeldung verbirgt sich eine strukturelle Krise.
D ie Entscheidung der Exzellenzkommission vom Mittwoch ist für die Universität Hamburg (UHH) ein großer Erfolg. In einem hochkompetitiven Verfahren haben 39 internationale Expert:innen sowie die Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern den Status der Uni als Exzellenzuniversität bis 2033 bestätigt.
Als einzige Hochschule im Norden bleibt sie damit in der Spitzengruppe von bundesweit derzeit elf geförderten Einrichtungen. Bis zu 15 Millionen Euro fließen nun sieben Jahre lang zusätzlich, um die „Twin Transformation“ – also die strategische Verknüpfung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung – voranzutreiben.
Aber hinter der Erfolgsmeldung verbirgt sich eine strukturelle Krise. Das Problem liegt in der Logik der Förderung. Die Exzellenzmillionen sind strikt zweckgebunden für neue, innovative Forschungsprojekte, strategische Forschung, Strukturen und Profilbildung. Sie sind das Schaufenster der Uni, dürfen aber ausdrücklich nicht genutzt werden, um Löcher im regulären Haushalt zu stopfen. Während die Spitze glänzt, erodiert die Basis.
Steigende Energiekosten, Inflation und zusätzliche strukturelle Ausgaben setzen die Finanzen der Uni zunehmend unter Druck. Bereits 2025 musste die Universitätsleitung zusätzliche Mehrkosten von rund 17,6 Millionen Euro jährlich ausgleichen, nachdem die Rücklagen weitgehend aufgebraucht waren.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.
Um diese Lücke zu schließen, wurden alle Fakultäten verpflichtet, Einsparungen vorzunehmen. Die UHH ist in der absurden Lage, offiziell zur Weltspitze zu gehören, während sie im Alltag den Rotstift bei Tutorien, studentischen Hilfskräften und der Bibliotheksausstattung ansetzen muss.
Zwei-Klassen-Wissenschaft
Das führt zur Entstehung einer Zwei-Klassen-Wissenschaft. Auf der einen Seite stehen die hochfinanzierten Exzellenzcluster in der Astrophysik oder Klimaforschung, auf der anderen die chronisch unterfinanzierte Massenausbildung und weite Teile der Geistes- und Sozialwissenschaften. Dort schrumpft das Lehrangebot, Seminare sind überbelegt und Öffnungszeiten werden gekürzt. Der Senat feiert die UHH als „Flagship University“, aber die Exzellenz der Forschung wird mit einem deutlichen Qualitätsverlust in der Breite erkauft.
Hinzu kommt die personelle Prekarität, die durch diese Logik zementiert wird. Dass rund 85 Prozent des wissenschaftlichen Personals unterhalb der Professur nur befristete Verträge haben, ist kein Zufall, sondern Teil des Systems. Wer Spitzenforschung primär über zeitlich begrenzte Drittmittel finanziert, produziert eine Wissenschaft auf Zeit.
Die Initiative #IchBinHanna macht hier völlig zu Recht auf einen Konstruktionsfehler aufmerksam: Nachhaltige Wissenschaft braucht Planungssicherheit. Die im Programm vorgesehenen Tenure-Track-Modelle – ein Verfahren, das nach einer Bewährungsphase den direkten Übergang in eine Dauerprofessur vorsieht – erreichen bisher aber nur eine kleine Elite, während die Masse der Forschenden in kurzen Projektzyklen verharrt.
Exzellenz ist kein Selbstzweck
Was kann man tun? Der Hamburger Senat muss anerkennen, dass Exzellenzförderung kein Ersatz für eine solide Grundfinanzierung ist. Die 15 Millionen Euro sind ein Bonus für die Kür, aber keine Entlastung für die Pflicht des Landeshaushalts.
Der Senat müsste die Grundfinanzierung der Uni jedes Jahr automatisch so stark erhöhen, dass die Inflation die Forschung nicht auffrisst. Zudem müsste sich ein einfaches Prinzip durchsetzen: Wer dauerhaft lehrt oder verwaltet, braucht auch einen unbefristeten Vertrag statt ständiger Kettenbefristungen.
Exzellenz ist kein Selbstzweck. Sie ist nur dann wertvoll, wenn sie die ganze Institution mitnimmt und nicht als Elitenprojekt isoliert bleibt. Wenn die Uni Hamburg wirklich ein „Flagship“ sein will, muss sie beweisen, dass sie Spitzenforschung und eine würdige Grundausbildung zugleich leisten kann. Ohne eine finanzielle Kurskorrektur des Senats bleibt der Exzellenztitel nur ein glänzendes Etikett auf einer Institution im Notbetrieb.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert