Pro & Contra AfD als Oppositionsführerin

Zu viele Privilegien für die AfD?

Wenn die SPD doch mit der Union koaliert, wäre die AfD die größte Oppositionspartei im Bundestag. Ist das ein Problem?

Abgeordnete der AfD heben die Hand

Einmal bitte den Höcke-Gruß machen: AfDler im Bundestag Foto: dpa

JA

Zwei Politiker fielen nach der Bundestagswahl mit großspurigen Ankündigungen auf: „Wir werden sie jagen“, rief Alexander Gauland. „Wir sind das Bollwerk der Demokratie in diesem Land“, tönte Martin Schulz, um den Gang der SPD in die Opposition zu begründen. Gauland kann seine Ansage bald unter Beweis stellen – als stärkste Opposition in einer GroKo 2.0. Das mit dem Bollwerk kann Schulz dann begraben. Selbst bei einer SPD-tolerierten Minderheitsregierung wird die AfD künftig Oppositionsführerin im Bundestag sein, mit Alice Weidel und Gauland an der Spitze.

Zwar gibt es keine offizielle Oppositionsführerschaft im Bundestag. Der oder die Vorsitzende der stärksten Oppositionsfraktion ist nicht zu vergleichen mit dem machtvollen minority leader im US-Kongress – dort wird per Mehrheitswahlrecht gewählt, was zwei starke Fraktionen ergibt.

Aber die AfD wird informelle Privilegien genießen. Gauland oder Weidel werden bei Regierungserklärungen direkt auf Angela Merkel antworten können, und die brave „Tagesschau“ wird die Rangfolge formal korrekt abarbeiten. Regierungserklärung Merkel, Antwort Gregor Gysi (später Sahra Wagenknecht) und dann noch ein paar Sekunden Hofreiter oder Göring-Eckardt von den Grünen.

Von diesem Drehbuch hat die Linkspartei in den letzten vier Jahren profitiert. Der AfD wird auch der Vorsitz des Haushaltsausschusses zustehen. Ein nicht unwichtiger Posten: Ein/e geschickte/r Vorsitzende/r kann Einfluss auf die Tagesordnung nehmen und sich als oberste/r Haushaltshüter/in profilieren.

Versäumnisse der Politik haben die AfD groß gemacht. Die Unfähigkeit der Jamaika-Parteien, sich zu einigen, und der traditionelle Hang der SPD, einzuknicken, werden sie noch größer machen. GUNNAR HINCK

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NEIN

Ein kurzer Ausblick auf das Jahr 2020: Die Bundespräsidentin heißt Erika Steinbach, die ARD ist abgewickelt, die Tüte Milch kostet eine D-Mark. All das nur, weil die SPD Anfang 2018 in die Große Koalition ging und damit die AfD zur größten Oppositionspartei machte. Klingt etwas steil? Ist es auch.

Der Titel des Oppositionsführers brächte den 92 AfD-Abgeordneten keinen praktischen Nutzen. Ihre Fraktion bekäme den Vorsitz des Haushaltsausschusses? Herzlichen Glückwunsch. Aber wer weiß schon, welche Abgeordnete der Linkspartei das Gremium in den letzten vier Jahren leitete? Und welche haushaltspolitischen Pläne der Großen Koalition konnte sie verhindern? Natürlich keine. Auch im Haushaltsausschuss entscheidet die Mehrheit, nicht die Vorsitzende.

Etwas mehr Prominenz bringt die Sache mit dem Rederecht: Bei Regierungserklärungen darf die stärkste Oppositionspartei direkt auf die Kanzlerin antworten. Aber wer das für entscheidend hält, hat ein veraltetes Bild von Öffentlichkeit: Nur eine Handvoll Nerds schaut sich Plenardebatten in voller Länge an. Für den Rest ist der „Tagesschau“-Bericht am Abend längst nicht mehr die einzige Quelle.

Die AfD erreicht ihre Anhänger über Facebook, die Reden ihrer Abgeordneten werden dort hunderttausendfach geklickt – unabhängig davon, ob sie im Bundestag als Erstes oder als Letztes drankamen. Abgesehen davon hat sich der Großteil der politischen Debatte längst in die TV-Talkshows verlagert. Um dorthin eingeladen zu werden, musste die AfD nicht mal im Bundestag sitzen.

Ein Vorteil wäre die Groko für die AfD also nicht. Eher ein Nachteil: Sie wäre in dieser Konstellation nicht die einzige Partei im Bundestag, die die Regierung von rechts kritisiert. Diese Rolle müsste sie sich dann mit der FDP teilen. TOBIAS SCHULZE

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Geboren 1988, arbeitet seit 2013 für die taz. Leitet das Ressort Inland und schreibt unter anderem über deutsche Außen- und Verteidigungspolitik. Hat davor Politikwissenschaft studiert und an der Deutschen Journalistenschule gelernt.

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