piwik no script img

taz Talk im „Problemkiez“Wenn das Dach überm Kopf wackelt

Was stimmt nicht mit diesem Kiez? Beim taz Talk auf dem Mehringplatz fehlen ausgerechnet diejenigen, die das am besten beantworten könnten.

Was, wenn nicht „urban“, ist dieser Platz? Die Nachmittagssonne scheint auf die klassizistische Säule mit ihrer Siegesgöttin, Tauben flattern herum, am Eingang zur U6 herrscht Kommen und Gehen. Im Hintergrund wird Straßenschach gespielt, und die Kreuzberger Jugend chillt mit ihren Vapes am Rande des Mittelrondells, auf dem es üppig sprießt – Spontanvegetation, die heutzutage aber auch locker als klimafreundlich durchgeht.

Dabei sind die Themen, die auf der kleinen Bühne neben dem U-Bahn-Eingang durchdekliniert werden, alles andere als idyllisch. „Quo vadis, Mehringplatz?“ heißt der taz Talk im Rahmen des „Kultursommers am Mehringplatz“, der hier am Donnerstag stattfindet. Von „Brennpunkt“, von Armut, Müll und Gewalt ist in der Ankündigung die Rede. Eine PolitikerInnenrunde soll klären, ob es sich hier um einen „failed Kiez“ handelt, und, wenn ja, was dagegen unternommen werden kann.

Mit auf dem von den Redakteuren Uwe Rada und Rainer Rutz moderierten Podium sitzt auch der Stichwortgeber: der Anwohner und Schriftsteller Markus Liske. Mit seiner Ko-Autorin Manja Präkels hat er vor zweieinhalb Jahren für die taz einen wütenden Text über die Missstände in der Großwohnsiedlung aus den 1970ern geschrieben, die – aus heutiger Sicht etwas überraschend – am unteren Ende der Friedrichstraße aufragt.

„Viktoria? Für’n Arsch“ hieß jener Text, der Titel nimmt Bezug auf die Statue, die mit gespreizten Flügeln über dem Elend trohnt. Hat sich seitdem etwas geändert? In Bezug auf die Gewalt ja, sagt Liske – aber nur, weil die Mitglieder der Jugendbande, die jahrelang die AnwohnerInnen terrorisiert habe, aus dieser Phase herausgewachsen seien. Die säßen jetzt im Knast oder widmeten sich einer professionellen Drogenkarriere, vermutet Liske. „Bis das nachwächst, haben wir hier gewissermaßen Pause.“

Der Gegner ist nicht erschienen

Und so steht das Gewaltthema auch nicht im Mittelpunkt des Gesprächs, an dem sich die Kreuzberger Abgeordneten Katrin Schmidberger (Grüne) und Sevim Aydin (SPD), Linken Ko-Chefin Kerstin Wolter und CDU-Bezirksstadtrat Max Kindler beteiligen. Die eigentlichen Gegner, auch aus Sicht vieler der rund 50 ZuhörerInnen, sind andere – und trotz Einladung nicht erschienen: die beiden Wohnungsbaugesellschaften Howoge und Gewobag, die für die Missstände in den Gebäuden und den Anlagen dazwischen verantwortlich zeichnen.

Von massivem Sanierungsstau und fehlenden Ansprechpartnern ist die Rede, von stillstehenden Fahrstühlen, dunklen Ecken und einer Rattenfamilie, die einen Müllraum erfolgreich gegen dessen eigentliche NutzerInnen verteidigt. „Das Grundproblem bei den kommunalen Gesellschaften ist, dass es keine festen Hausmeister gibt und alles an Dienstleister ausgelagert wird“, kritisiert Markus Liske. „Die beauftragten dann wiederum andere Dienstleister, und am Ende tut niemand etwas.“

Sevim Aydin hat vollstes Verständnis für diese Kritik: Ja, die stark gewachsenen Wohnungsbaugesellschaften müssten sich deutlich mehr um den Bestand kümmern, sagt sie, und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen müsse das stärker kontrollieren. Das habe der Senator – ihr Genosse Christian Gaebler – schon verstanden. Sie selbst versuche, aus dem Abgeordnetenhaus heraus auf die Aufsichtsräte einzuwirken.

„Brauchen wieder feste Hausmeister“

Katrin Schmidberger räumt selbstkritisch ein, dass die Bestandspflege schon unter Rot-Rot-Grün und Rot-Grün-Rot zu kurz gekommen sei: „Wenn man immer nur ‚Bauen, Bauen, Bauen‘ sagt, kommt so was dabei raus.“ Mehr Geld für Sanierung müsse her und die parlamentarische Kontrolle ausgebaut werden. „Aktuell erscheinen die Gesellschaften einmal im Jahr im Ausschuss für Beteiligungsmanagement, das war’s.“

Kerstin Wolter erzählt von einem Wien-Besuch, bei dem sie gerade erlebt habe, wie es viel besser gehe – mit festen Büros und Ansprechpartnern für die städtischen Wohnanlagen. „Es müssen auch hier wieder Hausmeister angestellt werden“, fordert sie. Was ja schon geschehe, wirft Sevim Aydin ein, gerade die Gewobag baue aktuell wieder ein eigenes Team zur Versorgung der Wohnungsbestände auf.

Max Kindler wiederum wünscht sich eine „bessere Durchmischung“ des Kiezes. Ob er damit Projekte wie den geplanten Hochhausbau mit Luxusapartments an der Franz-Klühs-Straße um die Ecke meine, will Moderator Rutz wissen. Kindler wiegelt ab: Es reiche doch schon, wenn nicht mehr alle Wohnungen ausschließlich an Haushalte mit einem Wohnberechtigungsschein (WBS) vergeben würden.

Am Ende geht es dann auch noch um den Müll, der an diesem Tag zumindest auf den Außenanlagen rund um den Platz weitgehend unsichtbar bleibt. Es müsse endlich wieder wohnungsnahe Sperrmüllabholungen geben, fordert Linken-Chefin Wolter, schließlich hätten viele Menschen weder Auto noch Führerschein, um einen Recyclinghof der BSR anzusteuern. Stadtrat Kindler verweist auf den neuen Bußgeldkatalog, nach dem eine achtlos weggeworfene Kippe mit 250 Euro geahndet wird. Der müsse noch bekannter werden. „Als ob das irgendwer kontrolliert“, murmelt eine Zuhörerin.

Ein kleines bisschen Situationskomik gibt es irgendwann auch noch: Als die Sonne hinter den Rundbauten verschwindet und der Wind auffrischt, kommt das Zelt um das Podium ins Straucheln. „Fällt uns jetzt das Dach auf den Kopf?“, fragt einer der Moderatoren. „Das fragen wir uns hier jeden Tag“, ruft jemand in den hinteren Reihen, und es wird gelacht.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare