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Prora auf RügenEin Staffellauf für Demokratie und Vielfalt

Katja Lucke ist Historikerin und leitet das Dokumentationszentrum Prora auf Rügen. Vor den Landtagswahlen ruft sie zu einer sportlichen Demo auf.

In Badehose und Flipflops, mit Handtuch, Sonnenschirm und Schwimmreifen schlappen die Menschen durch den baufälligen Durchgang Richtung Strand. Er wird durch Stahlträger gestützt, die Fensterscheiben über dem Durchgang sind teils zerbrochen. Rechts daneben sieht das gleiche Gebäude ganz anders aus. Hier ist es strahlend weiß gestrichen, die Fenster vergrößert. Dahinter verbergen sich sanierte Loft-Ferienwohnungen. Willkommen in Prora.

Katja Luckes Arbeitsplatz liegt in einem Seitenflügel, niedriger als der Gebäudestrang, der sich 4,5 Kilometer am Meer entlangzieht. Nicht so verfallen wie der Teil über dem Durchgang, nicht so strahlend weiß wie die neuen Ferienwohnungen. Lucke leitet das Dokumentationszentrum Prora, das seit 26 Jahren über die von den Nazis für 20.000 Menschen geplante aber nie fertig gestellte Ferienanlage im Ostseebad Binz auf Rügen informiert. Daneben gibt es wechselnde Ausstellungen, aktuell etwa „Die Nazis waren ja nicht einfach weg“ über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe nach 1945, die vorher bereits in der Topographie des Terrors in Berlin zu sehen war.

Prora hat eine bewegende Geschichte: Ab 1939 nutzte die Luftwaffe einen Teil der Gebäude, anschließend die Sowjetarmee, schließlich die Nationale Volksarmee der DDR. 1994 wurde der Komplex unter Denkmalschutz gestellt, später Gebäudeteile an Investoren verkauft. Im nördlichen Teil ist eine Jugendherberge untergebracht.

Lucke arbeitet seit 2012 im Dokumentationszentrum, seit 2015 ist sie dessen Chefin. Sie selbst nennt sich so nicht. „Wir machen das alles im Team“, sagt sie der taz am Telefon, aber dass es eben Zuständigkeiten brauche. Die Historikerin ist für den wissenschaftlichen Bereich des Dokumentationszentrums zuständig, verantwortet vor allem das Bildungsprogramm und die Veranstaltungen. Vorher war sie für verschiedene historische Einrichtungen tätig, meist zur NS-Geschichte: darunter die Topographie des Terrors und das Museum Karlshorst in Berlin, die Erinnerungsstätte Yad Vashem in Jerusalem.

„AfD gefährdet auch historische Bildung“

Der Sommer, wenn die Feriengäste nach Rügen kommen, ist auch für Lucke und ihr Team Hochsaison. In den kommenden beiden Wochen gibt es eine Lesung im Rahmen der aktuellen Ausstellung über im NS-Jargon sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“, ein Theaterstück über die Geschichte des „KdF-Seebades“, und der taz-Autor Andreas Speit stellt sein Buch „Autoritäre Rebellion“ vor.

Aktuell gebe es eine große Nachfrage von Schulen zum Thema Rechtsextremismus, erzählt Lucke. Kein Wunder: Am 20. September ist Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, und die AfD liegt in Umfragen mit 36 Prozent auf dem ersten Platz. Lucke macht das Sorgen. „Wer hätte gedacht, dass wir nochmal die Demokratie und kulturelle Vielfalt verteidigen müssen.“ Auch aus diesem Grund: „Wenn die AfD die meisten Stimmen holt, dann sind potenziell auch die Landeszentrale für politische Bildung und historische Bildungsstätten gefährdet.“

Um Haltung zu zeigen, hat sich Lucke daher etwas Ungewöhnliches ausgedacht: Am 5. September lädt das Dokumentationszentrum zum „Staffellauf für Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt“ ein. Sie laufe selbst gerne, sagt Lucke, überhaupt seien viele aus dem Team nicht nur eine „engagierte Truppe“, sondern auch sportbegeistert. Allerdings gehe es bei dem Lauf nicht um Schnelligkeit. „Wir wollen ein kleines, buntes Zeichen vor den Wahlen setzen.“ Der Fahrradverleih vor Ort habe schon Interesse bekundet, teilzunehmen, ebenso lokale Restaurantbesitzer, und auch Teams aus den nahen Schulen und der Jugendherberge hätten sich angemeldet.

Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen wir Engagierte aus der Zivilgesellschaft vor. Alle Texte finden Sie hier.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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