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Deutsche ErinnerungspolitikDie große Heuchelei

Die Erinnerungskultur in diesem Land wird genau durch jene zerstört, die vorgeben, sie zu verteidigen: die politische Kaste der Scheinheiligen.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) besucht den von Israel kontrollierten Teil des Gazastreifens Foto: Xander Heinl/Deutscher Bundestag/dpa

W eil ich der Erinnerungskultur seit jeher eng verbunden bin, neige ich dazu, sie trotz mancher Verunstaltungen zu verteidigen. Zuletzt hat sich in mir indes ein wachsender Widerwille aufgebaut, ein Widerwille gegen die flagrante Heuchelei, die sich vor allem in der politischen Klasse ausbreitet und das Gedenken von innen her moralisch zersetzt.

Nehmen wir Julia Klöckner, immerhin mit dem zweithöchsten Rang im Staate ausgestattet. Als Präsidentin des Bundestags gab sie zum Holocaust-Gedenktag zunächst einen Erinnerungsbefehl für Migranten aus, um dann mit einer Spritztour in den Gazastreifen ihre Empathielosigkeit zur Schau zu stellen. Beide Ereignisse verdienen es, festgehalten zu werden, denn sie verkörpern sowohl einzeln wie in Kombination, was an der offiziellen Erinnerungskultur – im Wortsinn – abstoßend geworden ist.

Im Bundestag sagte Klöckner an jene gewandt, deren Familien erst Jahre nach den NS-Massenmorden kamen: „Wenn es dein Land sein soll, dann ist es auch deine Geschichte!“ (Beifall im Saal.) Als hätte es alle Forschung zum diversen Erinnern in Einwanderungsgesellschaften nicht gegeben. Wer sich ernsthaft mit der Zukunft des Gedenkens befasst, weiß, wie schädlich Klöckners Kommando-Ton ist, zumal er rassistisch unterlegt war: „Die Sonnenallee“, billiger geht es kaum, als Hauptfeind der Shoah-Erinnerung. Danach dann der perfekt geschminkte Blick auf die Leidensstätte des Gazastreifens. 20.000 tote Kinder? Genozid? Deutsche Mitschuld? Die Katholikin wusch ihre Hände ostentativ in Unschuld.

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Wie soll sich, wer in Gaza Angehörige verlor, von einer Demokratie oder einer Erinnerungskultur, die Klöckner zu repräsentieren behauptet, vertreten fühlen? Wie diese Kälte, diese Ignoranz ertragen?

Die neue Scham des Deutschseins

Es gab eine Zeit, als manche meiner Generation bei Auslandsreisen versuchten, ihr Deutschsein zu verbergen. Zur alten Scham gesellt sich heute eine neue: über den Mangel an Anstand, die Scheinheiligkeit und die Zensurwut im offiziellen Gedenk-Deutschland. Was schmerzhafte Selbstbefragung sein sollte, wurde zur herrischen Geste.

Die Scheinheiligen von heute haben wenig bis nichts beigetragen, als es galt, Opfer-Anerkennung und Entschädigungen gegen viel Widerstand zu erkämpfen. Nun maßen sie sich an, sogar über jene zu Gericht zu sitzen, die an der Basis das Erinnern wachhalten. Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe machen, die ermordeten Juden/Jüdinnen ihrer Stadt dem Vergessen zu entreißen, werden von einem hochmütigen Antisemitismus-Wächter zur Rede gestellt, sobald sie etwa das Canceln einer propalästinensischen Rednerin kritisieren.

Man kann selbstverständlich in der Holocaust-Erinnerung aktiv sein und zugleich mit Entsetzen auf Israels Völkerrechtsverbrechen reagieren – dass beides nicht zusammengehe, zählt zu den dreisten Lügen, die das Klima der Scheinheiligkeit nähren.

Schüler und Schülerinnen lassen sich Empathie für Gaza nicht verbieten und sprechen über Israel und Palästina anders, als es ihren ängstlichen Schulleitungen lieb ist. In vielen Einrichtungen gibt es zwei Diskurse, einen offiziellen und einen inoffiziellen – wie in der DDR, sagte mir neulich jemand.

Die Heuchler und die Pseudo-Helden

Zum Thema Heuchler hält der Duden verwandte Begriffe bereit: Frömmler, Duckmäuser, Schmeichler. Manche Sekundanten der Staatsraison mag man darin wiedererkennen. Neu ist die Kategorie der Krypto-Kritischen: Ihr Dissens bleibt strikt vertraulich, zumal wenn sie dem Bundestag angehören, denn nichts fürchten sie mehr, als von Bild filetiert zu werden. Manche schützen sich öffentlich mit dem Aufsagen von Glaubenssätzen („Man darf den Holocaust nicht vergleichen!“), an die sie bei Nachfrage selbst nicht glauben.

Und dann die Pseudo-Heroischen (ein Begriff von Per Leo): Sie werfen sich als Beschützer jüdischen Lebens in die Brust, ohne zu realisieren, was sie selbst zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen. Etwa Uwe Becker, hessischer Antisemitismusbeauftragter, von dem es heißt, er setze seine Kippa bereits zum Zähneputzen auf. Becker will den Verein „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ verbieten lassen, wegen „antisemitischer Hetze“. Im Namen des Shoah-Gedenkens wird sortiert, welches jüdische Leben keineswegs schützenswert ist.

Zur Heuchelei gehört, dass Antisemitisches in der Dominanzkultur kaum ein Karrierekiller ist. Die „Stefan Raab Show“ hängte der Familie Ofarim ein jüdisches „Betrüger-Gen“ an, am Holocaust-Gedenktag? Mit einer flotten Entschuldigung ist es getan. Oder die Fördergelder des Berliner Senats für eine Frau, die Hass auf prominente liberale Juden predigt? Dumm gelaufen. Und gewiss hat die hoch subventionierte Deutsch-Israelische Gesellschaft keinen Mittelentzug zu fürchten, nur weil diese Mittel von einem verurteilten Sexualstraftäter gehütet wurden. Beim eifrigen Durchleuchten der Biografien politischer Gegner war eben einfach keine Zeit, in die eigenen Reihen zu leuchten.

Es ist Zeit, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen von jenen, die das Erinnern in die Korridore der Macht und des Eigennutzes entführt haben

Bei meinen Vorträgen treffe ich landauf, landab auf Menschen, die längst eine andere Gedenkkultur praktizieren, sensibel, inklusiv und engagiert antifaschistisch. Doch oft scheuen sie davor zurück, die Heuchelei, die auch bei kommunalen Honoratioren floriert, beim Namen zu nennen. Es ist Zeit, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen von jenen, die das Erinnern in die Korridore der Macht, der Kälte und des Eigennutzes entführt haben.

„Unsere Geschichte“, sagt Kanzler Friedrich Merz, verlange jetzt einen deutschen Führungsanspruch in Europa. Militärische Stärke statt Moralismus! Weniger humanitäre Visa, weniger Asylbewerber, weniger Entwicklungshilfe. Früher war die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit eine Wegmarkierung zu einer humaneren, feinfühligeren Gesellschaft – so jedenfalls die Hoffnung. Nun steht auf der Wegmarke: Hier geht’s zum neuen deutschen Autoritarismus. Das darf und das wird nicht das letzte Wort sein.

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