Kommentar Steinbrücks SPD-Hass-Liebe

Was für ein Angeber

Peer Steinbrück kommt in Fahrt, wenn er die SPD schmähen darf. Hört er sich einfach gerne reden oder ist das Promotion für seine Comedy-Karriere?

Porträt Peer Steinbrück

Hat noch keine Lust auf Rente: Peer Steinbrück Foto: dpa

Die SPD hatte stets ein gespanntes Verhältnis zu Leuten, die nicht ihrem kleinbürgerlichen Kernmilieu entstammten. Der Konflikt zwischen der Partei und Figuren wie Helmut Schmidt oder Klaus von Dohnanyi war oft anstrengend, aber auch produktiv.

Zu diesem Typus zählt auch Peer Steinbrück, Exministerpräsident, Exminister, Exkanzlerkandidat. Nach längerem Schweigen hat der nun seiner Partei in Interviews mit den Zeitungen FAS und BamS ein paar Ratschläge gegeben, wo es langgeht. Auf keinen Fall Rot-Rot-Grün, Parteiprogramme seien eigentlich überflüssig, die SPD sei außerdem eine Ansammlung von Sauertöpfen, die freien Geistern, wie er wohl einer ist, gleich ein Tribunal androhe. Seinen Nachfolger als Kanzlerkandidat nennt er in einem Atemzug mit Erich Honecker.

Diese Einlassungen verraten keine Sorge um die strauchelnde Partei – sie verströmen den unguten Gestus, einem Fallenden einen Tritt zu versetzen. Dass ausgerechnet Peer Steinbrück, der ein Abonnement auf Wahlniederlage hatte, der SPD Strategietipps gibt, ist ohnehin Zeichen für mehr als kühnes Selbstbewusstsein.

Derzeit ist der Expolitiker Bankberater, nebenbei macht er Werbung für eine Comedytour. In erster Linie ist dieser Interviewauftritt Promotion für die Freizeitbeschäftigung eines Politrentners. Hier mag ein Nachwuchskomiker reden, gehört wird natürlich der Exkanzlerkandidat. Das gehört natürlich zum Kalkül.

Angesichts dieser dröhnenden Selbstbezüglichkeit mag man fast wehmütig an den Typus des Parteisoldaten denken, dem das Kollektiv alles, das Ich wenig war. Bei Steinbrück ist es nicht nur andersherum – sein Ich kommt nur in Fahrt, wenn es sich vom Kollektiv abhebt und er die Partei schmähen darf.

„Ein Narziss unwahrscheinlichen Ausmaßes, ein Angeber“, sagt Steinbrück über US-Präsident Donald Trump. Bei dieser Diagnose gilt: Peer Steinbrück weiß, wovon er redet.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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