Not-in-my-backyard-Konflikt in Kreuzberg: Eltern sind irritiert und besorgt
Junge Erwachsene mit Suchterfahrung neben einer Kreuzberger Grundschule? Darüber ist eine Debatte entbrannt. Der Bezirk warnt vor pauschaler Diffamierung.
Die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks ist seit einigen Wochen aufgehoben. Während dieser Zeit hielten sich vermehrt schwer suchtkranke Menschen in den benachbarten Wohngegenden auf, teilweise zum offenen Drogenkonsum – auch im Umfeld der Rosa-Parks-Grundschule. Kaum war die Lage im Viertel wieder etwas ruhiger geworden, kommt es nun für einen Teil der Eltern zum Eklat.
In einer Pressemitteilung kündigte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg an, dass die Tannenhof-Schule – eine Schule des Zweiten Bildungswegs für junge Erwachsene mit Suchterfahrung – für zunächst zwei Jahre ins Gebäude neben der Grundschule einziehen soll. Beide Schulen werden organisatorisch getrennt. Die Erwachsenen nutzen einen eigenen Eingang und ausschließlich die oberen Etagen. „Begegnungen“ von Schüler*innen der beiden Schulen „auf dem Schulhof“ seien „ausgeschlossen“.
Ein Teil der Eltern reagierte auf diese Ankündigung empört. Die Arbeit der Tannenhof-Schule sei zwar „anerkennenswert und wichtig“, heißt es in einer Petition für den „Erhalt der Rosa-Parks-Grundschule als Schutzraum für Kinder“. Die „Präsenz“ von Menschen mit „problematischen Vergangenheiten“ könne jedoch das Sicherheitsgefühl der Kinder beeinträchtigen. Deshalb sei der Standort „ungeeignet“, so die Initiator*innen.
Ein Vater berichtet, er sei „sehr besorgt“ und überlege sogar, seine Kinder „von der Schule abzumelden“. Über den Einwand, die Tannenhof-Schule würde nur das Nebengebäude nutzen und hätte keinen Zugang zum Schulhof, zeigte er sich eher überrascht. Trotzdem habe es „zu wenige Infos“ gegeben – und das „kurz vor den Sommerferien“.
„Gesellschaftliche Teilhabe“
Der Bezirk begründet die späte Information mit der erst kurzfristig erzielten Einigung zwischen Senat und den beteiligten Bezirken. Auf Anfrage der taz erklärt das Bezirksamt, man habe Verständnis für die Sorgen der Eltern. „Kein Verständnis“ habe man jedoch für Eltern, die „suchtkranke Menschen, die drogenfrei leben“, pauschal als Bedrohung darstellten.
Auch der Schulleiter nehme die „Sorgen eines Teils der Elternschaft ernst“. Eine Gefährdung der Kinder sehe er jedoch nicht. Die Tannenhof-Schule ermögliche ihrer Klientel seit Jahren nachweislich „gesellschaftliche Teilhabe“. Offene Fragen sollen diese Woche bei einer Informationsveranstaltung geklärt werden.
Der Fall erinnert in erster Linie an klassische „Not in my backyard“-Debatten. Immer wieder entstehen Anwohnerinitiativen, die neue Projekte, wie Windräder und soziale Einrichtungen etc., grundsätzlich unterstützenswert finden, solange sie nicht in der eigenen Nachbarschaft entstehen.
In diesem Fall stellt kaum jemand die Arbeit der Tannenhof-Schule grundsätzlich infrage, ihren Standort hingegen schon. Oft kommt es dabei zu Symptombekämpfung, statt zur Analyse der tatsächlichen Ursachen. So auch hier. Während Maßnahmen wie die Schließung des Görlitzer Parks vor allem zur räumlichen Verlagerung der Probleme führten, gehört eine Einrichtung wie die Tannenhof-Schule zu jener sozialen Infrastruktur, die Menschen zurück ins Leben holen soll – um ebenjenen Problemen nachhaltig entgegenzuwirken.
Das dies derzeit kaum Thema ist, zeigt allerdings, wie wichtig es ist, von politischen Entscheidungen betroffene Gruppen zeitnah und für alle zugänglich in die Pläne miteinzubinden. Das könnte emotional geführte Debatten frühzeitig entschärfen, ohne Vertrauen aufs Spiel zu setzen.
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