Ausstellung von Harald Duwe in Kiel: Desillusionierter Klassiker
Er blieb gegenständlich, als alle abstrakt malten, und möchte nicht entschlüsselt werden müssen: Harald Duwe wird nach langem in Kiel ausgestellt.
Selbstbezahlkasse? Wo man das, was man benötigt, etwa einen Liter Milch, ein Bündel Brot oder Kaffeefiltertüten auf eine Glasplatte legt, dann piept es kurz, eine Summe wird genannt, man schiebt eine Plastikkarte in einen Schlitz. Kontaktloses Bezahlen das Versprechen – und das war’s?
Harald Duwe hat sich nicht ausmalen können, dass die Wirklichkeit die Fantasie schlägt, als er 1976 sein Bild „Supermarkt“ konzipierte und dann auch malte: An zwei Supermarktkassen warten dichtgedrängt die Kunden, man ist sich gezwungenermaßen nahe, geduldig zählt die Kassiererin die Münzen. Auch sich selbst hat Duwe zwischen die Wartenden gemalt: gräulich die Haut, das Haar angeklatscht und von Gesamteindruck wie -ausdruck recht desillusioniert. Und über ihm baumelt ein Schild wie ein Plakat wie ein Slogan – oder eine Warnung: „KAUFEN IST LEBEN“.
Es ist ein Gemälde, das den Duwe-Sound auf den Punkt bringt. Normalerweise ist es zu sehen als Kunst am Bau in der Aula eines Gymnasiums in Kiel-Mettenhof. Derzeit aber Teil einer großen Duwe-Ausstellung in der Kieler Stadtgalerie: demonstrativ-malerische Konsumkritik als Gesellschaftskritik und das auf hohem handwerklichem Niveau. Unverspielt, unverschlossen; nicht nötig, das Bild zu dechiffrieren. Kurzum: Malen, was ist.
Jahrzehntelang nicht mehr gezeigt
100 Jahre wäre Harald Duwe im Januar alt geworden; Nordlicht, umtriebiger Kunstdozent in Kiel, 1981 ausgezeichnet mit dem Kulturpreis der Stadt, mehr geht ja kaum im nördlichsten Bundesland. „Die Verbindung des Künstlers mit Schleswig-Holstein und der Bezug zu Kiel sind nicht nur biografisch“, lässt die Stadtgalerie wissen, „Duwe macht sie insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren auch explizit zum Bildgegenstand.“
Und zugleich gab es in der Stadt seit nunmehr 40 Jahren keine ihm gewidmete Ausstellung mehr. Oder wie es Sönke Kniphals auf den Punkt bringt, Kurator der Stadtgalerie: „Als Duwe 1984 stirbt, wird Mark Zuckerberg geboren.“ Da gilt es eine Verbindung aufzubauen, ins Heute, ohne abzugleiten in ein müdes „Hat uns Harald Duwe noch etwas zu sagen?“
Und da geht es in die Kunstgeschichte der sich gründenden Bundesrepublik. Der muss sich Duwe, Jahrgang 1924 und noch zum Luftwaffensoldaten ausgebildet, als junger Mann stellen. Tut's – und bezieht ohne Zögern Position. Er wartet noch auf den Beginn seines Kunststudiums, das er im Winter 1945 am Hamburger Lerchenfeld aufnehmen wird, da beginnt er mit „Nachkriegszeit“, ein wuchtiges Bild: eine diffuse, nicht zu fassende Menschengruppe vor grauen Häuserwänden, von wenigen Uniformierten bewacht oder beaufsichtigt. Sind wir schon in der Gegenwart oder noch in der Vergangenheit? Und warum gleicht sich beides so sehr?
„Human Behaviour. Harald Duwe from a comparative point of view“. Stadtgalerie Kiel, bis 24. Mai
Duwe will bewusst ein Maler klassischer Schule werden, während sich seine Altersgenossen:innen als Reaktion auf die Vereinnahmung der figurativen Malerei durch zwölf Jahre NS-Kunst mit Verve in die Abstraktion flüchten; ins Informel, später in die Pop Art. Nie wieder will man etwas zu tun haben mit interpretierbaren Körpern und Körperhaltungen. Mit erkennbaren Gesten, eindeutigen Gesichtsausdrucken.
Furchtlos figürlich
Duwe aber geht es gerade um erkennbare Bilderwelten. Ihn interessiert nicht der Bruch mit dem Figürlichen, da ist er furchtlos. Und es geht ihm entsprechend auch um einen Platz innerhalb einer unbedingt weiterzuführenden abendländisch-aufklärerischen Tradition, um die Aneignung akademischen Wissens. „Von den Künstlern der sogenannten ‚klassischen Moderne‘ interessierte ihn eigentlich nur Max Beckmann wirklich“, schrieb 1994 Jens-Christian Jensen anlässlich einer Ausstellung zu Duwes zehntem Todestag. „In der Gegenwart war er wohl von Francis Bacon früh beeindruckt.“
Ausführlich arbeitet Duwe sich an Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“ ab, initiiert durch ein Stipendium 1966 in Paris; akribisch wertete er Vorzeichnungen und Studien des Franzosen aus. Als Ergebnis schaut man nun auf seine „Fördeszene III“ von 1981: eine Gruppe ertrinkender Badender auf einer orangen Rettungsinsel, im Hintergrund erheben sich die Kräne der damals größten deutschen Werft HDW, einst Garant für die Idee von ewig wirtschaftlichem Wachstum. Ein dort gebautes U-Boot zieht vorbei.
Grundlegenden Duwe-Arbeiten stellt die Stadtgalerie gekonnt, aber nicht aufdringlich verwandte Positionen gegenüber. Nicht um Konfrontation geht es, sondern um Korrespondenz. Die stellt sich sogleich her, treffen etwa Duwes mal dralle, mal hagere Menschenkörper auf die nüchternen, kühlen, meist menschenleeren Alltagsaufnahmen des Kieler Fotografen Joachim Thode, der sich einst in den Kieler Randbezirken umgeschaut hat.
Oder wenn – um in die Gegenwart zu springen – uns Oska Gutheils farbexplosive Figuren-Gruppen begegnen, etwa Donald Trump als poppig-bunter Rattenfänger. Oder die Gemeinschaft kunstliebender Feiernder, herzhaft essend und trinkend, während im Hintergrund Picassos „Guernica“ um Aufmerksamkeit bittet. Ja, so könnte Harald Duwe heute gemalt haben.
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