Bauernverband über Vögelsterben

„Auch Katzen gefährden Feldvögel“

Die Bundesregierung sieht die Landwirtschaft in der Verantwortung. Steffen Pingen vom Bauernverband verteidigt sich gegen die Vorwürfe.

Ein Schild auf dem Tempelhofer Feld verkündet: Hier brütet die Feldlerche von April bis Juli

Trotz maunzender Bedrohung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin noch zu finden: die Feldlerche Foto: imago/Stefan Zeitz

taz: Herr Pingen, es gibt immer weniger Vögel in Deutschland. Die Bundesregierung hat dafür kürzlich in einem Bericht für Parlamentarier die intensive Landwirtschaft verantwortlich gemacht. Zu Recht?

Steffen Pingen: Man sollte alle Gefährdungsursachen erwähnen und nicht nur auf die Landwirtschaft schauen. Die Bundesregierung weist explizit darauf hin, dass der Rückgang des Vogelbestands in der Agrarlandschaft viele Gründe hat. Man muss etwa berücksichtigen, dass in den letzten 25 Jahren eine Million Hektar landwirtschaftliche Fläche durch Siedlungsbau und Verkehr in Anspruch genommen wurden und darum dauerhaft als Lebensraum für Vögel der Agrarlandschaft verloren sind. Eine weitere relevante Gefährdung für Feldvögel stellen Prädatoren wie Krähen, Waschbären, Füchse und Hauskatzen dar. Ferner sind einige Arten der Agrarlandschaft Zugvögel, die in Frankreich und Nordafrika gejagt werden.

Hauskatzen nennen Sie als Hauptursache?

Nein, aber es gibt durchaus Vogelarten, bei denen Prädatoren wie Fuchs und Hauskatze vonseiten des Naturschutzes neben dem Verlust von Lebensräumen als eine ernstzunehmende Ursache für den Rückgang des Artenbestands genannt werden. Zum Beispiel bei der Feldlerche oder bei dem Braunkehlchen.

Wie schätzen Sie die Rolle der Pestizide ein?

Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und der Entwicklung der Artenvielfalt besteht noch viel Forschungs- und Monitoringbedarf. In Bezug auf den Insektenbestand ist die Landwirtschaft gerne bereit, beispielsweise über Agrar­umweltmaßnahmen die Insektenbestände und besonders die Nützlinge zu fördern.

Der 45-Jährige ist Fachbereichsleiter Umwelt des Deutschen Bauernverbands.

Laut Bundesregierung haben die Maßnahmen der Landwirtschaft kaum einen Beitrag gegen den Bestandsrückgang der Vogelarten geleistet.

Wir machen uns als Bauernverband gemeinsam mit Imkern sowie Umwelt- und Wasserverbänden für eine gezielte Nutzung des Greening stark. Das Greening ist eine Regelung der EU-Agrarpolitik, die das Anlegen von ökologischen Vorrangflächen wie Blühstreifen und eine Flächennutzung im Interesse des Umweltschutzes vorschreibt. Damit soll die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft geschützt und ausgebaut werden. Oft scheitert die Umsetzung von sinnvollen ökologischen Maßnahmen aber an der Kontrollbürokratie.

Der Naturschutzbund (Nabu) ruft wieder zur bundesweiten Vogelzählaktion „Stunde der Gartenvögel“ auf. Naturfreunde werden gebeten, von Freitag bis Sonntag eine Stunde lang Vögel im Garten, vom Balkon aus oder im Park zu beobachten, zu zählen und an den Nabu zu melden. Die Ergebnisse können per Internet, Telefon oder Post gemeldet werden.

Im Vorjahr hatten sich fast 45.000 Vogelfreunde an der Vogelzählung beteiligt und aus knapp 30.000 Gärten insgesamt 1,1 Millionen Vögel gemeldet. Je mehr Menschen teilnehmen, desto aussagekräftiger werde das Ergebnis, hieß es. Die Zählung findet zum 13. Mal statt. (epd)

Wie meinen Sie das?

Beim Greening bekommen die Landwirte für Umweltleistungen Prämien zu ihren Direktzahlungen. Ein großes Hemmnis dabei ist aber, dass beispielsweise die Flächengrößen auf den Quadratmeter genau angegeben werden müssen, was in der Landschaft oft schwer realisierbar ist. Selbst bei kleinen Abweichungen kommt es zu Kürzungen der Direktzahlungen. Die Landwirte würden gern mehr für den Naturschutz tun, haben dabei allerdings ein hohes Sanktionsrisiko. Kontrollbehörden raten daher oft von der Anlage von Puffer- und Blühstreifen im Greening ab. Die Kontrollbürokratie bremst die Landwirte also eher, anstatt sie bei der Umsetzung von Umweltmaßnahmen zu unterstützen.

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